Iceberg Slim
rhyme pays
10.08.1995, 22:03, Text: Autor unbekannt
Iceberg Slim (1960s): a pimp; any man or unpopular person who takes advantage of others (aus einem Wörterbuch für afroamerikanischen Slang).
Der 1918 als Robert Beck geborene Ex-Zuhälter ICEBERG SLIM war auch zu Lebzeiten umstritten. Seine Absage an seine kriminelle Vergangenheit und seine Hinwendung zum Schreiben und zur Bürgerrechtsbewegung wurden nicht überall gepriesen, sondern auch mißtrauisch beobachtet. 25 Jahre lang hatte er sich in einer Welt aus Trickbetrügern, Zuhältern und Prostituierten bewegt. Zwar lieferten ihm die Erfahrungen aus dieser Zeit reichlich Stoff für die Bücher und Albumtexte, die er zwischen 1967 und 1979 schrieb, doch als Zuhälter war ICEBERG SLIM zuerst einmal ein Ausbeuter.
\"The 'Berg' was cool ... was nobody's fool
He was king of the hustlers play)
Shelby Meadows Ashford, Linernotes zu \"Reflections\" (1976)
ICEBERG SLIMs Vergangenheit als beinharter, gutgekleideter Repräsentant von Unterwelt und Machismo verleitet manche Leser zu - schwer verständlicher - glamouröser Verklärung. Seine autobiographisch geprägten Texte zeichnen bunte, manchmal grelle Bilder vom Lebensstil der Männer, denen Nuttenvermietung und vielerlei illegale Tätigkeiten einen angenehmen Alltag ermöglichen. Er verwendet eine gelassen brutale Ästhetik, die heute besonders Quentin Tarantino in seinen Filmen einsetzt:
\"Phil trat heran, grunzte und stieß wie ein Pikador ohne Pferd einen Eispickel bis zum Heft in die Muskeln von Bones Oberschenkel, ließ ihn stecken und wirbelte zurück. Der Schock des Hiebes verwandelte den Haß in Bones Gesicht in kindliche Ehrfurcht. Er starrte auf den Griff des Eispickels. Collucci sagte lässig: 'Sieh mich an, Bone. Sieh deinen guten Freund an, den du aufs Kreuz gelegt hast.' (...) Stilotti trat mit einem Skalpell heran und säbelte Bones rechtes Ohrläppchen ab. Es fiel herunter und verfing sich schimmernd in Bones Schamhaar.\" (\"Todesfluch\", 1977)
Das aufregende Leben seiner Figuren endet allerdings meist im Grauen: Selbstüberschätzung, Gier, Drogensucht oder blinde Verliebtheit kosten die smarten Jungs in ICEBERG SLIMs Werken Kohle, Selbstachtung und oft das Leben. Auf seiner Spoken-word-Platte \"Reflections\" erzählt er vom Aufstieg und Fall eines heroinsüchtigen Zuhälters, der sich schließlich selbst prostituiert:
His clothes were tattered
but that didn't matter -
not to Sam at least -
as long as Mabel,
his ho, was able
to satisfy his beast.
(...) Without his ho
to bring him dough
Sam started to get sick.
He got so sick
he went down on a Mick.
Big Sam had turned a trick.
Yes, Broadway Sam, the big mack man
had really fallen down.
He was Sam the fag
in or out of drag,
the funkiest junkie in town.
Ohne damit irgendetwas zu entschuldigen: Im Kontext, den ICEBERG SLIM liefert, sind Bezeichnungen wie \"ho\" (Nutte), \"Mick\" (Ire) und \"fag\" (Schwuler) nachvollziehbar. So betont ICE T (der seinen Namen aus Verehrung für ICEBERG SLIM wählte) immer wieder, daß die Sprache des HipHop nur auf die schockierend wirkt, denen die Kultur völlig fremd ist, aus der sie entsteht. Gefährlich wird es allerdings, wenn diese Worte zu \"Komponenten eines männlichen Revanchismus\" werden, wie Günther Jacob einmal über die Texte von ICE CUBE schrieb. Immerhin hat ICEBERG SLIM einige gute, starke Frauenfiguren geschaffen sowie 1969 mit \"Mama Black Widow\" ein ganzes Buch über das aussichtslose Dasein eines schwarzen, schwulen Transsexuellen geschrieben. In der Einleitung überzeugt der Autor den Protagonisten von der Allgemeingültigkeit seiner Lebensgeschichte:
\"... I guarantee all you need do is tell your story like it is to prove a thousand points about this black hell and the poisonous pus of double standard justice, racial bigotry and criminal economic freeze-out, infecting and grotesquely bloating the hideous underbelly of white America's shining facade of democracy and freedom and opportunity for all.\"
\"Vielleicht hätten wir das Leben, auf das wir geschissen haben, besser führen sollen.\" (\"Todesfluch\", 1977)
Das sagte sich offenbar auch ICEBERG SLIM und entschloß sich 1966 zum Ausstieg. Sieben Bücher gibt es von ihm und eine Platte, auf der er zur jazzigen Begleitung des RED HOLLOWAY QUARTET vier Geschichten erzählt. Wissend und selbstbewußt klingt seine ruhige Stimme, während er den sozialen und ökonomischen Teufelskreis beschreibt, aus dem schwarze Ghettobewohner nicht herauskommen. Bis heute hat sich daran wenig geändert; noch immer ist der glitzernde Ausweg, auch wenn er meist in eine Sackgasse führt, verlockend:
\"The successful people you see in the ghetto are the drug dealers, the pimps - the brothers driving around in the flashy cars. Your role models are these fly guys because everybody else is struggling\" (ICE T, \"The Ice Opinion\", 1994).
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