Tocotronic
so jung kommen wir nicht mehr zusammen
07.03.1996, 15:36, Text: Autor unbekannt
Da findet man sich irgendwann im Laufe des letzten Jahres in einem maßlos überfüllten Club, eingezwängt zwischen Klumpen in Pheromonen badender Backfische, und muß feststellen: Dirk von Lotzow, Arne Zank und Jan Müller sind zum Phänomen gewachsen. Gestern noch Punkrock, heute Gesellschaftsrelevanz zum Mitsingen, das. Ohne daß man sich versieht, haben sich dem in kausalen Zusammenhängen denkenden Beobachter der Kurtchenfragen gleich mehrere gestellt: Treffen da drei begnadete Dilettanten den Geist einer ganzen Generation? Wie kann man so jung und schon so wütend und desillusioniert sein? Und überhaupt, ... sind TOCOTRONIC die deutschen NIRVANA?
Durch die Bank grenzenlos dämlicher Spökes.
TOCOTRONIC sind immer jetzt und hier. Was getan werden muß, wird auf der Stelle erledigt. Da ist es egal, daß man vor gerade erst einem halben Jahr eine 18(!) Track-EP veröffentlicht hatte, als man im Dezember für \"Wir Kommen Um Uns Zu Beschweren\" erneut ins Studio ging. Neue Songs müssen so schnell wie irgend möglich aufgenommen werden, ansonsten ist die Gefahr des Authentizitätsverlustes allzugroß. Neuerworbene Fähigkeiten wie das Spielen von Soli werden da genausowenig ausgeklammert wie auf der Strecke Gebliebenes. Verliert ein Song an Dringlichkeit, ist das damit abgegebene Statement nicht mehr aktuell, wird er ohne groß zu fackeln ebenso schnell aus dem Programm gestrichen wie einer, den man falsch verstanden glaubt.
Sie sind jung und sie haben Spaß daran, schließlich machen sie erfolgreich Musik, mit allen Konsequenzen, was gemeinhin der Stoff ist, aus dem Rock'n'Roll-Legenden entstehen. Was schließlich gibt es Schöneres als drei Freunde und heute hier morgen dort zu sein - \"another place, another night\", wie schon Lemmy, dem man in Grenzen durchaus Idolcharakter zugesteht, den sinnlichen Aspekt des Tourens in \"We Are The Roadcrew\" auf den Punkt brachte -, also ständig neue Menschen und Eindrücke zu gewinnen? Das Leben ist eine Klassenfahrt, und auf der erschießt man sich nicht, basta. Ganz im Gegenteil, da gehört es dazu, zum Interview noch ein wenig zitterig und mit rot umflorten Augen zu erscheinen, weil man sich am Vorabend in der örtlichen Kneipe mal wieder dermaßen euphorisiert hat, daß schlußendlich jeder zweite Mitzecher persönlich einen Gästelistenplatz für das nächste Konzert vor Ort zugesichert bekam. TOCOTRONIC begreifen das, was gerade mit ihnen passiert, als einen wunderbaren Ausnahmezustand, als ein - logischerweise limitiertes - Abenteuer. Der Rummel (\"So groß sind wir ja noch gar nicht\") wird als eher nichtig, dem, was man darzustellen glaubt, entsprechend und von hohem Unterhaltungswert empfunden. Selbst Promotouren funktionieren nach dem Pippi-Tommi-Anika-Prinzip. Was so mancher gestandene Act da herumjammert, stellt sich den dreien als unbegreiflich dar. Selbst Kurt wird eine klare Absage erteilt: \"Der mußte das doch nicht machen.\" Wer den dreien neuerdings vorwurfsvoll eine Wandlung zu - zumindest musikalisch - corporate Collegerockern attestiert, hat das Prinzip hinter TOCOTRONIC nicht verstanden. Hier wird schlicht und einfach gerockt, was im Grunde immer noch die ewige Absage ans Erwachsenwerden impliziert. Wem das widerlich klingt, den wird das Streben der Hamburger, eines fernen Tages wie AC/DC spielen zu können, allemal zum Würgen bringen. Sie allerdings finden die Vorstellung, dereinst als amtliche Bluesmucker die Bühne zu entern, durchaus erquickend. Der Sound, der mit den mittlerweile erworbenen handwerklichen Fertigkeiten im Rahmen des Realisierbaren liegt, ist bei Gott bestenfalls MASCIS-kompatibel und live so gerade mal reproduzierbar, was also soll das kleinliche Gezeter um die konsequenterweise variierende Ausführung ein und derselben Grundrockismen: Ich bin mir sicher, daß Jan Müller schon auf \"Meine Freundin Und Ihr Freund\" gerne einen Phil Lynott-Sound gehabt hätte; wenn der inzwischen nach Novoselic (harhar!) klingt, dann ist das im Endeffekt als Etappensieg zu werten.
