Tortoise

eine kleine nachtmusik

07.01.1996, 21:50, Text: Autor unbekannt

Faites vos jeux

\"Djed\" ist der Opener des neuen TORTOISE-Albums. Faszinierendes Glasperlenspiel. Eine Hinführung zum ersten Thema. Auf das fünf weitere Phasen ineinander übergehen, und sich doch völlig unabhängig voneinander entwickeln, bis nach 21 Minuten eine Quasi-Reprise abschließt. Ohne daß die Hände über dem Empfänger von Prog(ramm)Rock-Signalen zusammengeschlagen werden müßten. Obwohl es ja schon gewaltig reizt, fünf Bandmitglieder, vielleicht gar mit eschatologischem Geschichtsverständnis, wo TORTOISE doch bei ihren Freunden von STEREOLAB/“Duophonic“ besagte \"Gamera\" veröffentlicht haben? Ein Hinweis, daß die erste, selbstbetitelte LP ziemlich linearen Charakter habe.

Angesprochen darauf, ob er die neue Platte bezüglich ihrer Formen als Fortschritt ansehe, wohlgemerkt. Progression als terminus technicus? Sieben Schritte weiter und Schwindelgefühle? Oh Scheiße, im Geist spricht Physiklehrer Reich (Stichwort \"Viel hilft viel\"). Da war doch was. Eine Bewegung, auf die eine Gegenbewegung folgt. Und wo sich viel bewegt, fängt alles an zu fließen. (Also erst mal innehalten und Luft holen.) Diese Menschen sind nicht nur geistig sehr rege, ohne es merken lassen zu wollen, sie haben auch ein untrügliches Gespür für mögliche Wirkungen ihres Schaffens. John spricht ebenso langsam wie überlegt und befindet hinterher, daß es schwer sei, über das zu reden, was man tut.

MODERATO

„The Taut & Tame“ ist das einzige Stück, das TORTOISE bereits auf der letzten Tour gespielt haben. Ein Snare-Wirbel wird eingeblendet. Aufgrund des ungewöhnlich hellen Klangs fällt irgendwann, nach dem dritten Mal hören vielleicht, die Betonung auf. 11/8-Takt. Wirkt nicht gerade besonders verquer. Die zwei Bässe ziehen sich hoch - und. Pause. Zwei parallele Baßfiguren und Schlagzeug setzen gleichzeitig wieder ein. Und dann wird geschichtet. Rückwärtslaufende Spuren, ergänzend Marimbas mit leicht verändertem Motiv, der zweite Baß weicht noch mehr ab, bis sich die beiden Brüder die Bälle zuspielen. Stark synkopiert das alles, während die Marimba die \"eigentlichen\" Betonungen ausfüllt: Der 11/8-Takt wird praktisch geteilt in einen 3/8 und zwei 4/8, der anschließende 8/8 kommt wie eine Erlösung und klingt aus. Weiter stark synkopiert eröffnet der Baß die dritte Ebene, parallel zu den Drums, begleitet nur von vibrierendem Rauschen. 3/8 und 5/8 der Betonung nach, und siehe da, der 11/8 ist unbemerkt in einen schnurgeraden 8/8-Takt übergegangen, der aufgrund der Synkopen als einigermaßen krumm empfunden werden kann. Das Snare-Wirbel-Intro taucht wieder auf. Das Spiel beginnt von neuem.

