Adrian Sherwood
Industrial-Funk-Afro-Dub-Noise
21.08.1995, 17:44, Text: Autor unbekannt
Die erste Veröffentlichung auf \"On U-Sounds\" war Mark Stewarts (Ex-POP GROUP) Projekt NEW AGE STEPPERS. Die Kette von Veröffentlichungen riß seitdem nicht mehr ab: BIM SHERMAN, DUB SYNDICATE, MOTHMEN (die später zu SIMPLY RED mutieren sollten), um nur einige zu nennen. Die nahe Verwandschaft zu und der große Einfluß von jamaikanischen Labels war immer unverkennbar. So hat \"On-U Sounds\" eine eigene \"Haus-Band\" (Skip Macdonald, Dough Wimbish und Keith Leblanc, die auch TACKHEAD sind, dazu kommen noch BIM SHERMAN (wohl die weicheste Stimme, die jemals aus Jamaika gekommen ist) und BONJO/AFRICAN HEAD CHARGE), vergleichbar ihren karibischen Entsprechungen REVOLUTIONARIES, DUB SYNDICATE und anderen, und funktioniert gleichzeitig als \"Sound System\".
Noch mehr Meriten als mit seinem Label, das im Dezember sein 15jähriges Bestehen feiert, hat sich SHERWOOD allerdings als Produzent erworben, ein Handwerk, das er von PRINCE FAR I und DR. PABLO erlernte, und als Remixer veredelte er schon THE FALL, DEPECHE MODE und MINISTRY. Kommerziellen Erfolg hatte \"On-U Sounds\" vor allem mit dem radikalen englischen Toaster Gary Clail, doch was die Stellung des Labels in der Reggae-Szene begründet, sind SHERWOODS düstere Lust an der Innovation sowie seine verrückten Kreuzüber-Experimente, die einen schier schizophren werden lassen.
INTRO: Trotz der immens unterschiedlichen Acts kommt es mir so vor, als gäbe es bei \"On-U Sounds\" ein durchgängiges Thema oder ein Motto.
Sherwood: Zum einen sind da die Produktionstechniken. Wir machen da so etwas, was man als Industrial-Funk-Afro-Dub-Noise oder so ähnlich bezeichnen könnte. Zum anderen - und das ist wohl Ausfluß davon - haben wir schon so eine Art \"unfied vibe\".
INTRO: In den nächsten Monaten erscheinen Platten von AUDIO ACTIVE, SINGERS & PLAYERS, REVOLUTIONARY DUB WARRIORS, TWO BADCARD, AKABU und das BIM SHERMAN-Akustik-Album. Außerdem leitest du noch \"On-U Sound\" und \"Pressure Sounds\". Wie bekommst du das zeitlich alles unter einen Hut?
Sherwood: Ich bin jetzt praktisch seit einem Jahr im Studio. Gerade habe ich einen AUDIO ACTIVE-Remix gemacht, und im September war Gary Clail hier. Wir haben jetzt auch die Möglichkeit, daß irgendjemand aus Nordengland, Jamaika oder Japan seine Instrumenten- und Gesangsspuren über ISDN-Kabel hier in das Studio überspielt. Das beschleunigt die Sache schon. Das Verfahren wenden wir gerade für die neue DUB SYNDICATE-Platte an. Ach ja, und mit den LAST POETS mache ich jetzt auch etwas.
INTRO: Auf deinem neuen Label \"Pressure Sounds\" wiederveröffentlichst du Musik, die dich inspiriert und beeinflußt hat. Was können wir da in Zukunft noch alles erwarten?
Sherwood: ISRAEL VIBRATION sind jetzt erschienen, als nächstes folgt KEITH HUDSON.
INTRO: Machst du immer noch Remixe, abgesehen von denen für \"On-U Sounds\"-Acts?
Sherwood: Ja, aber keine Dance-Mixe, dafür bin ich nicht der Richtige. Der sicherste Weg zum Erfolg ist ja der, von Songs Dance-Mixe machen zu lassen, damit sie auch in den Clubs gespielt werden. So was macht ja jeder. Ich aber nicht, ich bin kein DJ.
INTRO: Wenn du dir kontemporäre Musik anhörst, die ja (wie House, Techno etc.) hauptsächlich von Maschinen \"gespielt\" wird, fehlt dir da etwas?
Sherwood: Ich empfinde die Musik als kalt, steril. Das heißt aber nichts Schlechtes, nur, daß sie nicht emotional ist. Sie ist sehr gut tanzbar, und in den Clubs funktoniert sie hervorragend, je nachdem, welche Droge du genommen hast.
INTRO: Wie oft gehst du in Clubs?
Sherwood: Nur ein- bis zweimal die Woche. Das ist genau das, was ich eben meinte: Man kann tanzen und viel Spaß haben, aber es gibt keine Performance auf einer Bühne.
INTRO: Und was hältst du von Jungle?
Sherwood: Ich mag den Vibe. Die Engländer sind zu Recht sehr stolz darauf, das ist eine originär britische Musik. Ich finde, die haben ganz tolle Riddims. Weißt du, Jungle hat viel mit Reggea zu tun, man könnte sagen, es ist wie Double-Speed-Dub.
INTRO: Die neuen Technologien haben es erleichtert, Musik zu machen, ohne Musiker zu sein. Meinst du, daß es dadurch für Musiker in irgendeiner Weise schwerer geworden ist?
Sherwood: Das Problem gibt es seit der Drum-Machine. Aber ich bin der Meinung, daß Musiker auch fähig sein müssen, die Bedienung solcher Gerätschaften zu erlernen. Und es ist ja auch so, daß es immer noch hilft, Musiker zu sein: Ein Schlagzeuger wird die Drum-Machine immer besser programmieren können als jemand anderes. Doch wenn ein Musiker ohne solche Computer arbeiten will, ist das ja auch okay.
INTRO: Wenn Du das Abmischen einer Live-Band vergleichst mit dem Produzieren im Studio, wo du ja viel mehr Möglichkeiten hast, den Sound zu manipulieren, was macht dir mehr Spaß?
Sherwood: Ich mache leider nur sehr wenige Live-Gigs im Moment, aus zeitlichen Gründen. Was mir daran gefällt, ist die Interaktion mit der Band, was ich dann da am Mischpult mache, ist wie eine Inprovisation.
INTRO: Würdest du dich selbst als Musiker bezeichnen?
Sherwood: Höchstens als einen sehr verrückten.
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