Urge Overkill

am nowtro-steuerknüppel

08.08.1995, 13:26, Text: Autor unbekannt

ENTER THE DRAGON
In einer Winternacht am frostigen Michigansee hoppt Nash Kato ein letztes Mal vor dem Schlafengehen durch die Fernsehkanäle. Als erklärter Fan von putzigem Eastern-Trash hält er bei einem Kung Fu-Klassiker mit Bruce Lee inne. \"Enter the dragon\" - zu deutsch: \"Der Mann mit der Todeskralle\" - wird gesendet. Eine Vita um Ehre, Macht, Gewalt, Religion und Liebe. Ein tumbes Haudraufabenteuer mit einer simplen Story. Die Botschaft ist abgedroschen, doch wird sie stets aufs neue strapaziert. Kurz umrissen: durch festen Glauben und innere Überzeugung Unmögliches möglich machen. Kato zieht Rückschlüsse zur Biographie seines musikalischen Unternehmens.

URGE OVERKILL haben harte Zeiten durchgemacht. Mehr als zehn Jahre treibt es den Frontmann mit den hervortretenden Tränensäcken und seinen Kumpel King \"Eddie\" Roeser schon im Business umher. Drei Viertel der Zeit waren bestimmt von utopischen Hoffnungen, vom unbestätigten Glauben an sich selbst. Vor zwei Jahren begann sich das Blatt zu wenden. Wie der Held am Ende des Filmes wurden URGE OVERKILL aus Erfahrung klüger und gelangten auf eine höhere Ebene ihrer inneren Geschlossenheit. \"Wir befanden uns auf einer musikalischen Reise auf der Suche nach dem ultimativen Sound und dem verdienten Erfolg. Mit der neuen Scheibe glauben wir, das Ende, den Ausgang, erreicht zu haben\", sagt Nash Kato. \"Exit The Dragon\" drückt symbolträchtig diese Entwicklung aus. Der Titel des neuen URGE OVERKILL-Albums schließt charmant ihren stetigen Blick in Richtung Vergangenheit bei der Erschließung unbekannter musikalischer Pfade mit ein.

