Fugees

ein bißchen familiengeschichte

18.03.1996, 14:24, Text: Autor unbekannt

Vielleicht hat die Vereintheit der FUGEES - ihr Streben nach einem familiären Zusammenhalt und einem gemeinsamen Weg - sie derart gekräftigt, daß sie mit \"The Score\" eine Meßlatte auflegen konnten, die aus einem etablierten und \"wirklich einheimischen\" Lager so nicht hätte kommen können. Ganz einfach, weil die FUGEES letztendlich niemandem etwas beweisen mußten - nur sich selbst. In den Zeiten allgemeiner Bestrebungen zum Single-Dasein im HipHop kontern sie mit Familienbildung. Daß dies ganz nebenbei - als nahezu verständlich - zu einem überklaren Beweis ihrer enormen Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten geraten ist, halten wir hier jetzt einfach einmal fest.

Eine kleine Familienreise Was passiert nun, wenn die Familie auf Reisen geht und einer von ihnen - wenn auch nur für zwei Tage - nicht ins Land gelassen wird? Dann zeigen sich die anderen solidarisch und denken daran, die Einreise zu verweigern.

Wäre dieser Umstand eingetreten, hätten wir uns alle ohne ein Interview begnügen müssen. Zum Glück aber müssen auch Musiker gewissen Pflichten manchmal nachkommen. Dennoch: Wyclef durfte nicht, Lauryn wollte nicht mehr, also blieb nur noch der Dritte im Bunde.
Damit lassen wir ihn - Pras von den fabulösen FUGEES - zu Worte kommen (nicht einmal gegessen hatte er, geschweige denn geschlafen oder sich frisch gemacht).

Einer für alle
INTRO: Erklär' uns doch bitte kurz, woher die Reggae-Einflüsse in eurer Musik kommen?

Pras: Wir lieben den Reggae. Er ist für uns wichtig. Als Haitianer gehören wir schließlich zu den Bewohnern der westindischen Inseln. Eine Menge unserer Freunde kommen von dort. Wie auf Jamaika hörten wir viel Calypso, R&B, Jazz und Reggae, und als wir aufwuchsen, war BOB MARLEY für uns die Nr. 1. Mann, in Brooklyn ist es fast wie auf Jamaika. Du bekommst fast automatisch diesen vibe, und von all dem leitet sich der Reggae in unserer Musik ab. Samstagabend zum Beispiel waren wir noch auf einem Soundclash in Brooklyn. Da waren diese zwei jamaikanischen DJs auf dieser Bühne - und an die tausend Leute in dem Club. Sie spielten Dubs, und wenn die DJs einen besonders dopen Mix auflegten, fingen die Leute an zu kreischen und zu schreien, und einige schossen in die Luft. Mann, ich werde noch lange an diesen Samstag denken.

INTRO: Was denkst du, warum ist euer Album so gut bei den Leuten angekommen?

Pras: Ich glaube, das liegt daran, daß es niemand von uns erwartet hat. Weißt du, das erste Album ging nicht so gut, obwohl die Leute schon gemerkt haben, daß wir etwas können. Aber irgendwie hatten sie es verpennt, und jetzt - bang! - sind sie aufgewacht. Wir mußten die Leute wecken, und genau das haben wir gemacht. Deswegen geht das neue Album sehr, sehr gut. Ich danke Gott dafür - Gott gab uns das Talent, es zu schaffen.

INTRO: Warum HipHop, warum nicht Reggae oder sonstwas? Heavy Metal?

Pras: Wir sind mit HipHop und dem ganzen Drumherum aufgewachsen. Graffiti, Breakdance - das haben wir alles mitgemacht. Ich bin kein Reggae-Künstler, wir sind eine HipHop-Group. Und weißt du was? Ich höre gar nicht soviel Rap, ich höre auch gerne Rockmusik: CRANBERRIES; ELTON JOHN; PHIL COLLINS; GREEN DAY ...

INTRO: Unglaublich!

