Liquorice

highschool-candy

03.08.1995, 11:34, Text: Autor unbekannt

Zwei Schritte abseits vom größten Musikereignis des Jahres präsentiert sich das Leben im Showbusiness von einer anderen Seite. Ein Blick in das Gesicht von Dan Littleton zeigt, was drei Tage Promotionstreß bedeuten, ohne literweise Kaffee läuft nichts mehr. Neben Jenny Tommey, bekannt durch ihr amerikanisches Indie-Label \"Simple Machines\" sowie ihre Tätigkeit bei TSUNAMI und GRENADINE, ist er die zweite treibende Kraft hinter LIQUORICE, die dieser Tage ihr Debüt \"Listening Cap\" veröffentlichen. Und jetzt soll der arme Kerl auch noch diese komischen kleinen Holzstückchen kauen. Erst Erstaunen, dann ein erkennender Gesichtsausdruck: \"Du spielst auf unseren Bandnamen an, das schmeckt nach LIQUORICE.

Ich wußte nicht, daß es auch eine Art Holz sein kann. In den Staaten ist Lakritz nicht sehr beliebt bei den Kids. Wenn du eine Schale voll Süßigkeiten stehen läßt, bleibt garantiert das Lakritz über. Es ist ein Geschmack, den man wohl erst schätzen lernt, wenn man älter wird.\"
Also Popmusik mit Tiefgang, emotionales Studentenfutter für sensible Highschool-Kids? Auffällig modisch gibt sich die Musik von LIQUORICE jedenfalls nicht. Keine exotischen Sounds, keine übers Knie gebrochenen Stilmixturen, sondern \"klassischer\" Singer-Songwriter-Sound. Hauptsächlich basieren die Songs auf offenen, leicht wehmütigen Akkorden einer Akustikgitarre, mal ein Piano oder eine Mandoline, wenig Verzerrung. Der Zauber sitzt im Detail: ausgefeilte Arrangements, die den Hörer nicht selten von einem Gefühlszustand in den anderen schleudern. Für die nötigen Ecken und Kanten in Form von wohldosierten Krachsequenzen zeigt sich kein anderer als \"4AD\"-Magier Warren Defever (HIS NAME IS AlIVE) verantwortlich, in dessen Kellerstudio das Album in nur einer Woche eingespielt wurde.
Typisch für die Dramaturgie und den Aufbau der Songs ist \"Breaking The Ice\", das einzige nur von Dan gesungene Stück. Sehr zerbrechlich beginnt es, windet sich dann durch einige sehr nah beieinander liegende Tonarten, um sich schließlich von der anfänglich eher melancholischen Stimmung in fast hymnenhafte Höhen zu erheben. \"Ja, die Harmonien liegen anfangs sehr dicht zusammen, bewegen sich nicht in großen Sprüngen, aber dann bricht etwas auf. Ich will das nicht interpretieren - vielleicht hat es etwas mit dem Gefühl hinter dem Song zu tun. Es geht um den Verlust von Dingen, um die Unzugänglichkeit von bestimmten Gefühlen ... Das Problem mit 'gefühlsbetonten' Songs ist häufig, daß sie nur einen Zustand darstellen, aber nicht über ihn hinausweisen. Mir geht es darum, etwas zu bewegen, in meiner persönlichen Erfahrung wie beim Hörer. Darum ändert sich die Stimmung des Stücks auch so dramatisch - du kannst nicht immer dieses Gefühl des Verlustes haben. Gefühle haben ihre eigene Tiefe, sind nicht eindimensional, verändern sich ständig.\"
Eben Multidimensionalität statt sentimentalem Einheitsbrei. \"Listening Cap\" versteht zu bewegen, ohne betroffen zu machen. Keine übersteigerten Rockstar-Klischees oder billigen Gefühlsdudeleien verbauen den Zugang zu einer persönlichen Geschichtsschreibung in Liedform, die gerade aufgrund ihrer Schlichtheit etwas sehr Unmittelbares hat. Der Sommer ist noch lang, vielleicht bekommt ja noch jemand Appetit auf was Süßes - aber dezent, bitte.



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aus Intro #27 (September 1995)
 
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