CORPORATE IDENTITY
Das Album vereinigt programmatisch wesentliche Image-Stränge des Trios. Kung Fu-Klassiker assoziieren nostalgische Schlaghosen-Reminiszenzen der 70er und die Vorliebe für Symbole aus dem flippigen Jahrzehnt, das neben dem Autoren-Soul und dem Punk auch den Hard Rock hervorbrachte. Solche Motive ziehen sich wie ein roter Faden durch die Jahre der Karriere von URGE OVERKILL. Da gibt es den spielerischen Umgang mit Glitterrockklischees, den vordergründigen Einsatz überholter Effekthascherei mittels Hallspiralen, Choruspedale oder analoger Aufnahmegeräte. URGE OVERKILL sind Heavy-Metal-Kids und Schmalzheinis zugleich. Mit machoerprobten Gesten und dem Hauch süßlicher Dekadenz beschallen sie vorsichtig das Studio-Magnetband. Textlich bedeutet das ur-amerikanische Highwaythemen über Umsetzung des persuit of happiness mittels gedanklicher wie physischer Freiheit. Dies spiegeln wunderbar oberflächliche Klischees wie \"Could We Run Away\", \"Jenny, Are You Ready\", \"Take Your Life Straight To The Highway\" in unnachahmlicher Weise wider. Insofern wird Bruce Lee als \"Todeskralle\" zum Platzhalter der Bandphilosophie, die mit augenzwinkernder Ironie immer wieder um Haaresbreite am \"White Trash\" vorbeischliddert und trotzdem mit tiefer Inbrunst und Glaubwürdigkeit zur Schau gestellt wird. URGE OVERKILL haben durch ihren überzeichneten Habitus selbst einen Teil zu dem schrillen Kitsch-Kult beigetragen. Eine eigens für sie entworfene Modekollektion mit ihren schaurig-schönen \"UO\"-Amuletten, -Raumanzügen, -Schlaghosen, -Rollkragenpullovern und -Emblemen beweist eindrucksvoll, daß die Band ihren Job beherrscht. Denn URGE OVERKILL sind Showgeschäft, corporate identity is everything! Besonders in den 90ern - dem Jahrzehnt der Revivals, der Wiederholungen und Anachronismen - muß man auf sich aufmerksam machen.
Musikalisch schafft das Trio den kreativen Drahtseilakt mittlerweile spielend - balancierend auf dem engen Grat von zeitgemäßen Schlußfolgerungen des Post-Grunge -, den Drive des Funk akrobatisch mit der Gesetztheit von weißem Seventies-Rock zu verknoten. Das klingt so wenig retrospektiv wie die ISAAC HAYES im Jahre 1969 oder THIN LIZZY mit \"The Boys Are Back\", ist ehrlich wie NIRVANA 1991. Dazu sind URGE OVERKILL die modernen Masken-KISS - Karneval in Chicago -, nur weniger plump, dezent wie das Jahrzehnt, in dem sie wirken. Wenn Bassist King \"Eddie\" Roeser also sagt: \"We're not retro, we're now-tro\", dann weiß er, daß er recht hat. Ein musikalisches Vorleben besitzt jeder, und ein ehrliches Zitat ist aufwertend, solange Authentizität gewahrt bleibt. URGE OVERKILL sind die Meister des unpeinlichen Umgangs mit solchen Fußnoten. Ein Faktum, das sie nicht in die Nähe des langen Rattenschwanzes tumber Retro-Epigonen bringt. \"Wir sind in den 70ern aufgewachsen, das hinterläßt Spuren. Aber wir haben unseren Kopf in den 90ern, mit unserem ganzen Herzen sind wir Musiker dieses Jahrzehnts.\"

PULP FICTION
Nash Kato rühmt sich nicht ob guter Songideen oder durchdachter Arrangements, er verweist auf den homogenen Charakter des Dreigestirns. \"Ehrlicher Rock - das ist unsere Mission. Jeder von uns hat gelernt, zu komponieren und sein Instrument zu spielen.\" Kein Mastermind oder Vordenker, kein Patriarch unter Männern oder diktatorisches Möchtegern-Genie innerhalb von URGE OVERKILL. Eine Band, die sich um Ideen streitet, Kompromisse abwägt innerhalb des Studios, das ihnen mittlerweile zum Zuhause geworden ist. \"Früher sind wir mit ausgearbeiteten Arrangements ins Studio gegangen. Dann neue Ansätze zu entwickeln ist praktisch unmöglich. Heute räumt uns Geld der Plattenfirma Zeit ein, Diskurse auszutragen.\" Nur auf diese Weise sei es möglich, Ideen zu entfalten, Konzepte entstehen zu lassen und somit einem Album bedeutendes Format zu verleihen. Kommerzieller Erfolg macht's möglich.
Die Band erlangte einen wesentlichen Teil ihres Bekanntheitsgrades durch die Mitwirkung an Quentin Tarantinos Kultfilm \"Pulp Fiction\". URGE OVERKILL steuerten den NEIL DIAMOND-Song \"Girl You'll Be A Woman Soon\" zum exquisiten Soundtrack des Streifens bei und befanden sich damit in der feinen Gesellschaft popmusikalischer Klassiker von AL GREEN, CHUCK BERRY, DICK DALE, RICKY NELSON oder DUSTY SPRINGFIELD. Im Film untermalt der Song eine Sequenz, in der sich Uma Thurman, im Rhythmus der Musik durch den Raum schwebend, mit Heroin eine vermeintliche Kokslinie zieht. Die Folgen sind dramatisch. Für Uma und für URGE OVERKILL. Den Vamp rafft es fiktional dahin, die Rockband zieht real mit einem Paukenschlag in die \"Billboard\"-Top-Ten. Nash Kato: \"Dabei war alles ein riesiger Glücksfall. Quentin mochte URGE und stellte Uma spontan vor die Entscheidung, sich entweder zu einer BRENDA LEE-Nummer oder zu unserem Song zu bewegen. In dem Moment gefiel ihr das URGE-Stück besser.\" Das Schicksal geht manchmal seltsame Wege.