Pras: Ja sicher, Mann. Zuhause habe ich in meinem Zimmer vielleicht 1.000 CDs, aber nur 200 davon sind Rap - nee, eher nur 100. Der Rest ist viel Rockmusik. Ich habe mehr Rock als alte R&B- oder Soul-Sachen.

INTRO: Du spielst auch viele Instrumente, oder nicht? Pras: Wyclef und ich spielen die meisten Instrumente. Wir sind mit der Kirche groß geworden. Dort haben wir gelernt, Instrumente zu spielen.

INTRO: Was habt ihr bezüglich der neuen Platte anders gemacht als auf der ersten?

Pras: Nun, wenn du dir das erste Album anhörst und dann das zweite, könntest du fast meinen, daß es sich um zwei verschiedene Gruppen handelt. Zuallererst - und das war das Wichtigste - haben wir unsere Produktionsweise geändert. Wir haben uns diesmal selbst produziert: Refugee Camp Entertainment. Beim ersten Album haben wir darauf hören müssen, was uns gesagt wurde, und das brauchten wir diesmal nicht. Es ist musikalisch wie textlich eine Evolution. Viele Gruppen nehmen sich nicht die Zeit, sich zu entwickeln. Entweder sie werden bequem, und wenn sie dann ein zweites Album machen, ist das so bequem, daß sich die Zuhörer nicht mehr dazu bewegen können, oder sie wachsen so schnell, daß das zweite Album nicht mehr mitwachsen kann.

INTRO: Was habt ihr aus begangenen Fehlern oder den vergangenen Zeiten generell gelernt?

Pras: Ich habe mir das erste Album etwas größer gewünscht, als es schließlich wurde, aber deswegen mache ich mich nicht mehr verrückt. Wir haben durch das erste Album unsere Foundation gründen können, unser Name wurde groß. Darüber bin ich glücklich, denn das hat uns am Boden gehalten. Letztendlich hat uns das mit Sicherheit mehr gedient. Wir haben einfach noch alles im Griff.

INTRO: Was hat es mit den Untertiteln \"Tranzlator Crew\" bzw. \"Refugee Camp\" auf sich?

Pras: Unsere ursprüngliche Band hieß \"Tranzlator\". Wir konnten den Namen aber nicht behalten, da ihn eine andere Band besaß. Und \"Refugee Camp\" - das ist unser Label, unsere Plattenfirma, die Produktion; das sind wir selbst. Wir sind Flüchtlinge in einem Lager. WU TANG CLAN repräsentieren den WU TANG; NOTORIOUS B.I.G., CRAIG MACK die bad boys. SNOOP DOGGY DOG ist auf „Death Row“. Alles was er macht, hat mit Tod zu tun, und all das stellen sie dar (sehr eindringlich): We represent refugees in a camp.

INTRO: An welcher Stelle seht ihr euch selbst in der HipHop-community?

PRAS: Wir sind neu und innovativ - smooth, aber trotzdem von der Straße. Von vielen Kritikern wurden wir \"alternativ\" gestempelt. In der HipHop-Community sieht man uns eher in Richtung von NOTORIOUS B.I.G. und WU TANG, obwohl wir die Sache unterschiedlich angehen. Letztens hatten wir eine Show in Miami zusammen mit WU TANG, BIGGIE und ein paar anderen, und nach der Show kam METHOD MAN zu mir und sagte: \"Laß dir nie sagen, euer Album - eure Musik sei alternativ. HipHop hat keine Alternative, und Euer Album bedeutet die nächste Stufe.“ Er wußte, daß wir nicht so etwas wie alternativ sind. WU TANG, BIGGIE - sie haben den HipHop auf eine nächste Stufe gebracht, und das machen wir jetzt.

INTRO: Habt ihr eigentlich von irgendjemand aus der HipHop-Community Hilfestellung gehabt?

