Primus
wie seltsam ist die welt?
25.07.1995, 22:54, Text: Autor unbekannt
Da sich PRIMUS-Klangwerke einer einfachen Beschreibung entziehen, stellt sich um so mehr die Frage nach den Unterschieden bei der Umsetzung und im Aussagegehalt. \"Ich denke, daß das neue Album weniger düster als 'Pork Soda' ist. Wir erzählen wieder mehr Geschichten und wollen damit einfach angenehmere Dinge zum Ausdruck bringen, im Prinzip so ähnlich wie auf 'Frizzle Fry'.\"
Die PRIMUS-eigene Erzählweise besteht aus ständigen Hochs und Tiefs, aus krassen Wechseln und vielseitigen Brüchen. Nicht jeder Hörer mag da folgen, doch das ist Mr. Claypool ziemlich egal: \"Wer PRIMUS bis jetzt nicht mochte, wird uns auch nach 'Tales From The Punchbowl' nicht mögen.\" So verwundert es auch nicht, daß sich ihre Karriere und ihr heutiger Status nicht von heute auf morgen ergaben, sondern stückchenweise und über einige Umwege entwickelt haben.
Mittlerweile sind PRIMUS jedoch zu einer festen Instanz der (nord)kalifornischen Musikszene geworden, die aber auch gerne in anderen Städten gehört wird. Bei heimischen Konzerten bringen sie acht- bis neuntausend (!) Leute zusammen. San Francisco bleibt auch dadurch der Ruf als Stadt der etablierten Seltsamkeiten erhalten und bewahrt sich so seinen Status als heimliche (Sub)kulturmetropole der USA. Die Beständigkeit in Zusammensetzung von Sound und Besetzung bei PRIMUS ist für Les von höchster Wichtigkeit: \"Ich zweifle daran, die Gruppe jemals abzuändern - auch nicht den Sound für musikalische Erweiterungen oder zusätzliche Musiker. Wenn wir mal etwas anderes machen wollen, wenden wir uns unseren Nebenprojekten zu.\" Damit bleibt PRIMUS bei der Formation Trio, was den Musikern die größtmögliche musikalische Freiheit läßt, die sie ohne Frage benötigen und auch nutzen.
Diese Freiheit findet man gerade auch bei Claypools außergewöhnlichem Bass-Spiel: Sein 6-String-Bass beginnt mit einem tiefen B, dann folgen E, A, D, G, C. Eigentlich ungewöhnlich, hat er doch erst fünfzehnjährig mit diesem Instrument begonnen. Effekte benutzt er viel weniger, als es den Anschein hat - nur ein kleines bißchen Verzerrer und hier und da etwas Chorus (Dank an Mr. S.O'N. für diese musiktechnische Hilfestellung. Ich konnte immer nur Punkbaß!). Sein zweites Standbein bei PRIMUS sind die Lyrics, aber auch an der Booklet-Gestaltung ist er beteiligt. Warum er aber so viele Viecher und \"natürliche\" (Sound)elemente in der musikalischen und visuellen Umsetzung einbaut, weiß selbst Les nicht. Ein besonderes Faible für Insekten oder Kriechtiere hat er auf alle Fälle nicht, statt dessen hält er lediglich zwei Labradore. Als Landbewohner mit großem Garten hat er von den Erstgenannten allerdings genug im eigenen Garten.
INTRO: Du wohnst auf dem Lande, da kennt man meistens körperliche Arbeit. Sind PRIMUS eher Schweiß oder Eingebung; sind die Nummern immer bis ins Detail arrangiert oder eher intuitiv und spontan?
Les: Ich denke, es ist von beidem etwas. Wenn ich auf der Bühne bin, schwitze ich mir den Arsch ab, und im Studio sitze ich meistens auf einem Stuhl, was schon ziemlich lässig und entspannend ist. Wir müssen auch vom Studio zur Bühne nicht viel ändern, da wir an die Dinge so wie auf der Bühne herangehen. Wir jammen viel herum, probieren aus ...
INTRO: Jammen auf einem Stuhl - das ist cool. Da du alle Texte schreibst, würde mich interessieren, inwieweit den Liedern wahre Begebenheiten zugrunde liegen?
Les: Einige sind wahr, andere nicht. \"Wynona's Big Brown Beaver\" ist so eine Geschichte - alles erfunden!
INTRO: Und \"Over The Electric Grapevine\"? (Eine musikalische Offenbarung, da das Stück einen fast schon opernhaften Spannungsaufbau besitzt.)
Les: Der \"Grapevine\" ist eine Paßstraße, über die du fährst, wenn du aus dem Norden nach Los Angeles fährst. Ein Freund und ich fahren über diesen \"Grapevine\" und sind auf LSD. Davon handelt die Geschichte - von einem dramatischen Abend (lacht).
INTRO: Das mit dem Autofahren hört man deutlich heraus, die Drogen kann man sich gut vorstellen. Was machst du außerdem, um dich inspirieren zu lassen?
Les: Ich hoffe immer, daß die Inspirationen von selbst kommen, und wenn ich es dann wirklich einmal nötig habe, gehe ich am liebsten fischen (Les hat ein feines Boot) oder gucke einen Film oder mache sonst was.
INTRO: Was machst du noch außer Musik, um deine Ideen umzusetzen?
Les: Ich bin künstlerisch-gestalterisch tätig - führe Regie bei unseren Videos und so. Außerdem haben Larry und ich das Booklet zur neuen CD computertechnisch auf den Weg gebracht.
INTRO: Und eure Spielweise? Ist euer Spiel auf der Bühne eher intro- oder extrovertiert? Les: Wir versuchen, den Leuten eine gute Show zu liefern. Das Schreiben der Songs aber obliegt einem selbst - man muß selbst entscheiden, was man schreibt und letztendlich spielt; was daraus entsteht.
INTRO: Kennt ein solch virtuoser Musiker wie du eigentlich Lampenfieber?
Les: Ja klar! Zwar nicht immer, aber gerade bei großen Auftritten kenne ich das Gefühl nur zu gut. Meistens komme ich aber ohne aus, vor allem, wenn wir schon länger auf Tour sind, und jeder in der Band weiß, wo er steht.
INTRO: Kannst du dich noch an eure letzte Deutschlandtour erinnern?
Les: Das ist schon lange her. Eigentlich weiß ich nur noch, daß wir immer an den Autobahnrasten gegessen haben. Mit dem Essen in Deutschland hatte ich keine Probleme, denn ich bin glücklicherweise kein Vegetarier.
Ihr Roadmanager Larry mußte da schon eher einige Entbehrungen hinnehmen. Bis die Band ihr Gedächtnis auffrischen kann, wird gar nicht mehr allzuviel Zeit ins Land gehen: \"Wir werden voraussichtlich im September auf Tour gehen.\"
Was am Ende des Gesprächs überwiegt, ist ein absolut \"normaler\" Eindruck von einem seltsam anmutenden Ausnahmemusiker. Es scheint sich auch hier zu bewahrheiten, daß selbst die größten Auffälligkeiten einen Menschen nicht seiner \"Normalität\" berauben können. Mit dieser Einsicht gestärkt, weiß ich nun sicher, daß meine Mama mein PRIMUS-T-Shirt mit gutem Gewissen toll finden darf.
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