Phillip Boa
Auf der Suche nach einer Identität oder "Ich kenn’ mich ja nicht einmal selbst"
25.01.1996, 11:08, Text: Autor unbekannt
Der mir im tristen November-Morgengrauen mit Widmung der Plattenfirma in Hamburg vermachte Reiseführer weist in seinem Editorial unbewußt auf die anstehende Begegnung hin. Inmitten des interkontinentalen Kultur-Schmelztiegels mit süditalienisch aussehenden Engländern, die arabischen Dialekt sprechen, prächtigen Barockbauten aus der Zeit der Johanniterritter, eigenartigen Tempeln der Megalithkultur und gewaltigen Festungen, die bei bloßer Betrachtung Geschichtsunterricht erteilen, findet PHILLIP BOA, \"Popstar\" und Familienvater aus Deutschland, seit Jahren im dichtbevölkertsten Land Europas Zufluchtsort und Arbeitsstätte zugleich.
Nachdem wir gegen Mittag im feudalen \"Selmum Palace\", einem zum Hotelkomplex umfunktionierten Bau aus der Ritterzeit, einchecken und es uns bei 25°C am Pool gemütlich machen, dauert es über 2 Stunden, ehe wir von BOAs Freund und Produzent David T.
Kurz darauf lädt er uns in das irgendwie unfertig anmutende Studio zum Hören der mehr oder weniger fertiggestellten Songs des neuen Albums \"She\" (damals noch mit Arbeitstitel \"Freudian\") ein. BOA diktiert beinahe akribisch, in welcher Reihenfolge der gutherzig wirkende David die Tracks vom DAT-Recorder abzurufen hat, gießt uns immer wieder Wein ein und verläßt den Raum, um exakt zu jedem Songende zurückzukehren und - verschüchtert und neugierig zugleich - unsere Reaktionen zu erstehen. Die Meinungen scheinen ihn dabei so sehr zu interessieren, daß er sogar um eine Entscheidungshilfe zur Auswahl von zwei Songvarianten bittet. Sein Vertrauen reicht einen Moment gar so weit, daß er mir eine Art Checkliste des Plattenfirmen-Chefs Tim Renner in die Hand drückt, der (handschriftliche) Stellungnahmen und eine Albumauswahl zu jedem eingespielten Song zu entnehmen sind.
Aufgrund des wuchtigen Studiosounds gefallen die Songs zunächst beinahe zwangsläufig, ohne dabei allerdings vollends beeindrucken zu können. Wie schon bei den Vorgängern werden innovative Musikströmungen (diesmal beispielsweise Trance-, House- oder Dub-Elemente) mit dem typischen BOA-, tschuldigung, VOODOOCLUB-Sound fusioniert und zu rekonstruierbaren Bombast-Pop-Tracks mit den ebenso typischen wie prägnanten Gesangsduellen vervollständigt. Der immer wieder artikulierte Drang nach Perfektion besteht laut BOA \"nur in der Vollendung\", und \"das Element des Chaos bleibt, weil der Song letztendlich immer noch merkwürdig (=anders) klingen soll, was schon allein durch unsere Stimmen gegeben ist. Das Geheimnis der Musik ist seine Architektur, wie bei Filmmusik. Man versucht immer, möglichst viel collagenhaft einzubringen, ohne dabei den Song kaputtzumachen.\" Die Musik ist Kopfarbeit, ihr fehlt also quasi der Bauch, \"weshalb ich mich auch nicht als Rockmusiker sehe, zumal die Rock-Klischees für mich längst überholt sind.\" Klar, verlor der zuweilen narzistische BOA (\"Ich habe noch nie etwas gemacht, was mir im nachhinein so richtig peinlich ist\") doch bei Zuhilfenahme genau dieser Klischees während seiner zwischenzeitlichen Identität als Shouter der All-Star-Metaller VOODOOCULT (\"das war eine coole Zeit, ich mußte diesen animalischen Trieb einfach mal ausleben\") nach zwei unbefriedigenden Touren und Alben - und da widerspricht er mir vehement - neben seiner Haarpracht vor allem die Authentizität und letztendlich auch einen gehörigen Teil seiner Glaubwürdigkeit.
