Die Kassierer

alarm!

08.08.1995, 16:01, Text: Autor unbekannt



Es wird sich inzwischen bundesweit herumgesprochen haben, daß die KASSIERER aus Bochum-Wattenscheid ein hochgradig kranker oder besser: ein ganz besonderer Haufen sind. Auf Konzerten beschieát man ahnungslose Zuhörer mit Wahlkampfliedern der CDU (in der Sänger Wolfang Wendland Mitglied ist), betreibt massive Freikörperästhetik zum Anfassen oder beschmiert sich auch schon mal mit Milch und Nesquick. Addiert zu der Handvoll brachial-kaputter Tonträger wie \"Der Heilige Geist Greift An\" oder \"Fit Durch Suizid\" birgt dieser kulturelle Output der sympathischen Dreißiger inzwischen auch ein gewisses kommerzielles Potential. Erst recht, nachdem man durch Fernsehauftritte bei Hans Meiser und Viva noch mehr Scheiße durchs Kabel pusten durfte.

\"Wir sind halt alle mehr so Anti-Stars, und das kommt im Moment wohl an\", meint Gitarrist Niko, als wir uns in einer ehrwürdigen Lonesome-Heart-Spelunke in Bochum treffen, um die aktuelle Situation zu erörtern. Momentan arbeitet man auch sonntags an einem Video zur Hitschnitte \"Außenbordmotor\", wohlwissentlich, damit einen eher harmlosen Song aus dem Repertoire erkoren zu haben. In der Vergangenheit gab's nämlich mit Feministinnen beiderlei Geschlechts stets leicht Scharmützel, die inzwischen aber überstanden sind.
\"Die Kritik ging ja so weit, daß sie behauptet haben, 'Die Scheide von Kristiane Backer', ein Instrumental, hätte einen sexistischen Text. Wir sind daraufhin hingegangen und haben uns dem ernsthaft ausgesetzt, mit so 'ner Kindergruppe zu diskutieren, die erstmal 'ne Viertelstunde darüber diskutiert hat. Im Winter! Wir standen da also im Regen und die diskutierten fleißig. Meine (Nikos) Mutter war auch noch dabei, und die hat den Leuten dann sinngemäß gesagt, sie wär' 'ne alte Achtundsechzigerin, in der anti-autoritären Zeit groß geworden, und Gruppensex wäre etwas völlig Normales gewesen. Sie wäre in ihrem Leben von Männern schon vielfach schlecht behandelt worden, aber mit Sicherheit noch nicht von den KASSIERERN.\"
Und so etabliert sich Bochums Punkrock-Appendix mit Songs wie \"Stinkmösenpolka\" oder \"Großes Glied\", und das ist auch gut so, denn hinter den herzlichen Titeln steckt kein Konzept, sondern vielmehr Gelegenheitsdenken und jugendlicher Übermut. Die Titel der Songs standen seit einer nicht ganz korrekt ausgefüllten GEMA-Liste in Sindelfingen schon vor den Songs selbst, der Rest ist Geschichte. Und die wird verstärkt verlangt, weshalb auch jüngst ihre erste LP \" Sanfte Strukturen\" auf \"Teenage Rebel Records\" wiederveröffentlicht wurde. Eine ganz andere Katze hat man aber auch noch im Sack: Die Mini-CD \"Golden Hits Teilweise In Englisch\" nämlich, auf der sich unsere Wortakrobaten zweimal in Englisch und einmal in Latein (!) austoben. The Cash-Moneys in english - what the hell shall that? \"Wir fanden die Idee einfach lustig, ohne uns große verkaufsstrategische Sachen zu überlegen. Unser Label hat die Sachen dann nach England geschickt und anschließend gemeint, die hätten unterm Tisch gelegen - so was hätten die noch nie gehört.\"



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aus Intro #27 (September 1995)
 
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