Tori Amos

"meine songs hauen dich k.o."

11.01.1996, 14:39, Text: Autor unbekannt

Dieses \"trotz allem\" ist quasi der rote Faden auf TORI AMOS' drittem Album \"Boys For Pele\" (gemeint ist übrigens nicht der Kaiser Franz Brasiliens, sondern die hawaiische Feuergöttin gleichen Namens). Nachdem die zwei Vorgänger vornehmlich Betrachtungen über das Verhältnis von Frauen untereinander zum Inhalt hatten, geht es auf \"Boys For Pele\" speziell um das vermeintlich starke Geschlecht. \"Das Album handelt davon, das Feuer, das in jedem Menschen brennt, zu stehlen. Es ist ein Album über Männer. Jedes der Lieder handelt von einer Beziehung, die ich mit einem bestimmten Mann hatte oder noch habe. Es ist ein Album über die Leidenschaft.\"
Leidenschaftlich sind die Songs von TORI AMOS ohne Frage.

Das musikalische Wunderkind, das mit zweieinhalb Jahren Klavier spielen konnte und mit vier erste eigene Melodien klimperte, lotet die Extreme und Abgründe ihres Seelenlebens auf \"Boys For Pele\" noch ein Stück tiefer aus als auf ihren ersten beiden, von Kritikern und Fans gefeierten Alben \"Little Earthquakes\" (1991) und \"Under The Pink\" (1994). Ein musikalisches Fünf-Gänge-Menü für Gourmets. Sehr ruhige, akustische Piano-Stücke (\"Hey Jupiter\") wechseln ab mit energetischen, rauhen Wutausbrüchen wie \"Professional Widow\". Vielseitigkeit und ein Händchen für das Unerwartete sind einmal mehr TORIs Stärke. So wartet \"Marianne\" mit Streicher-Untermalung auf, während auf \"Way Down\" ein ganzer Gospelchor die Stimmen erhebt. Viele der Songs ließen sich als Balladen bezeichnen, wenn nicht die Sanftheit einer Melodie oft mit einem schmerzvollen Text einherginge. Ist TORI AMOS der \"little masochist\", als den sie sich in \"Hey Jupiter\" bezeichnet? \"Gelegentlich ja. Schmerz kann ein wirklich guter Freund sein. Wenn du aber versuchst, meine Songs festzunageln, hauen sie dich k.o. Jeder Sound auf der Platte trägt dazu bei, die verschiedenen Charaktere in den Songs zu portraitieren. Ich benutze verschiedene Schattierungen, um den Song und seine Story zu unterstützen. Meinen musikalischen Wortschatz verwende ich wie ein Maler seine Farbpalette oder wie ein Surfer eine große Welle. Ich ducke mich und lasse die Inspiration über mich hereinbrechen.\"
Wir sitzen beim Interview in einem schmucken Hotel an der südirischen Küste. TORI ist im vergangenen Jahr hierher gezogen und hat den überwiegenden Teil von \"Boys For Pele\" in einer zum Studio umfunktionierten alten Kirche aufgenommen. Produziert hat sie erstmals selbst. Aber wo genau die 32jährige nun lebt und arbeitet, soll geheim bleiben, um ihre Privatsphäre zu schützen, wie sie sagt. In ihrer sprachlichen Komplexität und augenscheinlichen Unergründlichkeit entspricht die TORI auf dem Interview-Sofa zu hundert Prozent der TORI auf ihren Platten. Ich sage ihr, daß mir die neuen Songs sehr nahegegangen sind, daß man beim Hören das Gefühl habe, man sei mit der Künstlerin ganz allein in einem Raum. \"Ja ja\", grinst sie, \"und hoffentlich steht eine Flasche Wein auf dem Tisch. Ich denke, die brauchst du bei diesem Album, vor allem als Mann. Es ist ein sehr intimes Album, weil es von Leuten handelt, mit denen ich mich auf intime Weise eingelassen habe.\" TORI begann mit dem Schreiben der neuen Songs, nachdem sie sich von ihrem langjährigen Lebens- und Arbeitspartner Eric Rosse getrennt hatte. \"Nach dem Ende meiner letzten Beziehung stand mir der Sinn nach Betrachtungen über die Männerwelt. Ich wollte lernen. Über die Männer und über mich selbst. Wenn du deine Stärke, also dein Feuer, an eine Person verschwendest, von der sich herausstellt, daß sie es nicht wert war, bist du wütend auf dich selbst (nachzuhören in \"Blood Roses\" - A. d. V.). Ich rede von Männern, die ab einem gewissen Punkt nicht mehr bereit sind, ihr Feuer mit dir zu teilen, und dich nur noch gefühlsmäßig aussaugen wie ein Vampir.\" Hat sie jetzt soviel gelernt, daß sie keine Kerle mehr braucht, um glücklich zu sein? \"Das ist zu einfach gedacht. Ich schreibe ja nicht nur über negative Erfahrungen mit Männern. Männer können auch sanft sein, stark, weise, sie können dich verzaubern und zum Lachen bringen. Ich glaube, diese Platte hat mir geholfen, die Männer zu durchschauen.\"
Konkreten inhaltlichen Aussagen zu ihren Texten verweigert sich TORI AMOS allerdings. Auch wenn sie häufig konkrete Personen in den Texten nennt, bleiben die Songs dank einer extrem bildhaften Sprache für den Betrachter, zumal den männlichen, unverständlich und irgendwie kryptisch. \"So soll es auch sein. Ich will, daß meine Songs die Leute verwirren. Ich gebe mich in den Texten hin, überschreite gewisse private Grenzen. Diese Hingabe will ich nicht öffentlich erläutern. Außerdem will ich niemandem die Freiheit rauben, sich unabhängig von meiner eigenen Interpretation mit den Texten zu befassen.\"
Es reicht schließlich, wenn man TORIs Hingabe hört, wenn beim Konzert vor Leidenschaft der Parkettboden vibriert. Irgendwie ist es doch Sex. \"Ich bin in der glücklichen Lage, Musik zu fühlen, Musik zu spielen, mich mit Musik auszudrücken, die Musik durch mich durch zu lassen, meinen Körper den Rhythmus fühlen zu lassen und zu spüren, wie die Musik in mir atmet.\"



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aus Intro #31 (Februar 1996)
 
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