Mr. Bungle
mit den clowns kamen die tränen
08.03.1996, 16:31, Text: Autor unbekannt
Vlad Dracula ist ein solcher Clown. Eigentlich hat er als eine Art moderner Hofnarr begonnen. Vor elf Jahren begann er mit der damaligen Laienspielschar MR BUNGLE, Death-metallene Schreckgespenster zum Leben zu erwecken. Ein harmloser Gag, den auch niemand so recht zur Kenntnis nehmen wollte. Zunächst mußte unter dem Namen Mike Patton bei der Gruppe FAITH NO MORE noch eine kurze Zeit der psychopathologische Hampelfrontmann markiert werden, ehe die Welt reif für MR BUNGLE war. Das gleichnamige Debütalbum trieb allerlei Dönekes mit den andernorts so hochgeschätzten Errungenschaften halbwegs zeitgenössischer Popmusik. MR BUNGLE verriet im Jahre ‘91 des Herrn das, was ohnehin schon jeder ahnte: Der Rockismus sei tot, ein für alle Mal, und mit ihm das, was er sich im Laufe der Jahre so einverleibt hat: Motown, Funk, Jazz und die alte Metalgitarre.
quiyamat quiyamat atawil’
Wie gesagt, ein angenehm närrischer Spaß. Mit der aktuellen Debütnachlegeware „Disco Volante“ ist allerdings Schluß mit lustig. Da blitzt kein Schalk mehr in den Augen des vormals so sympathischen MR BUNGLE. Es ist der Beelzebub persönlich, der sich nun des Clownskostüms entledigt, da, wo eben noch die Glatze schien, beleidigen nun zwei Hörner den Allmächtigen. „Everyone I Went To Highschool With Is Dead“, mit diesem Stück beginnt der Reigen, den man sich munter und bunter gewünscht hätte. Pustekuchen. Diesmal hat man darauf verzichtet, das alte Korsett des Songs unter dem Bommelrock zu tragen. Die Kompositionen sind irrsinnig zerfranst und beängstigend komplex. Und plötzlich sollen selbst Dinge wie der italienische Schlager nichts mehr wert sein! Der Bossa Nova! Arabische Folklore! Tango! Rumba! Fortgeschwemmt von einem Schwall wabernder Kirmesorgelschweinerei, fortgerissen von einem gewaltigen Strom schauerlichen Gelächters.
Circensische Clownerie hat den heilsamen Gegenentwurf nicht nötig. Demontage ist selbstgefällig. Mike Patton, das vermeintliche Hirn des MR BUNGLE, selbst indes allerdings nicht. Klar, der große Meister gibt keine Interviews. Weil er nach den Gigs, auf denen FAITH NO MORE-Girlies ihre Enttäuschung nur durch ein mühsames „Süßisseraberdoch“ verbergen können und Kifferheerscharen sich angesichts des gar zu Extremen die unteren Extremitäten abkauen, noch zum Kabelaufrollen eingeteilt ist. Die Backstage-Küche, in der Gitarrist Trey Spruance, the artist formally known as Scummy, mehr Rede als Antwort steht, betritt er nur kurz und dann nur, um rasch ein, zwei Gläser abzuspülen. Auch der Mann, der das jüngst gefloppte FNM-Album sechssaitig betreute, gibt sich gern als ein solches Schaf im Wolfespelz. Auf der Bühne verbirgt Spruance sein allzu niedliches Antlitz unter einer darübergezogenen Mütze.
quiyamat quiyamat insan al kamel
Auch ohne Mummenschanz ist der Gitarrist mit erklecklicher Vorliebe für Country, Schleim und Schund ganz Gaukler. „Disco Volante“ sei der Versuch, „not to make intellect and reason go away but to stimulate them“, schwätzt er munter drauflos, eine glatte Lüge. „But sometimes you have to blow your mind“, gibt er schließlich zu. Daher die Auflösung des Songformats zugunsten eines blanken unchronologischen Historizismus, der, so er nicht mehr ausreichend dem erforderlichen Grad an Wahnsinn und Sinnverneinung Tribut zollt, gern auch per Geräuschcluster in von Postmodernem überlagerte Dandytümelei überführt wird. Stichwort Spielfreude, e. g. Dudelbaß plus heroisch schalmeiende brass-section. Natürlich handele es sich, so Spruance, bei dem neuen Material nicht um intentional Herbeigeführtes. Es fallen Worte wie „growth period“, man sei des ersten Albums schon überdrüssig gewesen, als man es einspielte. Erst jetzt, wo sich Stücke wie „Carousel“ so harmlos ausnehmen wie ein schnöder Altherrenwitz der Marke Motown, habe die Band so etwas wie ihren Seelenfrieden gefunden.
Und ihre roots entdeckt. Die lägen angeblich und zum Beispiel bei dem deutschen Komponisten PETER THOMAS, der in den ausgehenden Sechzigern so erstaunliche Soundtracks zu Fernsehserien verfaßt haben muß, daß live eine Coverversion als unterwürfige Pflicht empfunden wird. Im Kleingedruckten der CD-Inlets taucht regelmäßig ein gewisser Herrn ZORN auf, für MR BUNGLE ein wichtiger Begleiter auf dem Weg, herauszufinden, was für Musik denn MR BUNGLE wirklich machen wolle. Viel bullshit, nicht nur auf den ersten unbeachteten Demos, habe dieser Prozeß gezeitigt. Abgelesen werden könne dies an Tracks wie „Desert Search For Techno Allah“, wo orientalische Skalen, ein in fremden Zungen gesungenes Mantra und der Sound eines C64-Telespiels eine unheilige Allianz eingehen. Spruance gewährt messianisch Blick auf Erlösungshoffnung: „We are working our way back to death metal.“ Doch wenn der der Asche der Trivialkultur entstiegene Phoenix sich als Harlekin unumwunden entpuppt, hat das mit entspannten, augenzwinkernden after-show-jokes nichts mehr zu tun. Wenn in der Manege ein Essigschwamm als Balsam für die geschundene Seele angepriesen wird, lacht schließlich auch kein Mensch. Und dem Clown verschmiert die Schminke.
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