SUPERSONIC STORYBOOK

Angefangen hatte die unbekümmerte Punkband URGE OVERKILL im Schlepptau des unerfahrenen Studiomixers Steve Albini im Jahre 1986. Die EP \"Strange I ...\" ist Relikt aus dieser Zeit. \"Wir waren jung und wahnsinnig\", erinnert sich Kato der jugendlichen Unerfahrenheit mit einem Schmunzeln. Mit \"Jesus Urge Superstar\" (1989) schüttelt man kindliche Orientierungslosigkeit zu einem erkennbaren Teil ab. Das Album erscheint auf \"Touch and Go\" und läßt vor allem für deren Verhältnisse einen eigenen Rhythmuscharakter und das aufflammende Interesse für sensible Song-Sequenzen ablesen. Bis zum ersten URGE OVERKILL-Klassiker, \"The Supersonic Storybook\" (1991), verschleißen Kato und Roeser gut ein halbes Dutzend Schlagzeuger. Schließlich entert der Ire Blackie O. das Drumkid und komplettiert das stilvolle Trio nicht nur musikalisch, sondern auch optisch. Das Album deutet konventionelle Rocktermini intelligent um. Die Band pfeffert der in wissender Erwartung des Gewohnten sich in Desinteresse gebärdenden College/Grunge-Posse - schließlich produziert Albini - einen Sack voll mit bluesy Vibes und hakeligen Grooves - grundlegend von Rockappeal durchzogen - vor die erstaunte Fresse. \"Mit 'Storybook' beginnt der URGE-Vibe, ein Eigenleben zu entwickeln\", sagt Blackie O. Die Coverversion von HOT CHOCOLATEs \"Emma\" wird zum charakteristischen Fingerzeig in Richtung Zukunft.
Die anschließende 8-Track-EP \"Stull\" gerät zum Meisterwerk. \"Die Platte hat alles\", schwärmt Kato heute von seinem URGE-Lieblingsalbum, \"sie lebt in jeder Sekunde.\" Tatsächlich optimiert die Band auf der 10\" sämtliche angeeigneten Vorzüge gegenüber allen Protagonisten im zeitgenössischen Rocklager. URGE OVERKILL führen ein Kauderwelsch von Hippie-Glitter-Punkrock-Blues-Soul'n'Disco-Up lifting Rock-Lifestyle-Musik ein und betreiben es mit Perfektion.

