Grotus

futter für die massen

22.03.1996, 21:54, Text: Autor unbekannt

?: \"Masses\" ist definitiv bluesinfiziert, was angesichts der Tatsache, daß die \"Haujobb\"-EP hier völlig untergegangen ist, nicht so einfach nachzuvollziehen ist.

!: Auf unserem Debüt \"Brown\" sind eine Handvoll Tracks, die dieses eher einsame, bluesige Feeling haben. Lars' knurrige Stimme ist prädestiniert für solche Stücke. Ich für meinen Teil habe die letzten Jahre hauptsächlich Blues-Scheiben der zwanziger und dreißiger Jahre gehört, diese Jungs, die weder lesen noch schreiben konnten und auf Schuhkarton-Gitarren spielten. Ich denke, es ist einfach der schaurige, versoffene, depressive Vibe, zu dem ich eine ganz besondere Verbindung habe.

Auf \"Slow Motion\" haben wir versucht, Maschinen mit Sitar und Tablas zu kombinieren, diesmal packen wir sie mit Bluessounds zusammen.

?: Das Ergebnis erinnert streckenweise stark an ENNIO MORRICONEs Spaghetti-Western-Soundtracks.

!: MORRICONE, aber auch Roadmovie-Soundtracks wie RY COODERs Slidesounds zu \"Paris, Texas\" haben uns maßgeblich beeinflußt. Es geht darum, eine Mixtur aus Rocksongs und diesen Filmskills zu kreieren.

?: Eine ganze Menge Klischee-Spielerei.

!: Richtig. Manchmal, wenn du ein Klischee - z. B. einen HipHop-Beat, der an sich ein reines Klischee ist - in ein völlig anderes Umfeld montierst - sagen wir, du legst ein Akkordeon drüber -, bekommt es einen völlig neuen, anderen Charakter.

?: Sowohl das bewußte Spiel mit den Klischees als auch der Soundtrack-Charakter der Songs wird durch diese Fetzen aus Trashvideos, Real-Live-Serials und News, die ihr während der Show zeigt, noch unterstrichen.

!: Wir haben eine Reihe von Songs auf der Platte, die sich mit dem Effekt der ständigen Gewaltdarstellung im Fernsehen auseinandersetzen. Die Videos, die wir bei der Show zeigen, haben dementsprechend eine Menge Input von TV-Shows. In den Staaten gibt es z. B. diese Show namens \"Cops\", eine im Dokumentarstil gemachte Serie über \"wirkliche\" Polizisten. Der gesamte Einsatz wird mitgefilmt. Die Leute lieben diesen Dreck. Tatsächlich wollen sie natürlich nur sehen, wie jemand zusammengeprügelt wird, und nicht, ob der lange Arm unserer Justiz korrekt handelt.

?: Wie in diesen apokalyptischen Science-fiction-Filmen, wo jeder Bulle sein eigenes Kamerateam dabeihat.

!: Genau das wird passieren. Guck dir doch den Simpson-Prozeß an, das ist nur der Anfang. Irgendwann hat jeder eine Videokamera, und dann kann jede noch so intime Erfahrung, egal, ob ein Mensch nun zur Toilette geht oder ein Kind zur Welt bringt, aufgezeichnet und veröffentlich werden.

?: Du meinst das Neueste aus dem OP oder Sexshows aus den Schlafzimmern der Nation?

!: Ganz genau, und das wird den Blick der Leute völlig verändern. Wenn du etwas oft genug gesehen hast, dann löst es nichts mehr aus bei dir.

?: Die Fixierung auf Secondhand-Erfahrungen, wie bei Leuten, die im Bett keinen mehr hochbekommen, weil sie zuviel Pornos gesehen haben.

!: Exakt. Genau das ist ein Grundthema des Albums. Tatsächlich entwickelt sich unser Leben immer mehr in diese Richtung. Den meisten Menschen fehlt doch mittlerweile der Wille, für sich selbst zu denken und eigene, originäre Erfahrungen zu machen. Sie haben zuviel zu tun, lassen sich vom Job völlig unterdrücken. Alles, was ihnen also übrigbleibt, ist, das Leben quasi fremdzuerfahren.

?: Ist das, wie ja beim Vorgänger schon, einer der Gründe, das Album „Masses“ zu nennen, die Indoktrinierbarkeit der Massen?

!: Das Wort \"Massen\" hat so viele Bedeutungen. Massenmedien, Massenkultur, aber auch eine Platte auf einem Majorlabel herauszubringen, spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle: ein wenig sarkastisch, so nach dem Motto \"let's give it to the masses\".



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aus Intro #33 (April 1996)
 
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