Smashing Pumpkins
hart, aber kompromißlos?
14.09.1995, 17:52, Text:
unbekannt
Raus aus dem posigen Hotel, rauf auf die Terrasse, direkt am Kanal. An einem Tisch unter einem verschwenderisch großen Sonnenschirm sitzen vier Sonnenbrillen vor einer eisgekühlten Flasche Wasser. Dreimal blau, einmal schwarz: jetzt weiß ich, was zu Hause in meinem Zimmer liegt. Das schwarze Modell gefällt ganz besonders. Erstens ist es schwarz, was es seiner Trägerin ermöglicht, den Körper unter dem Schirm hervorzustrecken. Zweitens handelt es sich um genau die Fliegenaugen, die Keith Richards in den Sechzigern bevorzugt trug und die Paul McCartney für das Backcover des \"Revolver\"-Albums in offenbar parodistischer Absicht auf sein unansehnliches Gesicht sich zu setzen leider nicht umhinkam.
\"Hi, ich bin Boris vom INTRO-Musikmagazin. Wir haben eine Auflage von hastenichtgesehen und drucken auch manchmal in bunt ...\", versuche ich die Aufmerksamkeit der glücklich Bebrillten auf mich zu ziehen, was nicht gelingen kann, wo doch der Mann von der Plattencompany bereits genau dasselbe erzählt hat, und zwar mit ähnlicher Resonanz. Zeit, mehr ins Detail zu gehen, persönlicher zu werden und sich zu öffnen. Das schafft Sympathie und die hat noch niemendem geschadet. \"Ich hatte einen höllischen Flug, hab' nur zwei Stunden geschlafen, der Rock'n'Roll von gestern abend hat meine sämtlichen Energien absorbiert und heute morgen um fünf lediglich einen pelzigen Belag auf der Zunge hinterlassen\", deliriere ich in der mindestens schon flirrenden Hitze ins Blaue des Himmels und der drei Sonnenbrillen hinein. \"Hm\", sagt da der Herr Billy Corgan, Sänger, zu mir, als er mich dann als bleichen Punkt in dem blauen, blauen Glas seiner Sonnenbrille - ein Königreich dafür! - ortet. \"Hast du auch so einen garstigen Hangover wie ich?\" - \"Ja klar, wenn nur dieses Pochen auf der Netzhaut nicht wäre ...\" D'arey fummelt in einer Art Handtasche herum und steckt mir drei weiße Pillen zu. \"Take it! They'll do you well 'till you're well done!\" Der Tisch biegt sich unter dem Gewicht der lachend zusammenbrechenden PUMPKINS. \"P2\" ist in die Biester eingeritzt, was das wohl ist, Preludin vielleicht? \"Was ist das? Aspirin?\" Jimmy Chamberlin, der Drummer, lacht dämonisch, dabei sieht er mit seinen SPRINGSTEEN-Bizeps ohnehin schon furchteinflößend genug aus: \"Turn in, tune on, burn out! Und nur in der Blutbahn über die Grenze schmuggeln, hörst du?\" Sein irr grienendes Gesicht verwandelt sich für einen Augenblick in die Visage des Zöllners vom Flughafen, wie er mir die Trips aus dem After fummelt und verlangt, daß ich sie umgehend verzehre. Zeit, ein Bier zu ordern.
\"Beck's, German Beer! Kennst Du die SCORPIONS?\" frohlockt und fragt Billy, haupsächlich, um um das fällige Auskunftgeben bezüglich der neuen Platte der SMASHING PUMPKINS herumzukommen. Wahnwitzigerweise handelt es sich bei dem \"Siamese Dream\"-Nachfolger um ein Doppelalbum mit insgesamt 28(!) Stücken. Die ersten 14 befinden sich auf \"From Dawn To Dusk\", die zweite Ladung nennt sich \"From Twilight To Starlight\", wenn sich das mal nicht nach Konzeptalbum anhört ... \"Ach was!\" wehrt Billy ab, \"Punkbands machen keine Konzeptalben. Wir machen Punkrock!\" Er schnappt sich das Diktiergerät, sucht den Mikrophonschlitz und führt diesen in die Gegend seines Zäpfchens: \"Punkrock! Punkrock! Punkrock!\" Das unwirsche Genöle ist in wütendes Kreischen übergegangen. Ich trockne den Recorder am Tischtuch und höre die Stelle ab. Es zerrt an besagter Stelle wie Hulle, ich freue mich und kündige ein Techno-Remix des Interviews an, ungefähr so: \"ZickerzickerzickerzickerPUNKROCK!böööööt!PUNKROCKbuffdishbuffdishbuffdish\", MINISTRY meets MARUSHA meets PUMPKINS oder so. \"Ich zeig' dich an, motherfucker, ich zeig' dich an\", lacht Mr. Punkrock. Zeit für den Gitarristen James Iha, sich zu Wort zu melden, einen unverständlichen, aber offenbar sehr lustigen Witz in völlig unverständlichem Slang über vermutlich mich zu reißen und, da ich Anstalten mache, zum hundertsten Mal nach der neuen Platte zu fragen, mich auszubremsen und unversehens auf die SCORPIONS zu rekurrieren: \"Was macht eigentlich Uli John Roth?