Jah

und der universelle Gottesbeweis

26.01.1996, 10:37, Text: Autor unbekannt

Ein netter Mensch vor allem. Gesprächig, ohne die Tendenz zum Bramarbas. Und natürlich der ehemalige Basser der ROTTEN-Beerdigungscombo P.I.L., dessen Hauptverdienst es nicht etwa ist, die Band mit seinem Ausstieg 1980 in die komplette musikalische Ratlosigkeit zu entlassen. Auch zu P.I.L.-Zeiten dürfte sich WOBBLE als geheimes Mastermind, zunächst angeblich mit einem von dem großen VICIOUS geliehenen Instrument, mehr Meriten erworben haben, als so manch einer es damals wahrhaben konnte. Müßig aufzuzählen, was JAH WOBBLE danach so alles unternommen hat. Seine Wege kreuzten sich u. a. mit denen von CAN, Ginger Baker, BJÖRK. Als SINEAD O’CONNOR für ihn und seine mittlerweile gegründeten INVADERS OF THE HEART das Stück „Visions Of You“ einsang, gelang WOBBLE sogar ein kleiner Chartbreaker.

Sein aktuelles Album „Heaven & Earth“ freilich zeugt von ganz anderen Ambitionen, zu sehr gemahnt es an das Album „Spinner“, das BRIAN ENO kürzlich mit WOBBLE am Bass produzierte. Und auch wenn die zentralen Themen auf „Heaven And Earth“ epische Breite, lyrische Verspieltheit und verschiedentliche Ethno-Hommagen sein mögen - am müßigsten ist es, zu erraten, was JAH WOBBLE wohl als nächstes aushecken mag. Am Telefon ließ er die Katze aus dem Sack: ein paar klassische Kompositionen dürfen es sein, ein ordentliches Orchester will er sich ins Studio holen und sich ganz auf die Tradition der drei großen Bs konzentrieren.

Me, Myself and I

„Es ist schon nicht ganz einfach, ein solches Projekt umzusetzen“, gibt er freimütig zu. „Vor allem, wenn die Musik stilecht umgesetzt werden soll. Die Moderne lasse ich dabei komplett unter den Tisch fallen. Am schwierigsten ist es jedoch, sich die Spontaneität beim Schreiben solcher Kompositionen zu bewahren. Da sind andere Mechanismen im Spiel, als wenn man mit einer Band herumjammt. In dem Augenblick, wo man ins Studio geht, ist alles schon fertig und muß nur noch umgesetzt werden. ‘Nur noch’ ist gut, hehe! Aber das Schreiben selbst, die Vorproduktion haben das größte Gewicht. Das macht mehr Spaß, als ich gedacht hätte. Vor einem Jahr hätte ich es mir nie träumen lassen, mich überhaupt jemals auf eine solche Sache einzustellen.“ Fühlt er sich dabei nicht ein wenig zu sehr entfernt von der herkömmlichen Art und Weise, der Musik Form zu verleihen? Ist der Schritt vom Musiker, der zugebenermaßen bisweilen gern konzeptionell arbeitet, zum reinen Komponisten und producer nicht ein ganz enormer? „Ach, man geht halt durch verschiedene Phasen. Manchmal hat man es gern sehr frei, unvorhersehbar bis zufällig, manchmal nicht. Im Augenblick habe ich es gern streng abgezirkelt. Das kann natürlich auch in einer Totgeburt enden, ätherisch und auf eine intellektuelle Weise arm, so daß man selbst den Zugang vor lauter konzeptionellem Denksport nicht mehr findet. Dafür ist Musik doch viel zu faszinierend! Atemberaubend! Braindeath! Musik überrascht mich immer wieder aufs neue. Na ja, und machmal macht sie mir auch ein bißchen Angst.“

GOTT, PHARAOH SANDERS und der ganze Rest

Respekt wäre da vielleicht eher angebracht. Den zollt WOBBLE vor allem seinen Mitmusikern. „Als ich ‘Heaven & Earth’ aufgenommen habe, sah die Situation natürlich ganz anders aus. Ich meine, mit solchen Leuten wie Pharaoh Sanders (Saxophonist, bekannt vor allem als Mitstreiter von JOHN COLTRANE, A. d. V.) zusammenzuspielen, phantastisch! Darum geht es doch die ganze Zeit, ob ich nun schreibe oder sonst was tue. Es geht doch immer um das Miteinander nicht nur verschiedener Instrumente, sondern verschiedener Musiker. That’s the holy thing!“ Apropos holy: „Heaven & Earth“ als x-beliebiges Gegensatzpaar, das seine musikalische Entsprechung in dem enorm kontrastreichen Material findet, etwa wenn fernöstliche Vocals in die Form des amerikanischen „Popsongs“ gepreßt werden, oder sollte sich JAH tatsächlich mit Jah auf Duzfuß befinden? Wo doch schon der Vorgänger „Take Me To God“ hieß? „Man stolpert doch allenthalben über die Präsenz Gottes, ich zumindest. Genau kenn’ ich diesen Gott auch noch nicht. Aber das mag noch kommen ... Aber stimmt schon: Musik ist für mich ganz klar eine religiöse Erfahrung. Spirit can penetrate matter. Das gilt überall. Musik ist die kosmische Sprache.“

Von der cosmic soundscape zur world music wären: „Ach der Kram! Was da während dieser Welle vor einigen Jahren passiert ist, war doch vollkommen ärgerlich. Was sollte das für einen Sinn haben? Rund um den Globus reisen und überall Klänge rauben, um daraus Popmusik mit Sozialanstrich zu basteln? Mir geht es nur darum, eins zu werden mit dem, was ich tue. Eine Note zu spielen, aus welchem Kulturkreis auch immer stammend, und das Universum darin zu hören!“



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aus Intro #31 (Februar 1996)
 
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