Goldie
die alchemie der echtzeit
15.08.1995, 15:51, Text: Autor unbekannt
1. Gold
Der Mann flimmert wie eine Spielkugel. Wenn er den Mund öffnet, bekommt man den Eindruck, es mit Morgenstund persönlich zu tun zu haben. Wenn er gestikuliert, scheint er mit seinen schmalen Händen das Gold direkt aus der Luft herauszufischen. Das Edelmetall ist das Skelett seines Lebens, Nukleus und Stütze, da, wo es besonders dünn oder gar aufgerissen ist, scheint es hindurch, wie an seinen Fingern, in seinem Mund oder damals in Miami, als er in dunkelste Geschäfte verwickelt war und, wenn die Deals mal nicht entsprechend liefen, seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von customized Goldkronen verdiente.
Zufall oder nicht, beim Interviewtermin sitzt GOLDIE vor einer gigantischen goldenen Wand wie vor der Illustration der eigenen Aura, sich mit einer beschwingten Selbstverständlichkeit vor ihr produzierend, wohl wissend, daß sich jedermanns Aufmerksamkeit, gerade angesichts der gleißenden Fläche im Hintergrund, auf ihn reduzieren würde.
2.
Sein Weg wurde mittlerweile oft skandiert, gleicht er doch einem Puzzle mit den möglichen Variablen schwarzer Jugendkultur im U.K. der letzten zehn Jahre. GOLDIE wollte nicht nur part of it sein, er ist es immer gewesen, ... immer wieder von neuem. Er war nie wirklich Impulsgeber, hat nur zugeschaut, studiert, ist schließlich eingestiegen, um am Ende als erster das Klassenziel zu erreichen.
In den Suburbs von Bristol aufgewachsen, beginnt er als Breakdancer für Furore zu sorgen, steigt aber bald schwerpunktmäßig auf Graffiti um. Auch als Writer ist er nach kürzester Zeit eine Legende, fühlt sich jedoch durch die in endlose Abgrenzungsdiskussionen verhedderte britische HipHop-Szene in seinen Möglichkeiten behindert und verläßt, als er den New Yorker Writer Brim kennenlernt, das Land Richtung USA. Ein weiteres Mal kämpft er sich von der Position des Außenseiters an die Spitze, wobei dieser Weg für einen Ausländer im Moloch N.Y. mit seinen Unmengen konkurrierender \"Crews\" wahrscheinlich zehnmal härter als für einen einheimischen Writer ist. Schließlich wird GOLDIE Mitglied bei Brims Crew TAT. Mehr Ruhm kann einem Writer kaum zuteil werden. Zurück in Bristol stellt er fest, daß sich dort aus der totalen Abgrenzung zu anderen Sounds mit dem Bristol-Beat ein völlig eigener Stil entwickelt hat, während sich anderswo in England die B-Boys immer noch auf der Sinnsuche befinden. Sein alter Writer-Kollege 3-D steigt bei MASSIVE ATTACK ein und wieder ist GOLDIE voll dabei. Nach einem weiteren Amerika-Aufenthalt (diesmal Miami) zieht es ihn gen London. Schnell ist er aus Läden wie dem Raw Club oder dem Rage nicht mehr wegzudenken. Noch als faszinierter Beobachter, der neben den Plattentellern steht und den dort gastierenden Detroit-Größen genau wie seinem Londoner Fave FABIO auf die Finger schaut. DJs wie FABIO sind es auch, die ihn animieren, House-Tracks auf Lichtgeschwindigkeit zu pitchen und mit Breakbeats zu unterlegen. GOLDIE veröffentlicht seine ersten Tracks als METALHEADS bei \"Reinforced\", dem wohl \"alteingesessensten\" Londoner Jungle-Label, und gilt spätestens seit seinem Remix des ICE CUBE-Hits \"Hand Of The Dead Body\" als der gefragteste Produzent der UK-Breakbeat-Szene. Wieder wird er Teil einer Revolution: Nach UK-Breakbeat ist im britischen Underground nichts mehr, wie es war. Dann veröffentlicht \"Metronome\" als erster Major ein Full-length-Album eines Breakbeat-Künstlers: GOLDIE feat. METALHEADS. Nach dieser Platte wird im UK-Breakbeat nichts mehr sein, wie es war.
3. Blei
\"Timeless\", der Opener des zweieinhalbstündigen Albums, unterzieht die Wahrnehmung zeitlicher Abläufe einem Testparcours, wie ihn Einstein nicht härter hätte planen können. \"Timeless\" ist definitiv. \"Es reflektiert die letzten zehn Jahre meines Lebens.\" GOLDIE weiß um die Relevanz seiner Erlebnisse und die Möglichkeit reflektierter Umsetzung erlebter Geschichte. \"Zu viele Menschen ahnen nicht einmal, was um sie herum vorgeht. Sid Vicous wußte nie, was tatsächlich passierte.\" Im Gegensatz zu Vicous, der Gallionsfigur einer Revolution war, von deren Bedeutung er wahrscheinlich nicht die leiseste Ahnung hatte, ist GOLDIE Teil, Navigator und seine Platte sogar Essenz des Ganzen: komprimierte Geschichte. \"Wenn ich meine zwei Kids anschaue, weiß ich, daß wir nicht kontinuierlich, sondern von einem Moment auf den andern altern. Zeit ist eine sehr relative Sache. Deshalb möchte ich so viele Markierungen wie möglich auf diesem beschissenen Planeten hinterlassen.\" Wenn man \"Timeless\" als solche wertet, hätte er sie besser gar nicht umsetzen können. Es ist fast unmöglich, den relativen Charakter der Zeit musikalisch konkreter umzusetzen, als er es hier getan hat. In den 22 Minuten geschieht mehr, als die meisten anderen in einem Werk von anderthalb Stunden unterbringen könnten. Trotzdem ist jede Sequenz auch Resultat und erscheint deshalb geradezu zwangsläufig. Entsprechend hat man das Gefühl, das Stück würde kaum länger als fünf Minuten dauern. Jeder Teil ist wiederum ein Teil des Ganzen. \"Bei einer MTV-Veranstaltung habe ich JAMES BROWN getroffen und mir von ihm ein Autogramm geben lassen. Er schrieb: 'It's for GOLDIE, it's a man's world. JAMES BROWN.' Irgendwo auf meiner Platte ist ein kleines Stück J.B., ein Snare-Sample. Es ist alles Teil ein und derselben Sache.\"
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