ANDANTINO

\"Djed\" kann man insofern als Überleitung vom ersten Album ansehen, wie hier bis zur Mitte des Stücks der Drumsound einer völligen Wandlung unterzogen wird, was, besonders bei \"Spiderwebbed\" deutlich, bisher eigentlich mit den Stücken im Ganzen passieren konnte, und in stark verlangsamter Form wiederkehrt. Die \"Reprise\" läßt den verblüfften Schluß zu, daß man eigentlich ziemlich vergessen hatte, wie's losgegangen ist. Folgen drei weitere Stücke unterschiedlichster Couleur, allen gemeinsam ist aber der oben beschriebene zyklische Charakter. Anfang und Ende sind jeweils weitgehend identisch, was dazwischen passiert, ist weitgehend irrelevant, könnte man meinen. Doch genau hier liegt eine Maxime von TORTOISE: Trotz aller gruppenorientierten Herangehensweise ist genug Platz für jeden einzelnen, sich selbst einzubringen. Als Reaktion auf die mannigfaltigen Aktivitäten der fünf, die sonst ausschließlich Teil der Rhythmussektion anderer Bands von nicht so ausgeprägt instrumentalem Charakter sind und sich wohl auch deshalb in zumindest halbwegs vorgegebene Schemata einfügen müssen, konnte früher jedes Element den Verlauf des Ganzen nachhaltig verändern, wohl weil vor der ersten Platte der Spieltrieb noch ziemlich ausgeprägt war. Hier gibt John zu, daß dieses Mal schon festere \"Rahmenbedingungen\" vorgegeben waren.
Bei \"Dear Grandma And Grandpa\" kommen selbst verfremdete Stimmen zum Einsatz, neben fast ambientmäßigen Soundscapes. Die Drums sind völlig weggefallen, nur echolastige Baßsequenzen halten das Wirrwarr an Geräuschen und Klängen zusammen - bis zur Überleitung ins grande finale. Einem beinahe schweren Blues. Und der ultimativen Auflösung inklusive.

ALLEGRETTO

Das Debüt wurde in Europa Ende 1994, lange nach der Veröffentlichung in den USA, auf den Markt geworfen, \"weil Christof (Ellinghaus, ‘City Slang’-Betreiber - A. d. V.) dachte, es würde niemanden interessieren.\" Doch die gesamte Deutschland-Tour vor Jahresfrist war völlig ausverkauft, und selbst in London kamen sie glänzend an, \"wenn man bedenkt, daß sie dort keine Rock-Musik mögen.\" Gründe? \"Vielleicht, weil jeder in den letzten Jahren Techno gehört hat.\" Was die Hörgewohnheiten im ganzen ziemlich verschoben hat. Allerdings könne es genausogut sein, daß sich in zwei Jahren kein Mensch mehr für sie interessiere.

Wechselspiel der Phasen, besser des Zustands, auf allen Ebenen, auf der Remix-Platte \"Rhythms, Resolutions & Clusters\" besonders schön bei \"The Match Incident\", dem Beitrag des Herrn Steve A. aus U., dokumentiert. Nacheinander wird ein Streichholz entzündet, die Treppen hochmarschiert, aufgeschlossen, die Glotze angemacht, die Dose geöffnet und deren Inhalt in ein Glas geschüttet. Genial? „Niemals“, würden TORTOISE sagen. Sie versuchen lediglich, einen Raum zu schaffen, in dem sich die einzelnen Musiker recht frei bewegen können. Und es fällt deshalb so schwer, darüber zu reden, weil es schwerfällt, an die Oberfläche zu holen, was so tief verinnerlicht ist. Weil, wie immer wieder betont wird, alles relativ offen gehalten werden soll.
Doch ebenso wie das Bewußtsein von Gegenwart einerseits und Vergänglichkeit andererseits antreibt, tun sie nur das Natürliche.
\"Der Kreis schließt sich\", stand vor knapp einem Jahr an ähnlicher Stelle. \"Alles fließt. Wir lassen uns treiben.\"

RITARDANDO

Das Album heißt übrigens \"Millions Now Living Will Never Die\", lustigerweise Slogan einer christlichen Kampagne irgendwann in den 30ern. Natürlich glaubt John nicht an eine Wiedergeburt. Wäre eigentlich auch ziemlich erstaunlich gewesen. Aber daran, daß man möglichst viel tun sollte im Leben. TORTOISE haben in ihrer noch recht jungen Geschichte bereits drei LPs (das Remix-Album mitgerechnet), eine 12\" und drei Singles veröffentlicht. Darüber hinaus, John betreffend, THE SEA & CAKE zwei Alben im letzten Jahr, und außerdem legte er als Produzent, u. a. bei einer Hälfte der kommenden STEREOLAB-LP, die im März erscheinen soll, Hand an. Nun gut. Draußen wird's schon bald hell. Zeit für ein kleines Nickerchen. Wer Lust hat, kann ja noch weitermachen.



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aus Intro #31 (Februar 1996)
 
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