Napalm Death

kollektiver horchlöffelbefall

05.01.1996, 21:51, Text: Autor unbekannt

Grund dafür ist, daß NAPALM DEATH, die alten Recken der musikalischen Zerstörung, mal wieder ein frisches Stück Holzkohle nachgeschoben haben. Dieses hört auf den Namen „Diatribes“ und produziert erst mal Fragezeichen beim Hörer. Wer per Zufallsgenerator zuerst „Cursed To Crawl“ oder „Cold Foregiveness“ anwählt, wird verdutzt stoppen und nachsehen, ob sich der Angestellte im Plattenladen nicht vielleicht vergriffen hat. Hat er nicht. NAPALM DEATH sind ihrem Ruf treu geblieben, drauf zu scheißen, was man von ihnen erwartet und verlangt, und haben einfach mal eben ein Album veröffentlicht, auf dem Gesang auch zu erkennen und der Fuß des Hörers zum Mitwippen quasi gezwungen wird.

Was nicht etwa bedeuten soll, daß das Wort Ausverkauf jetzt mit den Fingern schnippt und nur drauf wartet, von mir benutzt zu werden. Nein, trendy sind sie nicht geworden, keine Angst. Weder BIOHASI noch MASCHINENKOPF noch die ANGSTFABRIK müssen wohl um ihre zeitgeistbewußte Hörerschaft bangen, und ganz so extrem, wie Shane Embury es letztes Jahr im Interview ankündigte, ist der Unterschied zum Vorgänger-Album nun doch nicht - SMASHING PUMPKINS- und SONIC YOUTH-Fanatiker werden wohl auch weiterhin nur ein Schulterzucken für die Band erübrigen können.
Trotzdem ist zu erkennen, daß die Herren Musiker zu Hause in Birmingham zur Zeit gerne auch mal unmetallisches zu Rate ziehen, um nach zehn Jahren im Windschatten des Blastspeeds noch Inspirationen zu erfahren: „Ja, natürlich. Wir erfreuen uns an den SWANS, den CARDIACS, DEAD CAN DANCE und HARUM SCARUM genauso wie an REPULSION, DISCHARGE, MASSACRE und MOTÖRHEAD.“ Auch VOIVODeske Züge sind im N.D.-Sound 1996 unüberhörbar, schräg-ungewöhnliche Akkordfolgen an der Tagesordnung. Das Album klingt homogen, obgleich vereinzelte an alte Zeiten erinnernde Stücke (vor allem gegen Ende) die musikalische Bandbreite noch strecken. „Das liegt daran, daß es uns jetzt wieder Spaß macht, miteinander zu arbeiten. Wir verstehen uns im Moment wirklich gut. ‘Fear Emptiness Despair’, das letzte Album, war im nachhinein betrachtet nicht ganz das, was es werden sollte. Dazu kam, daß Spannungen innerhalb der Band fast zur Auflösung geführt hätten. Jeder in der Band hat eben eine sehr stark ausgeprägte Persönlichkeit, will seine Vorstellungen durchsetzen. Da kann es schon mal zu Konflikten kommen. Letztendlich spricht es aber nur für uns, daß wir einen gemeinsamen Nenner gefunden und uns für die Vorbereitung des neuen Albums zusammengerafft haben, so daß es allen Mitgliedern hundertprozentig gefällt.“
Vorab erschien Ende letzten Jahres die Mini-LP „Greed Killing“, ein sechs Stücke umfassendes, zum Preis einer Maxi rausgehauenes Teil, das vier exklusive Songs aufführen kann und dessen Erwerb sich allein schon deshalb lohnt. „Wir wollten den ziemlich extremen Wechsel vom letzten zum neuen Album dadurch ankündigen, daß sich jeweils zwei der exklusiven Stücke entweder nur auf „Fear Emptiness Despair“ oder nur auf „Diatribes“ befinden könnten - also stehen zwei äußerst experimentelle Stücke neben zwei eher traditionell gehaltenen. ‘Greed Killing’ ist eindeutig als Baustein gemeint, der zwei Schaffensphasen miteinander verbindet.“
In den vergangenen zehn Jahren NAPALM DEATH hatte die Band - unabhängig vom ständig wechselnden Line-up - fast immer eine Vorreiterposition inne: zu Beginn der Status der erfolgreichsten Grindcore-Band auf der ganzen weiten Welt, später ihr revolutionärer Schritt, den Grindcore von gestern mit Death Metal zu verquicken, und schließlich als eine der ersten politischen Bands in Südafrika zu touren. Ehemalige Mitstreiter haben inzwischen erfolgreiche Projekte, deren Namen für Innovationen in der Welt der extremen Musik stehen: TERRORIZER, SCORN, PAINKILLER, GODFLESH, CATHEDRAL und CARCASS starteten auf Veranlassung von N.D.-Mitgliedern. Vom erwähnten Südafrika-Trip ist Barney eine besondere Anekdote in Erinnerung: „Ich war Gast einer Radioshow und stellte klar, daß NAPALM DEATH Musik für jeden machen würden, worauf der Moderator mich belehren wollte, daß das doch nicht gut sei. ‘You should play music for white people’, meinte er, mir mitteilen zu müssen. Meine Antwort endete mit ‘Dickhead’ und sorgte für knallrote Gesichter in den Chefetagen der Radiostation. Selbst Schuld ...“ Was auch für all jene gelten soll, die sich „Diatribes“ entgehen lassen und damit die schier unglaubliche Entwicklung einer Band, die 1996 mit richtigen Hits und gar Tanzflächenkompatibilität aufwarten kann, ignorieren. Schande über sie.



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aus Intro #31 (Februar 1996)
 
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