Pras: Ooh, nooo! Mann, es war schon hart, als wir nach oben wollten. In den Staaten geht es darum, wer mit wem unten ist. Wir waren zuerst so gut wie niemand. Zu dieser Zeit waren DR. DRE, NAUGHTY BY NATURE und REDMAN groß draußen, und sie hatten alle ihren Rückhalt. Wir mußten erst unsere eigene Foundation gründen. Weißt du, es war nicht so wie bei JUNIOR M.A.F.I.A., die unter BIGGIE so richtig hochgekommen sind. Ich weiß nicht, wie es in Europa ist, aber wenn du in den Staaten in eine neue Schule oder einen neuen Block kommst, dann mußt du dich erst mal vor den anderen beweisen. Du mußt dir einen Namen machen, und genau das mußten wir auch tun.

INTRO: Das ist also der Familienbetrieb?

Pras: Ja genau, Mann. Du mußt eine Familie, ein Fundament haben, denn sonst bist du gefickt. Genau das passiert dann.

INTRO: Was bedeuten für dich \"Message\" und \"gute Lyrics\"?

Pras: Gute Texte bedeuten für mich persönlich, daß man zuallererst ehrlich ist. Ich muß mir selbst gegenüber in meinen Lyrics ehrlich sein. Die Leute erzählen von so vielen Dingen. Weißt du, ich erzähle von meinen Gefühlen, aber von nichts, was nicht wirklich ist. Verdammt, wie kann ich jemandem vom Sterben erzählen, wenn ich gar nicht weiß, wie es ist zu sterben. Was ein Scheiß. Viele Rapper erzählen Dinge, von denen sie absolut keine Ahnung haben, oder von Dingen, die mit ihrem wirklichen Leben nichts zu tun haben. Was sie dabei jedoch vergessen, ist die Tatsache, daß HipHop einen unheimlichen Einfluß auf die Kids hat. Verdammt, diese Kids glauben an das, was die Rapper ihnen sagen. Und dann versuchen sie auch noch, die Rapper zu imitieren, aber die glauben ja selbst nicht einmal, was sie da vorgeben. Genau deswegen hat HipHop auch eine so beschissene Seite. Das Tückische für die Kids ist ... - warte, ich geb' dir ein Beispiel: Stell' dir einen Filmhelden vor, mit seinen Schießereien und Kämpfen, wie er stirbt und wiederkommt und den ganzen Scheiß - das ist ein Film, und uns ist es klar. Das ist das gleiche mit den Rappern: Sie erzählen uns einen Film, nur daß sie den Beweis schuldig bleiben, aber die Kinder verstehen das nicht, daß es sich doch nur um eine Fantasie handelt. Weißt du, ich möchte es nicht erleben, daß ein Kind meinetwegen erschossen wird. Die Kinder glauben daran. Sie respektieren dich, schauen zu dir auf und sie glauben, daß deine Worte wahr sind, obwohl sie es nicht sind. Ich weiß um die Verantwortung, die in meinen Worten liegt. Damit du mich richtig verstehst. Ich sage nicht, daß die Rapper kein Geld verdienen sollen. Ich sage auch nicht, daß man keinen Rap machen sollte. Es geht nur darum zu sagen: Paßt auf, dieser Scheiß ist nicht echt. Ich sage nur, was meine Kumpels erlebt haben, was ich gehört habe. Mehr nicht.

Etwas Familienglück
Ans Ende dieser Ausführungen möchte ich eine kleine Anekdote, die sich am Rande dieses chaotischen Tages abspielte, stellen. Ein anderes Mitglied der FUGEES-Familie, ein Mann des Reggaes, der sich schlicht \"Godfather“ nennt und auch abends auf der Bühne die Familie sizilianischer Abstammung (ja, ja - die Inselvölker) in seiner äußeren Erscheinung repräsentierte - er zeigte übrigens auch bei unseren gemeinsamen, saftigen Long-Drinks ein ähnlich versöhnlich-entspanntes Gemüt wie Don Corleone -, wollte eigentlich nur eines wissen: Was heißt auf Deutsch \"Protect my family\"? Ich bin mir sicher, daß er den Zettel mit der Antwort, den er mit großem Vergnügen immer wieder vor sich hin las, in sein großes Familienbilder-Sammelalbum einsortiert hat. Schön, daß auch wir damit einen Teil zum Familienglück beitragen konnten.



Artikel kommentieren
aus Intro #33 (April 1996)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]