The Sea & Cake

südseechemie in federästhetik

24.07.1995, 22:25, Text: Autor unbekannt

Daß der Titel des zweiten Longplayers von THE SEA & CAKE neben einem klangvollen Kontrast aufeinanderprallender Vokale und Zischlaute auch die Hauptstadt der Bahamas bedeutet, stellt eine fast vorseherische Koinzidenz dar. \"Nassau\" (Moll / EFA) sind zehn traumwandlerisch schöne Kompostionen, geprägt durch den südseebenetzten Akademiker-Dancefloor, das spontane Hinabgleiten in jazzy Disharmonik sowie das melancholische Stimmchen Sam Prekops. \"Wenn ein Prädikat für die Musik benötigt wird, nenne sie 'Loungefunk'. Damit wird einerseits das schwarze Element, der Memphis-Soul-Kram, der uns so sehr beeinflußt, erfaßt und andererseits wird das elende, herumlungernde Flair der Straße, wie man es in den Songs von TOM WAITS so oft findet, repräsentiert.\" Bassist Eric Claridge scheut die Kategorisierung seiner Musik nicht, denn über die schlüssige Einordnung der Musik hinterfrage man schließlich die Eigenständigkeit des hervorgebrachten Werkes.
Als sich THE SEA & CAKE im Herbst 1993 zusammenfanden, hatten die Herren Sam Prekop (Gitarre, Gesang), Eric Claridge (Bass), John McEntire (Drums) und Archer Prewitt (Gitarre) allesamt schon Studioerfahrung gesammelt.

Eine klare Formulierung musikalischer Ziele erfolgte trotzdem nicht. Das Experiment sollte als Motivation ausreichen. Für Claridge und Prekop, die als Mitglieder von SHRIMP BOAT ohne Plattenvertrag eine Unmenge aufnahmefertiger Songs im Nachtschränkchen verschwinden lassen mußten, ein Neuanfang. \"Für eine Band ist es ab einem bestimmten Punkt des Werdegangs wichtig, die Möglickeit zu haben, Songs aufzunehmen. John McEntire hatte sich damals gerade ein kleines Studio eingerichtet, so daß wir unser Schaffen regelmäßig niederlegen und reflektieren konnten. Es ist schon ziemlich frustrierend, wenn Hunderte von Songs einfach verfallen, ohne jemals gehört worden zu sein. SHRIMP BOAT waren leergepowert, aufgelöst wegen Erfolglosgkeit\", erzählt Eric Claridge.
Schlagwerker John McEntire ist ein Fossil der Chicago-Avantgarde. Sein kreatives Mitteilungsbedürfnis lebt er phasenweise parallel in elf verschiedenen Bands aus. Momentan liegen seine Schwerpunkte auf TORTOISE, GASTR DEL SOL, RED KRAYOLA und eben THE SEA & CAKE. Nicht nur durch seine seltsamen, 100%ig wiedererkennbaren Beats ist er das Herz der Band. Er zieht die Fäden im Hintergrund.
Im Frühjahr 1994 erschien das selbstbetitelte Debüt von THE SEA & CAKE. Von der Kritik als Neudefinition amerikanischer Popmusik gefeiert, vom europäischen Label ignoriert, war das Album in Deutschland nur per Import erhältlich. Doch die Songwritingmaschinerie der Band arbeitete schon auf vollen Touren. \"Wir schreiben sehr schnell neue Songs. Auch wenn es hinterher vielleicht einen eher überlegten Eindruck macht, basiert die Musik auf simpler Improvisation im Übungsraum\", gesteht Eric Claridge. Live wird getestet, was den Kompostionen noch fehlt, es wird gefeilt und anschließend wird aufgenommen. Die Recordingsessions zu einem im Herbst erscheinenden Album sind jetzt, kurz nach Erscheinen von \"Nassau\", bereits abgeschlossen.
Was unterscheidet den musikalischen Ansatz bei THE SEA & CAKE von ihren Vorgängern oder Nebenprojekten SHRIMP BOAT, TORTOISE oder COCKTAILS? \"Die Musik von THE SEA & CAKE ist ein Lernerfolg aus den Erfahrungen, die wir in den anderen Bands gemacht haben\", erklärt Eric Claridge. \"Daß dabei der Ansatz von SHRIMP BOAT wohl am ehesten mit der jetzigen Herangehensweise zu vergleichen ist, liegt wohl daran, daß Sam Prekop in beiden Bands der Sänger und Texter ist.\" Prekops Lyrics sind von ironischer Traurigkeit, feinsinnig und wortgewandt. Obwohl sie nicht wesentliches Stilmittel, sondern gleichwertiger Teil des Ganzen sind, ist von unerfüllter Liebe schon eindimensionaler gesungen worden als in \"A Man Who Never Sees A Pretty Girl That He Doesn't Love Her Little\". Claridge: \"Nenne es Melancholie, nenne es Trennungsschmerz. Ich nenne es Softcore.\" Weiß Gott, diese Band ist um Genres nicht verlegen. Intellektuelle Ergiebigkeit.
Der hohe Leichtigkeitsfaktor des THE SEA & CAKE-Sounds fußt nicht auf einem verabredeten Entwurf zwischen den Bandmitgliedern. \"Die Chemie innerhalb einer Band sorgt für deren Output.\" Bei der \"Chicago-Supergroup\" (Zitat: Band-Info) handelt es sich um vier Leute, die das Periodensystem der Elemente verdammt gut beherrschen. Trotz der Neuartigkeit ihrer klanglichen Blueprints perlt der Sound herrlich relaxt aus den Boxen. Die Band läßt sich Zeit. Spielt unverschämt langsam, wenn es das Arrangement verlangt, während Sam Prekop provokant-monoton die Worte aus dem Mund purzeln. Andererseits können THE SEA & CAKE auch frickeln, ohne dabei an Seele und Gelassenheit zu verlieren. Die sonnigen Tage an der See in all ihrer Gleichförmigkeit und doch mit dem erhabenen Gefühl von Lebensqualität verdienen einen Soundtrack, und der heißt \"Nassau\".



Artikel kommentieren
aus Intro #26 (Juli / August 1995)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 
Anzeige
 

Gruppen


Old Time Banjo Akademie

Old Time Banjo Akademie

Für Freunde des 5-String-Banjos. (Foto: Roscoe Holcomb)

» Mehr Gruppen
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.