A Subtle Plague

klarheit in komplexität

29.07.1995, 13:58, Text: Autor unbekannt

Die Verbindung von gegensätzlichen Stilen bei A SUBTLE PLAGUE aus San Francisco kommt jedoch weniger durch eine bewußte Entscheidung als durch das Zusammentreffen von Leuten mit verschiedenen kulturellen und musikalischen Hintergründen zustande. Zwar ist der kleinste gemeinsame Nenner des Sextetts SST-Post-Hardcore (z. B. MINUTEMEN), da jedoch die drei Simmersbach-Brüder aus Europa stammen, fließen unter anderem auch Folk-Passagen à la CAT STEVENS in die nicht klassifizierbare Musik ein. Folgerichtig untersteht auch das Songwriting einem antiindividualistischen Prinzip: \"Wir schreiben alle Songs kollektiv, ohne feste Regeln. Am Anfang wissen wir nie, wie der fertige Song klingen wird\", erklärt Bassist Benjii Simmersbach.

Auf \"No Reprise\", dem dritten Album, ist es ihnen nun zum ersten Mal gelungen, die reichhaltigen Einflüsse in eingängige Songs zu verwandeln. Politische Texte gehen mit einer Melodie Hand in Hand.
Wegen der Radikalität mancher Songtitel wie \"I Wanna Kill The President\" wurde die bei genauerem Hinsehen zweideutige Lyrik oft mißverstanden. Benjii erzählt: \"Einige Radiostationen haben uns die Single zerbrochen zurückgeschickt, und uns wurde beinahe die Aufenthaltsberechtigung versagt. Wir mußten schriftlich erklären, daß wir nicht in den USA sind, um den Präsidenten umzubringen.\" Ironischerweise handelt es sich bei dem Stück um einen Protestsong gegen Zensur. Die Titel beschreibt Benjii als Anspielung auf öffentlichkeitshaschende Parolen z. B. des Gangsta-Raps, die \"letzten Endes in ein Vermarktungsschema eingehen.\" Die Verstrickungen, die sich in der Erkenntnis der modernen kapitalistischen Gesellschaft als einer unterschwelligen, alle Bereiche des Lebens infizierenden Krankheit (siehe Bandname) zeigen, sind das, wovon die Musik handelt.
Daß diese Einsicht nicht geradewegs in den Wahnsinn führen muß, beweisen die mitreißenden Konzerte von A SUBTLE PLAGUE, die eher einer Performance gleichen. Dort erlebt man den ehemaligen Punk-Sänger Pat Ryan, wie er wild gestikulierend nach einem Funken Klarheit in der Komplexität sucht. Den ausgeglichenen Gegenpol bildet im Wechselgesang mit ihm die folkige Stimme von Analucia Da Silva. In einem unglaublich druckvollen Set gibt die Band auch ihr spielerisches Können zum besten, wenn sie von einem Hardcore-Teil in eine 15minütige Session übergeht, um wieder beim Anfang zu landen. Wer die Touraholics nie live sah, hat etwas verpaßt!



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aus Intro #26 (Juli / August 1995)
 
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