Heuer besinnt sich der sogenannte \"Wahl-Malteser\" auf die altbewährte VOODOOCLUB-Marschroute: \"Meine Musiker dürfen gerne auch mal komponieren, müssen aber stets bereit sein, sich von mir lenken zu lassen.\" Die Gefahr einer kreativen Stagnation durch fehlende Einflußnahmen sieht er dabei nicht. Zurück zur Suche nach der Identität, der ich mich auf der abendlichen Autofahrt nach Valetta wieder ein kleines Stück nähern kann. Dort erzählt Phillip nämlich von den zerrüteten Familienverhältnissen, in denen er aufwuchs, verweist auf Freud und läßt somit zugleich einen unerwartet direkten Blick in die Psychologie sowie auf fehlenden Halt in seiner Privatsphäre zu, die er also nicht gut behütet und verschweigt. Profis sind (zumindest während der \"Arbeit\") gefühlsscheu, und unser \"Künstler\" will/soll/muß es rollenspezifisch sein, wenn er nicht gerade dem ehrfurchtslosen Briefträger an der Tür seines Dortmunder Hauses ein Einschreiben mit seinem bürgerlichen Namen unterschreiben darf/muß. Nach einer kleinen Sightseeingtour (David fährt und Phillip erzählt) erlangen wir beim Abendessen in einem Burgkeller eine Plauder-Stimmung. Phillip erzählt von Rivalität und Mißgunst in Musikerkreisen (z. B. DIE ÄRZTE) und beginnt sich mit uns zu amüsieren, vergißt die Gefahr, von sensationslustigen Journalisten beim Wort - und derer gäbe es genügend - genommen zu werden. Später geht er mit mir zu einem gespenstisches Hotel, in dem er von Zeit zu Zeit übernachtet, \"um sich inspirieren zu lassen\", und wir lassen uns vom filmreif bukligen Butler ein Zimmer zeigen. Nach einem gemeinsamen nächtlichen Streifzug durch die Clubs verabreden wir uns schließlich zum Frühstück und fahren ins Hotel.
Dort erscheint BOA morgens dann wieder so scheu und unsicher, als stünde er vor seinem ersten Interview. Dabei bin ich weniger auf ein klassisches Frage-Antwort-Spiel als vielmehr ein Kennenlernen und Verstehen aus. Und während ich fortan um Annäherung an den von Fragezeichen umgebenen Menschen hinter dem \"Künstler\" BOA bemüht bin, scheint sich seine von Vorsicht geprägte Rolle - \"da sitzt mir schließlich ein (neu)gieriger Journalist gegenüber, der sich anmaßt, mein Wesen aus seinen minimalen Eindrücken zu puzzeln\" - in (auf den ersten Blick) arrogant anmutenden Zügen zu manifestieren. Dabei offenbart sich nicht selten eine rhetorische Hilflosigkeit, die er wiederum längst zu einer Tugend umfunktioniert hat. Sobald sich BOA durch eine Frage oder auch nur Geste bedrängt fühlt, holt er zum verbalen Rückschlag aus, ohne die \"Spielregeln\" zu beachten. Dies verhalf ihm immerhin zum ebenso beliebten wie gefürchteten und nicht selten verachteten \"Arschloch\"-Image und stilisierte ihn zum \"Popstar\", weil es dem Land an derartigen sich selbst überschätzenden und scheinbar respektlosen \"Persönlichkeiten\" fehlte (selbstgefälliger O-Ton: \"Die neuen Sachen aus Deutschland sind alle so schlecht ...\"). Gleichzeitig wird es allerdings auch ad absurdum geführt. BOAs Äußerungen sind nicht nur an diesem Sonntagmorgen so widersprüchlich und sinnleer, daß aus ihnen selbst bei größter Sorgfalt nur schwerlich klare Aussagen erstellt werden können, was eher auf einen Mangel an Prinzipien und Werten als auf Strategie schließen läßt.
Phillip, das ist mitunter nicht nur für den Außenstehenden, sondern offensichtlich auch für ihn selbst eben der \"Popstar\" BOA, die menschliche Komponente oder gar Identität bleibt hinter der selbstbekennenden Schizophrenie seines Phantoms weitestgehend verborgen oder gerät sogar in die Isolation. \"Ich kenne mich ja nicht einmal selbst\", sagt Phillip kurz vor unserer Abfahrt beinahe hilflos lakonisch auf die Frage, ob ihn die VOODOOCLUB-Mitglieder denn überhaupt wirklich kennen würden. Sprach’s und blieb am Portal des Hotels zurück.
Die Bekleidung der \"Popstar\"-Rolle scheint für PHILLIP BOA längst zum persönlichen Versteck-Spiel geworden zu sein. Ein Versteckspiel, das durch die persönliche Vereinnahmung einer im Grunde genommen künstl(er)i(s)chen Rolle in einen Teufelskreis führt. Das häufige Resultat, die Vereinsamung, therapiert der sich seiner eigenen Identität und Existenz nicht bewußte BOA nach eigenen Worten mit seiner Musik. Sie scheint neben Frau Pia (bekanntlich das einzig bis heute überlebende VOODOOCLUB-Mitglied) und den Kindern einziger Wert und Halt in seinem Leben zu sein. \"Manchmal denke ich, ich bin ein Geist oder Zombie oder gar nicht auf der Welt, und dann weiß ich nicht, was mit mir vorgeht, alles ist so unwirklich\", bestätigt er die zuvor aufgestellte Vermutung. Seine Lebensweise und der fehlende Rhythmus (wieder die Werte und Prinzipien) gefährden vielleicht nicht den passionierten Musiker, auch nicht unbedingt seinen Status, ganz bestimmt allerdings den noch zu erahnenden Menschen in der Hülle des Vakuums.
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