Red Hot Chili Peppers

25.08.1995, 17:30, Text: Autor unbekannt

Nein, wir verstehen uns nicht falsch. Ich unterschreibe gerne die ebenso späte wie leicht überzogene Würdigung der guten alten Tante NME, die sich dazu hinreißen ließ, die bis dato stoisch ignorierten Hektiker aus Hollywood fast ohne Ironie als \"größte Band der Welt\" zu preisen (wenn auch nicht ganz klar ist, in bezug worauf sie das meinen). Dieses Jahr oder was davon übrig ist, das jedenfalls steht fest, ist RED HOT CHILI PEPPER-Zeit, werden die Kalifornier eine ganz neue Käufer-Spannweite vorführen, die die Jugend/Underground-Integrationskraft der BEASTIE BOYS um große Teile der nur noch partiell Musikinteressierten, um die 30jährigen erweitert.

Jeder und jede wird bedient, Hysterie, Funk und Hyperventilation, Alternative-Gitarrenschmodder, herzerweichende Balladen in korrekter Darbietung, Tattoos wie nirgendwo sonst, Sex und kalifornische Frischzellen für die Entwachsenen mit dem zu angenehmen Gefühl der ungefähren Gleichaltrigkeit - vielleicht werde ich ja auch noch mal so jung? Michael Balzary jedenfalls wird jeden Tag jünger, sagt er. Ganz allein hat er der neuen LP seiner Band das kurze Lied \"Pea\" beigesteuert, ein rohes Bassgeschrammel, zu dem Michael sich die Wut über \"homophobic macho pigs\" vom Halse schreit. Möchte er eine Erbse sein? \"Ich bin eine Erbse\", sagt die Fliege. Seit seiner Jugend ist Micheal Flea, das kleine Wesen mit den hektischen Bewegungen. Daß er ein stiller, schüchterner Junge war, der mit Vorliebe zu Hause alte Jazzplatten gehört hat, ist nur schwer vorzustellen. Michael wuchs in Australien auf. In Los Angeles angekommen führte ihn das Schicksal in eine Schlägerei in Fairfix High, Hollywood, seiner neuen Schule. An seiner Seite stand eine andere Form von Außenseiter: Anthony Kiedis, von seinem Vater seit dem 12. Lebensjahr mit Frauen und Drogen versorgt. An diesem heißen Juli-Tag geben Anthony, Flea, Drummer Chad Smith und \"der Neue\", Dave Navarro, Audienz inmitten einer paradiesischen Villen-Parkanlage in West Hollywood, dem Viertel to be in LA. Die Bombe, die hier und jetzt verhandelt wird, ist so heiß, daß sie uns Schreibern lediglich vorgespielt wird, so heiß, daß die ganze Welt nach Marktanteilen sortiert in Hollywood drei Tage der RED HOT CHILI PEPPERS in gerade mal 40minütige Einheiten zerlegen darf. Nachdem \"Blood Sugar Sex Magic\" den Pop-Status der Band nahezu \"Nevermind\"isch gesteigert hat, ist Real Big Business ausgebrochen. Für die Band war die Zeit nach \"BSSM\" ebenso ekstatisch wie traumatisch. Besonders für Flea. \"Ich hatte nach unseren letzten Touren einen totalen physischen und emotionalen Tiefpunkt, aus dem ich erst mal wieder rauskommen mußte. Es gab einige Disharmonie in der Band, John fühlte sich unwohl ..., der Durchbruch, den uns die fünfte Platte brachte, verstärkte die allgemeinen Krisen, besonders meine. Ich war schon immer eine hektische, zerstreute Person (macht Fliegengeräusche nach) und bin daran gebrochen - ich war gerade geschieden, auf Tour, konnte nicht essen und nicht schlafen, fühlte mich allein, habe niemandem getraut. Ich mußte schmerzvoll lernen, ruhiger zu werden.\"
Kurz bevor die PEPPERS aufbrachen, um Lollapalooza 2 zu headlinen, um ihren verdienten Höhenflug nach Supports wie PEARL JAM, ICE CUBE und MINISTRY zu feiern, stieg Gitarrist John Frusciante aus. Der wahrlich nicht häufige Fall eines Musikers, der vor dem Erfolg flieht, den die Dimensionen des großen Spiels so erschrecken, daß das damit verbundene Geld dieses nicht zu kompensieren vermag. Frusciante, der als \"Die-hard\"-RHCP-Fan der Band jahrelang hinterhergereist war und alle Stücke nachspielen konnte, hatte 1988 das makabere Glück, daß der Gitarrist seiner Helden den Rock'n'Roll-Tod starb. Hillel Slovak gab sich eine Überdosis. Wie er, war auch Anthony lange Zeit hart auf Droge. Doch, sicherlich auch durch Slovaks Ende, entkam er dem goldenen Schuß, mehr noch, wie so viele vor ihm inspirierte ihn seine heftige Zeit zum bislang größten Hit der Band: \"Under The Bridge\" ist der (leicht wehmütige) Abgesang an den Fixertreff unter der Brücke downtown. Die Stimmung dieses Liedes ist es, die \"One Hot Minute\", das neue über 70minütige Opus der PEPPERS, prägt. Auch wenn nur vier Stücke als Ballade bezeichnet werden können, durchzieht die gesamte Platte eine eher nachdenkliche Stimmung. Das Schlußstück \"Transcending\" spricht von der Familie in einem liebenden Fluß und erkennt: \"all we are is leaves that fall\". \"Das Stück ist über River Phoenix\", erklärt Flea. \"Ich habe es direkt nach seinem Tod geschrieben.\" Auch River Phoenix, einer von Fleas besten Freunden, starb an Drogen, an einem Abend, an dem sie zusammen im Club \"Viper Lounge\" waren. Die Viper Lounge ist zwar nur einen Steinwurf von uns entfernt, doch der Schmerz ist überwunden. All die Stücke - wie auch \"My Friends\", in dem Anthony den Niedergang vieler seiner Freunde beklagt - sind laut Flea Katalysatoren des Wachstums und in ihrer Traurigkeit ein Weg nach vorn. \"Jetzt fühle ich mich großartig\", sagt er bestimmt, \"wir sind bereit, endlos zu touren und bringen euch die größte Show der Welt.\"
Zweifel? Wer jemals eine Show der PEPPERS gesehen hat, weiß, daß dies ihre Heimat ist, völlig unabhängig von Socken, feuersprühenden Helmen oder Glühbirnenkostümen. Die pure Energie, gepaart mit fettem Groove und an den rechten Stellen eingeworfenen Hits ließen beim letzten deutschen Gastspiel auch dem notorischen Platzhirschen und Schwerarbeiter Rollins keine Chance - und dies eben nicht nur bei pubertierenden Mädchen.
Die Männer wissen, daß sie gut sind, was ihre Lässigkeit stützt, oder sagen wir: Anthonys Lässigkeit. Der, während Flea mir in Unterhose gegenübersitzt, einen Teil seiner Interviewpartner zur Bekanntschaft mit seinen Geschlechtsorganen zwingt. Beisitzer: Chad Smith, jetzt mit blondierter Kurzfrisur und nicht unbedingt als Labertasche bekannt. Im Video beginnt der Unterdrückte seinen einzigen Satz mit \"Ich habe das Gefühl, daß ...\", um von Anthony darauf hingewiesen zu werden, daß er nur ein Drummer sei und keine Gefühle habe. Dave Navarro, der ca. achte Gitarrist der Band, hat da schon eine exponiertere Stellung. Navarro, der den einzigartigen Gitarrensound von Perry Farrels JANE'S ADDICTION kreierte, war schon nach dem Tod von Slovak gefragt worden, hatte jedoch vor den ausgiebigen Tourplänen der Band zurückgeschreckt. Jetzt, nach Jahren des Bittens und Bettelns, haben sie ihn - um den Preis, daß die PEPPERS nie mehr so sein werden wie zuvor. Natürlich wurde der Sound der Alben mit der Zeit und den Mitteln immer druck- und voller, doch der Schritt zu \"One Hot Minute\" ist ein ganz besonderer: Zum ersten Mal steht die Gitarre über weite Strecken im Vordergrund und ist nicht nur Lieferant von verträumten Passagen und funky Schingeling. Flea sieht die Entwicklung organischer: \"Wir hatten schon immer einen psychedelischen Touch, nur kommt er diesmal mehr mit dem Holzhammer, während es bisher subtiler war. Auch wenn wir generell langsamer geworden sind - es ist immer noch unsere eigene Art von Psychedelia.\"
Begleitet hat das saftige Ergebnis von monatelangen Aufnahmen und diversen Studiowechseln jener Mann, der auch den großen Durchbruch forcierte: Rick Rubin. Der markante Rauschebart, der die letzten zehn Jahre der Popularmusik geprägt hat wie kaum ein anderer, gab den CHILI PEPPERS einen ebenso schlichten wie wirkungsvollen Tip: \"Er sagte: 'Ihr habt großartige Grooves, einer nach dem anderen, aber sich darauf zu konzentrieren, einen schönen Song zu schreiben, ist etwas anderes.' So können und wollen wir wachsen. Was nicht heißt, daß wir anderes dafür aufgeben - es ist ein Ansammeln von Wissen um Musik.\"
Und dann spricht der wahrscheinlich meistkopierte Bassist der Welt davon, daß er noch viel besser werden müsse und wie dringend sie in ihren Proberaum müßten ...