\" - \"Du meinst den Uli John Roth, der glaubt, auf einer nur sechssaitigen Gitarre könne man unmöglich Musik machen?\" - \"Genau.\" - \"Der hat unlängst mit Fotzen wie RANDY HANSEN ein Tribut to JIMI HENDRIX mit seiner Siebensaitigen vergurkt.\" - \"Ah, die Siebensaitige! Ist das die blaue, mit dem eingelassenen klobigen Edelstein? Die ist doch super!\" - \"Die SCORPIONS sind sowieso super. Immer schon eine große Inspiration für mich gewesen\", glaubt Billy. \"Dann kennt ihr bestimmt auch VICTORY, ebenfalls aus Hannover.\" - \"Yeah!\" - \"Hermann, der Gitarrist, erzählte mir einst, nur derjenige verstünde etwas von Rock'n'Roll, der schon einmal mit zwei Frauen gleichzeitig verkehrt habe. Billy, verstehst du etwas von Rock'n'Roll?\" - \"Iß du erst einmal deine Pillen, dann sehn wir weiter. Wir sind eine Punkrock-Band!\" Auftritt der Kellner, mit einer Flasche Cola bewehrt. Es ist einer von der Sorte Hotelangestellter, die, in verschwenderisches Livree-Grün gewandet, nur darauf wartet, mit den Füßen getreten oder zumindest mit Worten erniedrigt zu werden. Zufällig ist es auch genau so ein Hotel, in dem die PUMPKINS ihr Quartier aufgeschlagen haben. Über den Preis ihrer Zimmer schweigen sie sich aus, ob ein solcher Palast als location für heftigen Punkrock unbedingt geeignet ist, das wissen sie indes genau: \"Wenn wir mit euch Presseheinis durch sind, ziehen wir den Stöpsel aus der Zimmerbar, tränken das Bett mit Hochprozentigem und zünden den Laden hier an!\"
Wirklich köstlich dabei ist eins: Die SMASHING PUMPKINS sind in Wirklichkeit gar keine Punkrocker. Zwar klingen die Gitarren schön nach white noise, wie es auch ein Elektrorasierer, mit einem Frequenzmodulator ausgerüstet, nicht besser erledigen könnte. Die Drums sind furztrocken abgemischt, kommen gut, hart und grungy. Der Bass bollert dazu unbeständig, daß es seine Art hat. Der Sound ist passend mid-fi, haargenau so, wie es sich gehört. \"Gish\", das Debüt der Chicagoer, war noch am ungeschliffensten und verdient daher am ehesten den Punkrock-Stempel. \"Siamese Dream\", der Nachfolger, war ein Popalbum und der endgültige Durchbruch. Der Hit \"Today\" legt das Dilemma der PUMPKINS offen. Was NIRVANA vielleicht noch gut gestanden haben mag, Melodienseligkeit nämlich, nervt hier nur noch. Der Gesang säuselt in einer Tour, allenfalls ein Gegreine in der expressivo-Version ist noch drin. Die Vocals schmeicheln einem ums Ohr, wie es eigentlich nur pubertierende weibliche Teenies auszuhalten vermögen. Die SMASHING PUMPKINS liefern eine zeitgemäße Version des Highschool oder gar Tin Pan Alley. Da paßt es ganz gut, daß Sänger Billy sich auf dem offiziellen Video \"Viewphoria\" - das übrigens ganz nett gemacht ist - anläßlich einer \"unplugged\"-Improvisation von \"Cherub Rock\" in ein Baseball-Shirt gepackt hat, \"666\" lautet seine Stiefelnummer, doch das macht ihn auch nicht böser. An angry man is an angry man, schoolboy bleibt dagegen schoolboy.
Meanwhile: \"Wie schaut's denn so aus? Ihr hattet doch da diesen Produzentenwechsel. Inwieweit ...\", Billyboy zeigt auf einen wohlbeleibten Mann, der wohl zur Crew gehört. \"Das ist Flood, unser Producer, haha!\" Ich biete ihm die komischen Pillen von d'arey an, ohne Erfolg. \"Flood übrigens deswegen, weil, wenn er sich dort vorn (deutet hinter sich) in den Kanal werfen würde, säßen wir hier nicht mehr, dig?\" Ende der Auskunft. \"Kommst du aus Steinfurt oder aus Schweinfurt?\" fragt mich James. Begeisterung. Die nächsten fünf Minuten werden benötigt, um alle bekackten Ortsnamen Deutschlands aufzuzählen. Dies seien selbstverständlich auch alles Tourorte. Und das neue Album?
