Die Glitter-Nummer
konzeptkünstler Foetus auf absturzkurs
10.03.1996, 18:02, Text: Autor unbekannt
Acht Jahre war JIM FOETUS alias Jim Thirlwell nicht mehr in Berlin gewesen. Wenn er heute von der Bühne herab betont, wie er sich freut, endlich wieder zu Hause zu sein, dann ist das sicher mehr als ehrlich gemeint. Er spricht gern von Berlin, fragt mal beiläufig im Gespräch, wie es diesem oder jenem ginge, so als wäre Deutschlands größter Molloch eine Hundert-Seelen-Gemeinde irgendwo in der Corona von New York.
FOETUS, so scheint es, wenn man seine Veröffentlichungen vom Anfang der Achtziger bis zum heutigen Tag verfolgt, ist seiner Zeit immer ein gehöriges Stück voraus. Er ist ein Konstruktivist, der sich das Prinzip der erbarmungslosen Selbstzerstörung auf die Fahnen geschrieben hat, ein Visionär, der die apokalyptische Konsequenz des Fortschrittsgedankens in der Verknüpfung seiner Musik und Persönlichkeit vorwegnimmt.
Eigentlich sollte FOETUS’ Tour schon im November ‘95 stattfinden. Was er nun auffuhr, wirkte wie eine eilig zusammengezimmerte Billig-Variante dessen, wozu er in der Lage ist. Sein regulärer Gitarrist Hahn Rowe fehlte, Avantgardist Marc Ribot, der auf dem Album die Saiten schlägt, hat gar nicht erst über eine Tourbeteiligung nachgedacht. Dafür stellte FOETUS gleich zwei Männer an die Gitarren, die zumeist unisono spielten. Volumen statt Konzept, Brachialität statt Feinfühligkeit. Tatsächlich fehlte alles, was die Musik des manischen New Yorkers sonst ausmacht: Das filigrane Spiel mit laut und leise, die Steigerungen von Null bis unendlich, die atemberaubende Präzision, die sichere Hand bei der Auswahl der Samplings, die Dramaturgie im Umgang mit der eigenen Stimme. FOETUS bretterte seinen Set auf ein und demselben Niveau von Anfang bis Ende durch, und seine Kehle versagte ihm nicht selten den Gehorsam.
Wie der Klang, so das Bild. Kaum Herr seiner selbst, versuchte FOETUS an einstiges Charisma anzuschließen. Er riß die Augen weit auf, beugte sich tief ins Publikum und war redlich bemüht, böse dreinzuschauen. Doch die Ausstrahlung von einst war der Aura eines überlagerten Vanille-Puddings gewichen. Seine Leidenschaft wirkte aufgesetzt, seine Inbrunst schlaff und seine sicher nicht ernst gemeinte Ankündigung, er werde sich für die Kandidatur zum Präsidenten der Vereinigten Staaten aufstellen lassen (FRANK ZAPPA dreht sich im Grabe um!), mehr als peinlich. Er war ein Tiger ohne Klauen, ein Zauberer ohne Magie.
Vielleicht wäre all das gar nicht so unerträglich gewesen, hätte man sich nicht ständig seine musikalischen Heldentaten vergangener Epochen vergegenwärtigen müssen. Waren am Ende nur die Erwartungen zu hoch? Nein, denn FOETUS, der gern den Namen DUKE ELLINGTONs im Munde führt, weiß genau, was es heißt, ein gutes Konzert abzuliefern. Mehr als zwei lange Jahre hat er an „Gash“ gebastelt. Selten ist ein Genie in weniger als zwei Stunden tiefer gefallen. Doch dieser Sturz kann FOETUS nicht anfechten. Er ist geradezu auf Mißverständnisse aus. „Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er meine Musik zu hören hat. Ich habe schon genug damit zu tun, die Musik zu machen. Das wäre, als würde ich eine Rezension zu meiner eigenen Musik schreiben. Ich lasse die Interpretationen lieber offen und liebe es, mißverstanden zu werden. Ich könnte mich sicher hinsetzen und erläutern, was jede beschissene Zeile bedeutet, aber das würde nur die Aura des Mysteriums zerstören. Laß sich die Leute selbst einen Reim darauf machen. Ich glaube, ich habe musikalisch und textlich alles gesagt, was ich auszudrücken in der Lage bin.“
FOETUS’ einzig wahres Kunstwerk ist die Zerstörung seiner selbst. Seine Alben sind nur Mittel zum Zweck. Mit seinen Konzerten kommt er seinem erklärten Ziel schon ein erhebliches Stück näher. Doch warum erwartet er von uns, daß wir ihn dafür auch noch bezahlen? Diese Show in den Abgründen Berlins hinterließ den faden Nachgeschmack von „GARY GLITTER spielt Punk“.
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