Wolfsheim

die raupe entpuppt sich

11.03.1996, 15:04, Text: Autor unbekannt

Schon das Debüt \"No Happy View\" offenbarte die melancholische, fragile Seite der Band, Peron drückte den Songs jedoch seinen Stempel auf und produzierte extrem tanzbaren, kompakten Elektropop. Daß sich das Hamburger Duo mit diesen Klängen schon kurze Zeit später nur noch bedingt identifizieren konnte, zeigte der wiederum von Peron produzierte Nachfolger \"Popkiller\". Zwar traten die poppigen Züge ein wenig zurück, doch waren die fragmentarischen Elemente zu brachial, zu gewollt auf Pop getrimmt. Daß Peter Heppner & Markus Reinhard aus diesen Fehlern gelernt haben, zeigt ihr aktuelles Werk „Dreaming Apes“.
\"Mit 'Popkiller' hatten wir definitiv die meisten Probleme.

Darum haben wir uns diesmal viel Zeit gelassen - fast zwei Jahre. Und wären wir mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen, hätte sich die Veröffentlichung eben noch weiter nach hinten verschoben. Letztendlich hat sich aber auch die Arbeit in Carlos Perons Studio als Fehler entpuppt. Das lag gar nicht mal an ihm, uns fehlten einfach die Erfahrungswerte. Heute wissen wir endlich, worauf wir hinauswollen!\" Auf \"Dreaming Apes\" scheinen WOLFSHEIM die schon auf \"Popkiller\" vertretenen, dort jedoch nur halbherzig umgesetzten Ansätze nunmehr perfekt und ideenreich ausgearbeitet zu haben. Und auch der Produzentenstuhl wurde neu besetzt, Jose Alvarez heißt der neue Mann. Zu utopisch war Perons Vision, aus WOLFSHEIM die neuen CAMOUFLAGE und aus Peter Heppner \"den neuen Roy Black\" zu machen, gewesen. Typische Songs oder gar Hits im \"Sparrows And The Nighingales\"-Format sind auf \"Dreaming Apes\" kaum zu finden, ruhige und introvertierte Momente überwiegen - eine mutige Platte. \"Im nachhinein ist es vielleicht wirklich ein mutiges Album, was aber nicht geplant war. Es hätte auch eine durchgehend ruhige Platte werden können, ganz ohne Tanzflächenschlager wie ‘Closer Still’.\"
Die Texte zu \"Dreaming Apes\", für die wie immer Peter Heppner verantwortlich zeichnet, sind - mehr noch als früher - sehr desolater Natur. Der Protagonist sitzt oft am Fenster, beobachtet innerlich oder geographisch distanziert vom Geschehen und steigert sich in seine eigene Gefühlswelt hinein. \"Manchmal komme ich mir auch so vor. Man sitzt auf dem Berg und schaut ins Tal ... Als Künstler mußt du einfach beobachten und reflektieren, man muß sich herausstellen aus der Gruppe und die Dinge von außen betrachten.\" Auffällig ist der vermehrte Einsatz der deutschen Sprache, mit der Heppner intelligenter und sensibler als die meisten seiner Kollegen umgeht. Wie wäre es mit einem Album komplett in deutscher Sprache? „Wir könnten uns das ohne weiteres vorstellen. Doch wir legen das vorher nicht fest. Manchmal wirkt ein Lied so, als müßte es in Deutsch sein. Das ist eine reine Bauchentscheidung\", erklärt Heppner seine Vorgehensweise. Gerade bei der sehr romantischen Landschaftsbeschreibung in \"Übers Jahr\" sieht man, wie sensibel und vorsichtig er ans Werk geht. Und - es wirkt nie peinlich. \"Darauf bin ich schon stolz. Vor allen Dingen sehe ich die Gefahr, daß es peinlich werden könnte, auch meine Texte drohen manchmal zu kippen. Doch als Deutscher hat man es da recht leicht, in der deutschen Musiklandschaft gibt es so viele abschreckende Beispiele!\"
Wer WOLFSHEIM auch heute noch mit poppigen Songs à la \"Sparrows And The Nightingales\" verbindet, dürfte überrascht sein. Markus Reinhard bemerkt abschließend: \"Gerade wegen des Single-Hits gehen die Leute offener und neugieriger an unsere neuen Sachen heran. Manchmal wissen sie noch nicht, was wir damit meinen, aber sie bemühen sich, dahinterzukommen. Vor allem mit ‘Dreaming Apes’ muß man sich wohl längere Zeit auseinandersetzen, um alle Stärken und Schönheiten zu entdecken.\"



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aus Intro #33 (April 1996)
 
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