Balanescu Quartett
06.03.1996, 12:37, Text: Autor unbekannt
Engel und Insekten
INTRO: Nach den KRAFTWERK-Coverversionen und Ihren eigenen Kompositionen auf dem zweiten Album \"Luminiza\" klingt der Soundtrack zu \"Angels And Insects\" überraschend geschlossen und „klassisch“. Wie unterscheidet sich die Arbeitsweise bei so einem Projekt?
BALANESCU: Zum einen hat man die Inspiration durch das Bild, denn gerade das Design und der Stil waren bei diesem Film sehr wichtig. Wir waren schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt an den Dreharbeiten beteiligt, drehten einige Szenen sogar zum Playback. Die Hauptidee des Films ist es, das 19. Jahrhundert aus heutiger Sicht zu sehen; oberflächlich betrachtet scheint alles sehr hübsch, wie ein viktorianisches Kostümdrama eben, aber darunter befinden sich sehr düstere Dinge.
INTRO: Das Thema \"Insekten\" erinnert mich stark an die morbide Stimmung in Filmen von Peter Greenaway, etwa \"Ein Z und zwei Nullen\". Gibt es da Parallelen?
BALANESCU: Eigentlich mag ich solche Vergleiche nicht, aber es gibt schon Gemeinsamkeiten. Der Film ist auf seine Art recht klinisch, durch das Auge der Wissenschaft gesehen. Man kann das Insektenmotiv häufig bei den tiefen Streichern, Cello und Bass, hören, die vielen bewegten und verschobenen Figuren. Die Melodieführung übernehmen dann die hohen Streicher. Ich habe viel über solche Strukturen nachgedacht, außerdem benutze ich diesmal fast orchestrale Klangfarben.
INTRO: Wenn Sie das Schreiben von Songs wie auf \"Luminiza\" und die Produktion eines Soundtracks vergleichen, was liegt Ihnen näher?
BALANESCU: Beides hat seine Probleme. Bei der Arbeit an \"Luminiza\" hatten wir viel Spaß am Experimentieren; manchmal hatten wir nur einige Arbeitsskizzen, die sich dann im Studio entwickelt haben. Bei \"Angels & Insects\" stand alles vorher fest, aber die Nachbearbeitung war viel komplizierter. Ich habe das komplette Material für das Album umgearbeitet, damit es für sich alleine, in Form eines Albums, existieren kann. Mein Grundsatz bei der Arbeit an einem Film ist, daß die Musik nicht ihre Unabhängigkeit verlieren darf. Das ist recht schwierig, da die meisten Regisseure sie nur als Mittel zum Zweck betrachten und ihr kein Eigenleben zugestehen. Die Leute von „Mute“ gaben uns aber die Chance, das ganze Material ohne Zeitdruck im Studio noch einmal aufzunehmen und gründlich auszuarbeiten.
Strukturen und Kommunikation
INTRO: Es scheint eine zunehmende Bereitschaft zur Kooperation zwischen klassischen Komponisten und Leuten aus dem Dance- bzw. Elektrobereich zu geben, etwa zwischen APHEX TWIN und PHILLIP GLASS. Fühlt man sich da nicht als Pionier?
BALANESCU: Ja, es ist schon faszinierend zu beobachten, wie sich Teile der modernen Klassik und Bereiche der populären Dancemusic immer häufiger berühren. Da öffnet sich ein riesiges Feld, dessen Ausdehnung noch gar nicht vorhersehbar ist.
INTRO: Und woher kommen diese neu entdeckten Gemeinsamkeiten?
BALANESCU: Ich glaube, es gibt auf beiden Seiten eine große Sensibilität gegenüber der Strukturierung von Klangoberflächen und der Schichtung von verschiedenen Klangebenen. Außerdem geht es vielen Techno-Producern auch um die Schaffung von neuartigen, interessanten Zeitstrukturen, die Zeit entweder auszudehnen oder zu komprimieren versuchen. Gruppen wie FUTURE SOUND OF LONDON oder APHEX TWIN haben ein großes Interesse an der Wahrnehmung von Zeit, das ebenso in der modernen Klassik anzutreffen ist.
INTRO: Und was ist mit Entwicklungen im Bereich der E-Musik, etwa am Pariser IRCAM? Dort wird doch eher der Versuch unternommen, Strukturen aufzubrechen, Musik immer mehr in bloße Klänge aufzulösen - also eher der Gegensatz zu Ihrer Vorgehensweise.
BALANESCU: Mir waren solche Institutionen immer sehr verdächtig. Sie verfügen über einen enormen Apparat, viel Technologie. Aber das IRCAM ist ein Bunker unter dem Centre Pompidou, und ich finde, sie hatten immer eine Art Bunker-Mentalität. Sie kümmern sich wenig darum, was draußen passiert. Was für mich aber zählt, ist Kommunikation und Ausdruck, meine Musik ist daher auch sehr emotional. Ich komme aus einem anderen Bereich, nennen wir es mal das \"Establishment\", aber ich war schnell enttäuscht von der intellektuellen Kälte, die dort herrscht. Ich möchte lieber Bewegung, Gefühle, den Rhythmus des Lebens in meine Musik aufnehmen.
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