Hutpferdemänner

"ehrlichkeit - du hast verloren" (aus "verloren")

14.01.1996, 20:05, Text: Autor unbekannt

HUTPFERDEMÄNNER aus Augsburg sind Komplettautodidakten und unfähig, Songs zu covern. Seit fünf Jahren stellen sie dies auf der Bühne zur Schau. Was bei Uli Tsitsos als Durchschrebbeln von Leersaiten auf der Akustikgitarre, begleitet von einer Bontempi-Orgel, begann (\"Ich habe dann Matchbox-Autos auf die Tasten gelegt ...\"), manifestiert sich heute, nach fünf Jahren Bandwachstum, in Form der fantastisch traurigen CD \"Still\" (erschienen bei den unsäglich engagierten „Chiller Lounge Records“). \"Viele Leute sagen, wir klingen wie niemand sonst.\" In diese Zeugenschaft kann ich mich getrost einreihen, wenn auch viele meiner vermeintlichen Kollegen in diesem Punkt gerne mit Vergleichen auftrumpfen.

So tauchen in Rezensionen zur Band \"Einflüsse der Distelmeyers ... mit amerikanisch geprägten Soundvorstellungen\" (Persona Non Grata 11/95) auf. \"Manchmal kommt ein Verriß, manchmal nicht. Deswegen findet die nächste Probe und das nächste Konzert trotzdem statt\", schüttelt Uli die (durchweg guten) Kommentare der Presse zu seiner Musik ab. Fernab aller Komplexe singen HUTPFERDEMÄNNER über große Themen in eines jeden kleinen Welt so offen und fast schon beschämend ehrlich, daß ich mich und Uli fragte, ob Worte wie Zynismus oder Sarkasmus Fremdworte für ihn seien. \"Worum es mir überhaupt nicht geht, ist intellektuelles Verstandenwerden, das ist mir so egal. Wenn die Leute davon ergriffen werden, okay, andere läßt es kalt. Wir halten uns an die, die uns auf einer emotionalen Ebene verstehen. Zynismus ist eine Waffe zur Selbstverteidigung, ein letzter Schutzpanzer. In Musik, bei der es um Herzensangelegenheiten geht, mit solchen Waffen zu arbeiten, ist der falsche Weg. Im Alltag mag Zynismus manchmal hilfreich sein, aber in der Musik können wir uns schutzlos bewegen ... Die Reaktionen, die wir vom Publikum bekommen, geben uns die Kraft und den Mut, weiterhin so zu sein, so ehrlich eben. Wenn wir uns noch in der Musik verstecken müßten, wäre es eine traurige Sache.\"
Schrebbelnde und sich immer wieder harmonisch weit öffnende Gitarren, zurückgelehnt bodenständige Schlagwerkarbeit und melodieorientiert knarzende Basslinien, das Zusammenspiel des Trios hat den Charme des Unbekümmerten. Über allem schweben vor Melancholie triefende Gesangslinien, deren Tenor eine tief verwurzelte Verzweiflung vermuten läßt. Der immanenten Verzweiflung entwächst nach Ulis Worten live allerdings ebenso das Erscheinungsbild einer durchaus flinken Punkband, was die CD nicht unbedingt vermuten läßt, getragen und eher noise-poppig wie dieser Erstling klingt. Mit dem Problem \"schneller, lauter, härter\" kämpfen sie jedenfalls nicht.
Das Revival der Ehrlichkeit jenseits aller kopfüberladenen Musik, die niemanden so richtig glücklich traurig machen kann, mit den HUTPFERDEMÄNNERn hat es seine Wegbereiter gefunden.
Sollte es klappen, sind sie noch in diesem Jahr mit einem zusätzlichen Gitarristen auf einer kleinen Clubtour durch ganz Deutschland zu sehen. \"In meinem Kopf spukt schon die nächste Platte. Jeden Tag nehme ich Akustik-Sachen und Gesangslinien auf. Das behindert teilweise auch alles andere, wenn man immer nur an Musik denkt und an Möglichkeiten, Sachen auf eine bestimmte Weise auszudrücken. Es blockiert manchmal alles andere. Hier im Studentenwohnheim über mir wohnt der Sohn vom Verkaufsleiter von Hohner-Orgeln, mit dem wir jetzt die Woche mal 'ne Session machen. Von einem Stockwerk höre ich auch immer eine Opernsängerin, ich muß nochmal rausfinden von welchem, die hat 'ne tolle Stimme. Auf meinem Flur übt immer jemand Querflöte, ist recht musikalisch hier.\"
Uli sagt: \"Ehrlichkeit - du hast verloren, alles, was dir bleibt, ist Zorn. Du spielst mit mir, ich spiel mit dir. 'So ist das Leben', sagen wir.\" Wer mit dieser Art von Offenheit leben kann, wird sie mögen.



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aus Intro #31 (Februar 1996)
 
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