Lay Lady Lay

der ministrantendienst des mr. dylan

25.01.1996, 20:41, Text: Autor unbekannt

Barkers Einstieg in das Unternehmen MINISTRY fiel denn auch wie zufällig in die Zeit eines entscheidenden musikalischen Richtungswechsels. Konnte das Projekt aus Chicago bis zum Erscheinen des Longplayers \"Twitch\" hauptsächlich mit wavigem Synthie-Popschrott reüssieren, markierte dieses '86er Werk zumindest die Abkehr von intendierter Massenkompatibilität. Es ging fortan um die Suche nach dem \"härtesten Sound der Welt\", wie die vereinigte Metal- und Indiepresse die Suche nach dem heiligen Gral der Distortion-Welt damals in seltener Eintracht beschrieb. Eine Genrebezeichnung war schnell gefunden: \"Industrial\" sollte das Kind heißen, und bis heute gelten MINISTRY als dessen \"godfathers\".

Wurde das '88er-Album \"The Land Of Rape And Honey\" hauptsächlich in den Staaten und auch dort mehr oder weniger von einer Art scene rezipiert (trotz Deal mit „Sire / Warner“), gelang '91 der kommerziell große Wurf: \"Jesus Build My Hot Rod\" schlug auf den Tanzböden wie in den Sandkästen gleichermaßen ein, das nachfolgende Album mit dem schweinigelnden Titel \"Psalm 69\" kam denen gerade recht, deren doofe kleine Geschwister in NIRVANA- und deren Großväter in GUNS'N'FuckingROSES-Shirts durch deutsche Fußgängerzonen flanierten.
P-O-P was hard these days - da bedurfte es schon eines gewaltigen Quentchens mehr an soundtechnischem Destruktionswillen. Schicklicherweise distanzieren sich MINISTRY, wohlfeil etabliert als Bürgerschreck und intellektuelle Asis, die auf der Bühne Unfug mit totem Tier und ähnlicher Deko betrieben, von diesem Track. Ein lustig Dingen sei das gewesen, gaben sie zu lesen, alles Selbstverarschung und tolle Popmusik, hehe.URBIHowever, das upcoming Album \"Filth Pig\" dürfte für den Freund des Industrial sicher mehr als nur gewöhnungsbedürftig sein. Barker/Jourgensen betätigen sich zur Abwechslung mal als Schreiber \"richtiger\" Songs. Die Industrial-Chose hätte Paul Barker ohnehin ganz gern ad acta gelegt: \"Industrial - ach, das ist wieder so ein Marketingbegriff. Was soll denn das überhaupt sein? Haben wir das jemals gemacht? Okay, man sagt so über uns. Man spricht von MINISTRY in dieser Hinsicht als stilbildend und so weiter. I don't give a shit, you know. Mir ging es immer darum, das zu machen, worauf ich Bock habe.\" Soll das etwa das sagenumwobene Konzept der Soundtüftler sein? \"Nein, das ist ein anderes: how do we fuck other people up? Wie geben wir ihnen das, was sie überhaupt nicht hören wollen?\" Nun denn, es sei. So besticht die Singleauskopplung \"The Fall\" vor allem durch winzige Momente der Stille und der Schönheit. Ein Piano erhebt sich über das Getöse des Sequenzers und der dreimillionen Gitarrenspuren und klimpert, tiriliert vergnügt die Skalen rauf und runter. Höhnisch, so will es scheinen, brüllt ganz weit hinten Als verlassene Stimme gegen das gewaltige gated reverb der Maschinen an und hinterläßt einen nicht ganz so fidelen, eher totgeweihten Eindruck. Paul reibt sich vergnügt die Hände: \"You see!\" Die gleiche diebische Freude auch bezüglich des DYLAN-Covers \"Lay Lady Lay\", bei dem doch tatsächlich slide guitar und pedal steel herhalten müssen, den sidestick in der Strophe nicht zu vergessen. MINISTRY gönnen sich hier den Luxus, das Flower Power-Remake quasi naturbelassen der Lächerlichkeit anheimzugeben. Lediglich auf verzerrte vocals und die übliche Gitarrenwand wollen sie nicht verzichten, was eigentlich schade ist. Doch gelungener Scherz bleibt gelungener Scherz, auch ohne Wiederholung der Pointe. Überhaupt wimmelt es auf \"Filth Pig\" nur so von niedlichen Gags und augenzwinkernden Frechheiten. In \"Gameshow\" erfahren die mittlerweile höchst altmodischen Metal-Breaks ihre Abqualifizierung. Der Opener \"Reload\" zitiert fast unmerklich aus der Welt der tribal beats und \"Lava\", wegen des sinistren Gitarrenriffs eins der besten Stücke auf der Scheibe, gönnt sich das alberne Wortspiel des Gleichklangs zu \"lover\". Nein, diese MINISTRY!

ORBI

Wie bringt man dieses liebevoll zusammengegrabschte Sammelsurium denn nun live zur Aufführung? \"Nun ja, seit, ich glaube, '88 oder so benutzen wir live keine Sequenzer mehr. Es gibt keine Einspielung vom Tape oder sonst irgendwas. Allenfalls kommen ein paar Samples vom Keyboard. Die werden aber live abgerufen, gespielt also. Loops kommen nicht in Frage.\" Das hört sich ja fast nach Rock'n'Roll-Band an ... \"Oh ja, absolut. Sind wir ja eigentlich auch. Wir stehen ja doch in der einen oder anderen Art und Weise exakt in dieser Tradition. Wer tut das schließlich nicht? Na ja, die Leute aus diesem Techno-Dschungel natürlich nicht. Aber damit hab' ich auch keinen Vertrag, eigentlich. House, Acid House, Techno - das ist alles derselbe Scheiß. Die Popularität ist natürlich ungebrochen. Eine Sache allerdings finde ich, hm, in Ordnung: Techno gibt den Kids Anlaß und Forum, gegen die Elterngeneration zu rebellieren. Jede Generation braucht einen Sound, den die Eltern hassen.\"

AMEN

Paul Barker ist inzwischen selbst Familienvater, ein stolzer noch dazu. Trotzdem: \"Dieses Rebellionsding, genau das probieren wir auch. Ausgetretene Pfade verlassen und so. Auf diesem Hintergrund sind auch die zahlreichen Line-up-Wechsel zu sehen. Es ist nicht so, daß Al und ich als das feste Team uns nach kürzester Zeit mit unseren Mitmusikern zoffen würden. Ein Wechsel hier und da garantiert automatisch einen Hauch frischen Wind. Das brauchen wir auch, schließlich arbeiten wir beide ja hauptsächlich wie Produzenten. Durch ständiges Kommen und Gehen, lockeres Herumjammen, ohne permanent vorzuproduzieren, entstehen ständig neue Unsicherheiten. Das hält uns fern vom Medioker-Sein.\" Trotz des Studios, das MINISTRY inzwischen ihr eigen nennen? \"Im Studio machen wir im Prinzip immer das gleiche. Wir legen so lange Spuren übereinander, bis es halt gut ist. Live ist geiler, wir verspielen uns dann ständig. We can fuck around!\"
Einmal \"fuck\" in 30 Minuten. Und zum Abschied das schöne Händchen.



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aus Intro #31 (Februar 1996)
 
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