Kein Artikel über die RED HOT CHILI PEPPERS ohne das Thema Sex. Nicht nur durch ihren programmatischen Exhibitionismus ist dieser Punkt auf jeder Tagesordnung, auch Anthonys Ruf und Praxis als großer Freund des Weiblichen und Fleas enorme Fähigkeit, 12mal hintereinander zu onanieren, drängen dieses Untersuchungsfeld auf. Doch sosehr ich mich auch in Texte und Titel des neuen Albums vertiefe, so ist das, was dort steht, doch kaum anstößiger als z. B. David Hasselhoff. Ob sie so langsam das Sex-orientierte Image über Bord werfen?
\"Blödsinn\", antwortet Flea erwartungsgemäß, \"wir wollen überhaupt nichts loswerden. Die Leute können denken, was sie wollen, wir denken, Sex ist großartig und wunderschön.\"
Aber die Zeiten von \"Party On Your Pussy\" sind vorbei?
\"Momentan sind es andere Songs und andere Stimmungen, die wichtiger für uns sind. Wir wachsen und lernen, und diese Platte ist sicherlich dunkler und introvertierter als alles zuvor, doch das heißt nicht, daß wir uns von irgendetwas verabschieden.\" Für ihn, so sagt er, bedeute das Wachsen als sexueller Mensch eine Unmöglichkeit von Sex ohne Liebe. Strahlend hält er mir seine Fäuste vor die Nase: \"Sieh dir meine neuen Tattoos an!\" Ich sehe. \"Love\" steht über die vier Finger der linken Hand, und über die der rechten Hand steht - \"Love\".



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aus Intro #27 (September 1995)
 
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