Hutpferdemänner
"ehrlichkeit - du hast verloren" (aus "verloren")
14.01.1996, 20:05, Text: Autor unbekannt
HUTPFERDEMÄNNER aus Augsburg sind Komplettautodidakten und unfähig, Songs zu covern. Seit fünf Jahren stellen sie dies auf der Bühne zur Schau. Was bei Uli Tsitsos als Durchschrebbeln von Leersaiten auf der Akustikgitarre, begleitet von einer Bontempi-Orgel, begann (\"Ich habe dann Matchbox-Autos auf die Tasten gelegt ...\"), manifestiert sich heute, nach fünf Jahren Bandwachstum, in Form der fantastisch traurigen CD \"Still\" (erschienen bei den unsäglich engagierten „Chiller Lounge Records“). \"Viele Leute sagen, wir klingen wie niemand sonst.\" In diese Zeugenschaft kann ich mich getrost einreihen, wenn auch viele meiner vermeintlichen Kollegen in diesem Punkt gerne mit Vergleichen auftrumpfen.
Schrebbelnde und sich immer wieder harmonisch weit öffnende Gitarren, zurückgelehnt bodenständige Schlagwerkarbeit und melodieorientiert knarzende Basslinien, das Zusammenspiel des Trios hat den Charme des Unbekümmerten. Über allem schweben vor Melancholie triefende Gesangslinien, deren Tenor eine tief verwurzelte Verzweiflung vermuten läßt. Der immanenten Verzweiflung entwächst nach Ulis Worten live allerdings ebenso das Erscheinungsbild einer durchaus flinken Punkband, was die CD nicht unbedingt vermuten läßt, getragen und eher noise-poppig wie dieser Erstling klingt. Mit dem Problem \"schneller, lauter, härter\" kämpfen sie jedenfalls nicht.
Das Revival der Ehrlichkeit jenseits aller kopfüberladenen Musik, die niemanden so richtig glücklich traurig machen kann, mit den HUTPFERDEMÄNNERn hat es seine Wegbereiter gefunden.
Sollte es klappen, sind sie noch in diesem Jahr mit einem zusätzlichen Gitarristen auf einer kleinen Clubtour durch ganz Deutschland zu sehen. \"In meinem Kopf spukt schon die nächste Platte. Jeden Tag nehme ich Akustik-Sachen und Gesangslinien auf. Das behindert teilweise auch alles andere, wenn man immer nur an Musik denkt und an Möglichkeiten, Sachen auf eine bestimmte Weise auszudrücken. Es blockiert manchmal alles andere. Hier im Studentenwohnheim über mir wohnt der Sohn vom Verkaufsleiter von Hohner-Orgeln, mit dem wir jetzt die Woche mal 'ne Session machen. Von einem Stockwerk höre ich auch immer eine Opernsängerin, ich muß nochmal rausfinden von welchem, die hat 'ne tolle Stimme. Auf meinem Flur übt immer jemand Querflöte, ist recht musikalisch hier.\"
Uli sagt: \"Ehrlichkeit - du hast verloren, alles, was dir bleibt, ist Zorn. Du spielst mit mir, ich spiel mit dir. 'So ist das Leben', sagen wir.\" Wer mit dieser Art von Offenheit leben kann, wird sie mögen.
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