Stereolab
15.03.1996, 17:19, Text: Autor unbekannt
INTRO: Wie war das für euch, mit PULP auf Tour zu gehen? War das in irgendeiner Form beängstigend, wie das als Pop-Phänomen aufgegriffen wurde?
Tim: Beängstigend für PULP?
INTRO: Nein, für euch ...
Tim: Oh nein! Das wird uns nie passieren!
INTRO: Aber PULP haben schließlich jahrelang mehr oder weniger das gleiche gemacht.
Tim: Nein, trotzdem, uns nicht. Da muß man schon was an sich haben, für dieses Pop-Ding, das haben wir nicht.
INTRO: Ich habe das auf erschreckendste Art bei EDWYN COLLINS erlebt. Während er einige ORANGE JUICE-Klassiker spielte, warteten die meisten nur gelangweilt auf die Single, um ...
Tim: Das haben wir bei WEEZER in den Staaten gesehen, alle gähnten, bis sie diesen Hit spielten.
Laetitia: Wobei die PULP-Fans echt jedes einzelne Lied mitgesungen haben.
INTRO: Diesmal habt ihr mit John von TORTOISE in Chicago aufgenommen. Wäre es für euch eine Überlegung wert, die ganze Gruppe umzusiedeln?
Tim: Nein, wir werden schon in London bleiben.
Laetitia: Ich konnte es nicht abwarten, aus Paris wegzukommen.
INTRO: War das immer so, oder wurde das Gefühl stärker, als du dich mehr mit Musik beschäftigt hast?
Laetitia: Das Gefühl ist definitiv gewachsen.
INTRO: Wie ist es für dich, jetzt in Frankreich zu spielen?
Laetitia: Dort werden wir immer noch am wenigsten akzeptiert, wir spielten mit den CONNELLS, und für sie war es so, wie du es bei EDWYN COLLINS geschildert hast, für uns war es eigentlich okay.
INTRO: Eine Zeitschrift wie „Les Inrockuptibles“ müßte euch mögen.
Laetitia: Sie hassen uns, sie haben uns immer gehaßt. Mit mir wollten sie eh nicht reden. Frauenfeindlich. Mit Tim wollten sie nur über McCARTHY reden. Nun ist es ganz schön, dorthin zu gehen, jetzt, wo wir sagen können: „Wir sind gut, hier sind die Beweise.“ Es wäre für uns wohl nicht so gut gelaufen, wenn sie uns gehypt hätten, insofern geht es in Ordnung.
INTRO: Ihr habt einen sehr eigenen Stil entwickelt, STEREOLAB hat eine sehr starke musikalische Identität. Laetitia: Wir produzieren unsere Platten immer selbst oder mit jemandem zusammen. Sean von THE HIGH LLAMAS macht viel mit uns. John von TORTOISE kennt unseren Sound.
Tim: Wobei wir ihm alle Freiheiten gegeben haben, es war mehr eine intuitive Zusammenarbeit. Im nachhinein klingt es so analytisch, im Studio spielen wir einfach los, ein Stück kann sich aus einem kleinen Motiv entwickeln, eine Idee kann über kürzeste Zeit oder über mehrere Alben hinauswirken. Ich sehe es nicht so, daß eine LP hier endet und die nächste dort anfängt. Es ist ein konstanter Entwicklungsprozeß. Wir mochten die Rhythmen von TORTOISE und wollten etwas von dieser Art auf unserer Platte haben. Aber wir haben zu keinem Zeitpunkt gesagt: „So muß es klingen“ oder so.
Laetitia: Trotzdem klingt es sehr „STEREOLAB“!!
Okay, Referenzen-Zeit: CAN ist klar, V.U. auch, FAUST sowieso (komischerweise in England immer ein größerer Kult als hier). Diesmal meine ich, eine GARY NUMAN-Bass-Line gehört zu haben. STEREOLAB paßt aber nicht in die ernsthafte Avantgarde- und trotz Retro-Keyboards auch nicht in die Easy Listening-Kiste, sie sind zu hochentwickelt für „Indie“. Was ist das für eine Gruppe?
INTRO: Nerven euch langsam diese endlosen Referenzen zu CAN, NEU und FAUST?
Tim: Es ist natürlich nicht so, daß wir nur solche Musik hören. Das wäre auch verkehrt.
Laetitia: Jetzt sind CAN und die anderen irgendwie „cool“, wahrscheinlich wird es in sechs Monaten eine SUN RA- und DON CHERRY-Szene geben, dann sind wir schon weiter!
Vielleicht ist es einfacher, STEREOLAB als einen der schönsten Zufälle der letzten zwanzig Jahre zu sehen. Es gibt schon eine Geschichte dazu: Tim, ehemaliger McCARTHY-Chef, eine Gruppe, die nie so richtig ihren Weg gefunden hat, Laetitia, eine Sängerin aus Paris, für die Londons Apathie der 80er nichts bedeutet. In der McCARTHY-Ära gab es noch THE WOLFHOUNDS, Dave Callahan (Freund der Gruppe) entdeckte mehr oder weniger gleichzeitig die FAUST-Tapes, gründete MOONSHAKE. Während seine zweite Gruppe den schwierigen Weg wählte (Sängerin Margaret verließ die Band, um LAIKA zu machen), engagierte STEREOLAB MICRODISNEY-Mann O’Hagan sowie MILK-Bassist Brown und spielte oft und immer besser. Wer sie mit MOUSE ON MARS auf der letzten Tournee gesehen hat, weiß Bescheid. STEREOLAB auf der Bühne klingt so schön wie Jane Birkin, so dringend wie „Sister Ray“ (das Lied, nicht die Gruppe). Fragt sich nur, wie es mit SONIC YOUTH wird. Wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.
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