Wer nicht sprechen will, muß hören. Und zwar vorzugsweise Selbsteingespieltes. Ich reiche meinen Walkman herum, auf dem \"We Only Come Out At Night\" von der \"From Twilight To Starlight\" läuft. \"Super Sound\", findet Billy, als ich darauf hinweise, daß die Drums an der passend gespulten Stelle einen Break versemmeln. \"Mir fällt's nicht auf, so what?!\" - \"Habt ihr euch nicht etwa mit dem Doppelalbum überfordert? 'Siamese Dream' wußte zwar noch nicht mit so vielen verschiedenen Einflüssen umzugehen, wie es auf der neuen zweifelsohne der Fall ist. Dafür war die ganze Sache aber deutlich tighter. Hättet ihr euch nicht für ein solches Mammutalbum ein bißchen mehr Sorgfalt und Zeit gönnen sollen?\" - \"Ach!\" meint Billy mit wegwerfender Handbewegung, \"wir hatten halt Bock drauf, und alles andere ist scheißegal. Die Leute kaufen das sowieso, schreib' doch, was du willst. 50.000 verkaufte Einheiten sind uns ohnehin sicher.\" - \"Warum zur Hölle setzen wir uns denn nicht damit auseinander?\" meldet sich d'arey sichtlich angepißt zu Wort und steckt sich eine Marlboro in den Mund. \"Weil\", meint James und erzählt sodann einen Witz, den ich nicht verstehe. \"Wir haben halt einen schlechten Humor\", meint d'arey entschuldigend und läßt die pittoreske Architektur auf der anderen Seite des Gewässers auf sich wirken.
Aus Langeweile kritzle ich dem Trommler seine Lieblingsfigur auf eine Ausgabe des \"Rolling Stone\" (\"Du solltest so was nicht lesen\", tadelt d'arey), es ist dies eine Sechzehntel, eine Achtel und noch eine Sechzehntel, danach geht es synkopisch weiter, verteilt auf die erste Snare, zweitens und drittens auf HiHat mit Bassdrum. \"Die spielst du auf 'Siamese Dream' bevorzugt.\" Jimmy guckt fragend auf die Noten, spielt eine Sechzehntel und eine Achtel, in dieser Reihenfolge. \"Nein, warte\", unterbreche ich und suche einen Kugelschreiber und klopfe die richtige Version. \"Ah, du solltest das nächste Mal Sticks mitbringen, dann machen wir einen kleinen battle.\" - \"Na, wenn das so ist, dann können wir ja auch gehen\", sagt Billy und schlendert - noch kurz ausrufend, er habe selbstverständlich wieder alle Instrumente selbst eingespielt - an den Steg, den Gitarristen im Schlepptau. Ich bespreche mit Jimmy fortan Entscheidendes, wo nämlich die Vor- und Nachteile von \"Pin Strope\"-Fellen im Gegensatz zu den coated \"Ambassador\" liegen, die er grundsätzlich spielt, des \"warmen Tones\" wegen. Double-Bass ist total unangenehm und müsse daher dringend geübt werden, kommen wir ferner überein. Ich spreche Jimmy auf seinen linken Fuß an, der mir ziemlich gut gefällt. Erstens sieht der nämlich knorke aus, und zweitens tritt Jimmy damit gerne die HiHat-Maschine, anstatt die Becken mit dem Stock zu bearbeiten. \"Das verschafft mir Dauerstreß mit dem Produzenten. Ich finde das so aber viel besser, das klingt leichtfüßiger und groovt einfach mehr. Aber die Leute im Studio wollen immer nur wusch! wusch! wusch!\" Zum Glück setzt er sich in dieser Frage immer wieder durch, sind es doch gerade solche feinziselierten Kleinigkeiten, von denen die Drumparts bei den SMASHING PUMPKINS leben.
Und das neue Album, Ihr wißt schon, der Doppelpack aus \"Dawn\" und \"Twilight\"? \"Ich denke, wir haben viel mehr experimentiert als sonst. Wir schrecken mittlerweile auch vor ruhigeren, epischeren Stücken nicht zurück. Außerdem haben wir viele seltsame Sounds benutzt, ein wenig gesamplet und mit Loops gearbeitet. Im Zusammenhang mit dem Gerumpel der Band schafft das einen ganz interessanten Kontrast, wie ich denke, das hat manchmal was richtig Kaltes, gut für die düsteren Momente auf der Platte. Auf jeden Fall sind wir härter und kompromißloser geworden.\"
Auf diesem Hintergrund ist wohl auch die Verwünschung Corgans zu sehen, die er zwischenzeitlich auf meinen Hals hetzte. \"Hoffentlich stürzt dein Flieger\", bleckt er lachend das Gebiß. Hart, aber kompromißlos.
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