SATURATION
Was folgt, ist die hörbare Zäsur im Werdegang des Trios aus Michigan. Die Combo wird sich mit \"Geffen Records\" einig. \"Zur Verwirklichung konkreter Ideen, die uns während dieser Zeit vorschwebten, war es notwendig, den Schritt zum Major zu tun. Wir hatten so viele Platten praktisch für umsonst gemacht, es wurde Zeit, etwas zu ändern.\" Dabei handle es sich um den Masterplan zur universellen Aufwertung des Projektes \"URGE OVERKILL\", erzählt Kato. \"Wir spürten die Verpflichtung, den Drang, alles auf uns zu nehmen: die Musik, die Produktion, unser Image.\" Nichts soll mehr dem Zufall überlassen werden. Musikalisch steht ihnen lediglich das erfahrene Produzententeam der Butcher Brothers zur Seite. Aus der absoluten Befriedigung, den Steuerknüppel für die eigene Karriere in der Hand zu halten, entwickelt die Band den Titel zum Album. \"Saturation\" heißt es und eröffnet dem Hörer unerwartete Popqualitäten. Mit dem Song \"Dropout\" trifft Blackie O. per BEE GEES-Anleihe und trockenem Dancefloorbeat den klassenübergreifenden Nerv, der URGE OVERKILL bei den vorhergehenden Alben noch fehlte. Auf einmal klötern bei den Konzerten neben der alteingesessenen Punkcrowd, die ihre Bierdosen dabeihat, auch schicke Discomiezen mit Perlenketten im Takt. Das ausgeklügelte Rezept des intermedialen Rockstars nimmt allmählich Formen an. Die weltweite Ochsentour der Band gerät nach den sieben mageren Jahren zum Triumphzug. Längst vergessen sind Tage des Jahres 1991, als 43 Zahlende im Wilhelmshavener Edelclub \"Kling Klang\" die Band sehen wollten. Man ist jetzt wer! Depressive Momente aus der Vergangenheit liegen in sicherer Entfernung und lassen sich verarbeiten. Ein Beispiel ist \"The Mistake\" vom neuen Album: \"Travelling 'cross the USA, it's hard sometimes to keep it together, nothing but the songs that you play and a couple of kids believe in your sound. Living is just a social disease, so you took it straight to the highway.\" Die verquarzten Augen der drei vom \"Storybook\"-Cover sprechen Bände. Die Jahre des Mißerfolgs verklären sich rückblickend nicht. \"Be careful what you take ... beware the overdose.\" Ein Hauch von Drogenrock stets im Unterton, aber keineswegs romantisierend. Auf bestimmte Weise ist jede URGE-Platte nachdenklich.

EXIT THE DRAGON
Der Erfolg von \"Saturation\" löst keine Hysterie aus. Es bleibt programmatisch: \"Man tritt durch den Hintereingang ein und verläßt das Haus durch den Hauptausgang. So etwas nennt man 'Jaywalkin'\", erklärt Kato den Titel des symbolträchtigen Openers von \"Exit The Dragon\". Jawohl, jetzt brauchen sie sich nicht (mehr) zu verstecken. Vorne geht's raus, da, wo sie jeder sehen kann. \"Wir gelangen auf die nächste Ebene. 'The year of the URGE', es rückt näher. We exit the dragon.\" Will heißen: das Schicksal seit jeher im Nacken gehabt, sind URGE OVERKILL dem Drachen entkommen.
Schlau geben sie dem Konsumenten ein gesundes Maß retrospektiver Motive mit an die Hand. Niemals überkommt den das Gefühl, fremd zu sein. Bei URGE kann jeder, wenn er will, nur anbiedern is' nich'. Die Band inszeniert perfekt den modernen Rockstar. URGE OVERKILL sind DEVO mit Chart-Potential, bloß musikalisch weitaus flexibler. Frei nach dem Motto: gut gekleidet ins neue Jahrtausend. Griffigen Rock'n'Roll und spacy Arrangements gibt's dazu. Typen wie mit dem Computer entworfen. Musik so gut und handgemacht, daß man sich fragt, woher nehmen die's bloß. MTV-kompatibel, aber hallo, und dem Charme der drei erliegt jeder. Souverän lächelnd gen untergehende Sonne sind die drei längst bereit zum Urge Overkill. Wir auch?



Artikel kommentieren
aus Intro #27 (September 1995)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten vor Gericht: Highlights

Platten vor Gericht: Highlights

Die wichtigsten Alben des Monats - und die härteste Jury der Welt. Jetzt mitmachen! [...mehr].

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.

 

Gruppen


Stolze Jammerlappen (Leistungsgesellschaftsgegner)

Stolze Jammerlappen (Leistungsgesellschaftsgegner)

Depression, Liebeskummer; Trennungsschmerz, sei authentisch und unverlogen und steh zu deinen Gefühlen

» Mehr Gruppen