Was den, der unbedingt will, ohne Frage zurück zu NIRVANA bringt: Auch die hatten ihre Dumpfrock-Idole. Mit der Überlegung, daß es die Band ohne KISS wohl nie gegeben hätte, liegt man alles andere als falsch. Allerdings gehörten sie - wie auch TOCOTRONIC - zu den wenigen in populärmusikwissenschaftlichen wie pubertierenden Zirkeln verehrten Gruppen, die das offen zugaben - soll nicht heißen, damit hausieren gingen, sondern dazu standen. Wo in diesem Zusammenhang Ursache und wo Wirkung liegen, ob hier Ehrlichkeit aus Anerkennung - oder umgekehrt - resultiert, ist indiskutabel, weil eindeutig. Was uns zur wahrscheinlich einzig wirklich wichtigen Parallele führt, diesem Cocktail aus roher Energie, angriffslustiger Offenheit und enervierender Schwermut, die aus Musik und Texten beider Bands spricht. Die für TOCOTRONIC so charakteristische Verbindung hat allerdings auch hierzulande durchaus Tradition. Bands wie EA 80 und die BOXHAMSTERS haben aus einem ganz ähnlichen Fühlen und Denken heraus - nur generationsbedingt wesentlich politischer bzw. politisch konkreter formuliert - ihren Songs dasselbe sehnsüchtige Zerren zwischen Wut und Melancholie zugrundegelegt ... und gehören nicht zuletzt deshalb zu den ganz großen Vorbildern der Hamburger. Warum also in die Ferne schweifen ...? Wenn Dirk singt: \"Nach der verlorenen Zeit habe ich erst mal weniger gehaßt, man findet ja immer etwas, was einem gerade nicht paßt\", dann ist das zwar einerseits schonungslos selbstreflexiv, andererseits aber so sehr Affekt, daß sich jeder fühlende junge Mensch damit identifizieren können muß. Ultimativ kopfkompatible Bauchmusik, das ... immer noch. So sehr Bauch, daß man sich wundert, daß der schlaksige Junge beim Vortrag von Liebesliedern wie \"Über Sex Kann Man Nur Auf Englisch Singen\" nicht errötet, was er damit begründet, das Stück, bis es zur Aufführung kommt, bereits so oft gespielt zu haben, daß es quasi entpersonifiziert ist. Rot wird er allerdings immer noch, wenn er den anderen im Proberaum einen solchen Song zum ersten Mal vorspielt. Trotzdem, zum Messias taugt er genausowenig wie die anderen drei: Die gehen nicht am System kaputt, eher steigen sie aus. Solange die Verarbeitung alltäglicher Befremdlichkeiten via Partizipation am Rock'n'Roll-Zirkus mit Lustgewinn gleichzusetzen ist, wird das allerdings so schnell wohl nicht der Fall sein. Mit dämlichen Journalisten, die behaupten, die TOCOs würden jetzt kleine rothaarige Mädchen vögeln, kommt man momentan noch ohne große Schwierigkeiten klar. Mit Kollegen, die wie ich nicht vom Cobain-Syndrom lassen wollen, hoffentlich auch. Hier gilt weiterhin: \"Wir Sind Hier Nicht In Seattle, Dirk.“
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