Towa Tei
die zukunft der musik?
17.08.1995, 13:39, Text: Autor unbekannt
Futuristisch wirkt die CD selbst dann schon, wenn man sie noch gar nicht gehört hat. Der per Computer-Animation entstandene Flughafen auf der Rückseite signalisiert: Diese Musik kommt aus der Maschine. Sie ist kalt, leblos und hochtechnisiert.
Die Songs von DJ TOWA TEI überraschen dann um so stärker. Das Album lebt, atmet und ist erstaunlich atmosphärisch. Geradezu unjapanisch, möchte man meinen.
Vieles ist möglich in der Musik der Zukunft. Alt und neu, trendy und unmodern - die Grenzen verschwimmen. TOWA TEI ist dabei der Zeremonienmeister, der mit den verschiedenen Genres spielt. Er mischt Jazz, Bossa Nova und karibische Klänge, also in etwa das, was man allgemein unter den Begriff \"Easy Listening\" zählt, mit modernen House- und Techno-Elementen.
Auf der Suche nach Neuem war TOWA TEI schon immer, seitdem er Musik macht. Als DJ war er mitverantwortlich für \"Groove Is In The Heart\" von DEEE-LITE, eine seinerzeit ziemlich revolutionäre und äußerst erfolgreiche Dance-Nummer. Als der Erfolg mit DEEE-LITE nachließ und das Trio in Routine zu erstarren drohte, machte sich TOWA TEI selbständig. \"Wir sind zwar nicht auseinandergegangen, aber wir machen eine lange Pause. Vor einem neuen DEEE-LITE-Album kommt auf jeden Fall noch eine Solo-Platte von mir.\"
Als \"Easy Listening\" im modernen Soundgewand kann man Towas Musik ganz gut einordnen. \"Batacuda\" versprüht eine Menge karibisches Flair, fast schon \"The Girl From Ipanima\"-mäßig. \"Meditation\" ließe sich als Art Avantgarde-Jazz-House bezeichnen, \"Son Of Bambi\" ist angejazzter Raggamuffin. \"La Douce Vie\" ist das einzige auf japanisch gesungene Stück. Die süße Stimme stammt von Maki Nomiya, der Sängerin von PIZZICATO 5. \"Zur Auflockerung ist ein Stück in japanisch ganz nett. Wir Japaner werden ja ohnehin als Exoten angesehen, das macht es für uns einfacher, in Europa Fuß zu fassen.\" Japanische Musiker warten zunächst mal immer mit einem gewissen \"Novelty\"-Effekt auf, unabhängig von etwaigem Talent, siehe Shonen Knife und andere Kurz-Phänomene.
TOWA TEI hat diese Phase bereits hinter sich. Er ist etabliert. Auf \"Future Listening\" hat sich sogar Kult-Kollege RYUICHI SAKAMOTO die Ehre gegeben. \"Ryuichi ist einfach perfekt. Bei ihm brauchte ich die Aufnahmen nicht mehr überarbeiten, der Mann liefert absolute Qualität.\" Abgesehen von SAKAMOTO schuf sich TOWA TEI die perfekte Sound-Qualität am Computer. Organisch ist die Musik in der Zukunft ganz gewiß nicht mehr, auch wenn sie manchmal noch so klingt. \"Alles, was du auf dem Album hörst, ist am Computer entstanden\", berichtet Towa stolz. \"Selbst die Passagen, die sich anhören, als spielten dort richtige Instrumente. Das Saxophon, der Bass, nichts ist wirklich echt. Die wurden zwar live eingespielt, aber nachher habe ich alles in den Computer eingegeben und die besten Stellen rausgefiltert.\" Warum er es nicht einfach so läßt wie die Live-Einspielung? \"Dann ist das vielleicht zu jazzig oder zu stark improvisiert. Das will ich nicht. Die meisten der Sounds in einem Song sollen ja von mir sein. Auch wenn es sich um Jazz, Bossa Nova oder indianische Beats handelt - es soll immer noch Towas Musik sein. Ich kontrolliere gerne alles auf meinen Platten.\"
TOWA TEI hört eine Menge Musik, ganz klar. Muß er auch, um immer wieder frische Einflüsse in seinen Sound einbringen zu können. Zu seinen frühen Einflüssen, sagt er, gehören SAKAMOTO und sein YELLOW MAGIC ORCHESTRA, KRAFTWERK und BRIAN ENO. Heute hört er einfach alles, was ihn irgendwie interessiert. \"Völlig neue Musik zu kreieren, ist unglaublich schwer. Du mußt dich darauf beschränken können, mit der bereits bestehenden Musik etwas möglichst Originelles zu machen. Musik hören und selbst Musik machen sind aber zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich kann überhaupt kein Instrument spielen. Wenn ich auf meinen Platten zum Beispiel Bossa Nova-Elemente verarbeite, ist das kein echter Bossa Nova, sondern ein Experiment von mir. Die Original-Musiker kann ich ohnehin nicht erreichen, deshalb mache ich lieber etwas Eigenes.\"
Oder er sampelt sich sein Easy-Listening-Revival zurecht. \"Seit Jahren werden im HipHop und House viele Samples aus 70er Jahre-Funk und -Disco, JAMES BROWN und so, benutzt. Jetzt kommt sehr viel Jazz dazu. A TRIBE CALLED QUEST haben damit angefangen, und inzwischen macht es jeder. Um vorne zu bleiben, mußt du immer die Ohren aufhalten nach passenden, aber bisher nicht benutzten Samples.\"
Wenn TOWA TEI mal nicht gerade Platten auflegt oder Musik hört, ist er auch ganz gerne prominent. In Japan gilt der DJ nämlich als richtiger Superstar. \"Wenn ich auflege, kommen immer alle an, schauen zu und schreien. Die warten immer darauf, daß ich anfange zu tanzen. Das ist wirklich Wahnsinn. In Japan bin ich der BEATLE unter den DJs. In New York oder Europa ist den Leuten dagegen alles wurscht. Die wollen, daß ich sie zum Tanzen bringe und sonst gar nichts.\" Und wenn Towa daheim mal nicht der Sinn nach Starrummel steht, läßt er beim Rausgehen einfach seine Brille zu Hause. Dann erkennt ihn nämlich kein Mensch.
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