Tilman Rossmy
den rost besiegt!
25.01.1996, 10:19, Text: Autor unbekannt
Das Wohlwollen der Kritik hatte er von Beginn an im Rücken. Plakativ statt plattitüd, intim anstatt gewollt intellektuell. Ein bunter Fisch im grauen Sud der deutschsprachigen Popintelligentia. Michael Ruff adelt das brüchige REGIERUNGs-Frühwerk \"Supermüll\" (1984) zu einem der \"besten Alben der 80er\". Der morsche Sound der frühen Jahre steht dem Zeitgeist gut zu Gesicht. Dabei sei damals Unerfahrenheit der Grund dafür gewesen, nicht etwa das Vorhaben zur Entwicklung einer speziellen Ästhetik. Nach sechsjährigem Künstler-Autismus reaktiviert der geläuterte Musiker das Essener Parlament zum zweiten Streich - \"So Allein\" (1990). Abermals gutes Songwriting, erneut schrottiger Sound.
Der Bandsplit wird zwingend. Mynther zwingt's zur Abseitigkeit. ROSSMY bekniet Herman Herrmann zum Weitermachen im Alleingang. Der aber will lieber Heavy Metal-Opern produzieren als Alltagslyrik poppig-countryesk vertonen. Bleibt also der andere Exil-Hamburger auf Solo-Pfaden, der Rothenburgsorter BERND BEGEMANN. \"Er rief mich an und hatte die Idee, eine Band zusammenzustellen, die meine Songs arrangieren soll.\" Bis zum Tage der Aufnahmen weiß ROSSMY nicht, wem er seine Kompositionen anvertrauen wird. \"Dann ging die Tür auf, die Band war da und in zwei Tagen hatten wir 16 Songs im Kasten.\" Ein einfühlsamer BERND BEGEMANN überzeugt als kreativer Dirigent und drückt der Arbeit felsenfest seinen Stempel auf. ROSSMY perplex vor gruppendynamischer Energie, metamorphosiert zum stimmlichen Resonanzwunder. Nach wie vor kein Sänger, dafür omnipräsenter Sprecher zwischen den Harmonien, erzählt er Geschichten vom Leben geschrieben. Er rezitiert aus seinen Tagebucheintragungen. Erinnert sich an Spanienurlaube, an die Spießbürgerin im BODY COUNT-Dress oder Ulrike, der er ein zu langweiliger Liebhaber war. Als Physikstudent kokettiert er mit den Lebensweisheiten des Physikers Heisenberg, alles ohne doppelten Boden oder aufgesetzte Symbolik. \"Ich bin kein Freund von Metaphern.\" Und wenn ihn jemand in einem Song fragt, ob er \"noch ein bißchen Koks\" übrig habe, dann sind das für ihn nur noch \"die Spuren von seinem alten, einsamen Leben.\" Denn TILMAN ROSSMY ist nicht mehr der verstörte Melancholiker, orientierungslos und pessimistisch. Mit beiden Beinen im Leben stehend, belächelt er heute die zwanghaften Eitelkeiten der Hamburger Szene, denen auch er nach der Ankunft in der Stadt zu unterliegen drohte. Er hat sein Terrain abgesteckt. Seine Musik gehört keiner Bewegung. Seine Songs gehören ihm allein. Denn ROSSMY weiß jetzt, wo er zu Hause ist!
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