Moloko
Neulich in Rennes, Bretagne.
24.01.1996, 13:05, Text: Autor unbekannt
Um halb acht ist die Situation eine ganz andere und glänzende Augen aufgeregter Menschen künden von einem später gern erzählten, möglicherweise legendären Abend. Auf der Bühne waren: ein Schlagzeuger, ein Percussionist, ein Keyborder und eine Sängerin. MOLOKO. Eigentlich ein Duo. Ihre Platte \"Do You Like My Tight Sweater\" ist vor ein paar Monaten erschienen und Gegenstand von Überraschung, dezentem Jubel und Mußmaßungen über geschicktes Marketing. Darauf zu hören ein wenig Breakbeat. Viel Funk. Etwas Jazz. House. Viel ...Pop? Triphop? Snop? Musik aus der Mitte des Landes babylonischer Sprachverwirrung, in diesem Falle Sheffield, England. Und nicht Bristol.
Auch sind MOLOKO keinesfalls Exil-Kalifornier, sondern verschnupfte, blasse Rollkragenwesen. Er, Mark Brydon, ein House-Produzent mit viel Vergangenheit, sie, Roisin Murphy, zum ersten Mal im Pop. Eine geschichtliche Komponente und zwei Eckpfeiler aus der Jetzt-Zeit helfen bei der Verortung von MOLOKO. Sheffield brachte einst CABARET VOLTAIRE. Sheffield ist der Sitz von \"Warp\" und der \"Designers Republic\". Die gute Elektronik und das gute Design. Aus der Arbeit mit BOY GEORGE, PSYCHICK TV, ERIC B & RAKIM und vielen anderen hat Mark Brydon ein Gespür für den richtigen Weg mitgenommen. Die Arbeit im Studio wird vollelektronisch optimiert, die Umsetzung erfolgt in Band-Formation, alles andere wäre langweilig. Professionalität, guter Sound, gute Bässe und ständige Abwechslung. Im Ausdruck zwischen lasziv, kindlich, ernsthaft und cool. Geht nicht? Doch. \"Wir sind eklektisch\", sagt Mark. \"Wir ziehen unsere Einflüsse überallher, ob Easy Listening, Werbung oder Underground.\"
Das Cover ihres Debüts ist ein Comic, und er gefällt in seiner kindlich-monströsen Ästhetik garantiert jedem. Roisins Gesang ist nicht unbedingt voluminös, dafür spielerisch zwischen Katze und Kind. Auf der Bühne gelingt ihr das Kunststück, trotz Perücke und präzise verrutschtem BH-Träger die Würde zu behalten. Derweil steuert die handgespielte Musik mit Dub und lässiger Perfektion in den Groove-Himmel. Daß sie in dieser Kombination der Traum jedes dynamischen Label-Managers sind, ist klar und auch irgendwie unangenehm, trotzdem absolut zweitrangig.
Denn das Spiel ist echt (haha) und macht echten Spaß. Als kreative Gelangweilte sind MOLOKO in der Schnittmenge PORTISHEAD/TRICKY/BJÖRK auf einem Schleudersitz, der ein Loch in die Charts schießen dürfte und einen kleinen gutgelaunten Ausblick auf kommende Pop-Perspektiven eröffnet. Festhalten.
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