Teenage Fanclub

Come On Join The

24.07.1995, 16:02, Text: Autor unbekannt

TEENAGE FANCLUB kommen bekanntermaßen aus Schottland, und um hier mal mit bekannten Klischees aufzuräumen - sie geizen höchstens mit großen Sprüchen. Dennoch sind sie seit fünf Jahren fester Bestandteil im britischen Musikzirkus, und für die dortigen Verhältnisse ist das beinahe eine halbe Ewigkeit. Bassist Gerard Love erinnert sich an die Anfänge: \"Wir hatten keine Jobs und wollten nur ein paar Konzerte geben, für unsere Freunde, einfach, um überhaupt etwas zu machen. Wir hätten nie gedacht, daß irgendetwas passiert, wir auch nur eine einzige Platte verkaufen, geschweige denn in Deutschland, Frankreich, den Staaten oder sogar Australien touren ...\" Und fügt etwas hinzu, das man in etwa mit \"das flog uns so zu ...\" übersetzen könnte.
So nahmen sie Ende 1989 nach zweiwöchigem Bandbestehen in nur einer Woche (da sich zu diesem Zeitpunkt noch kein Label gefunden hatte) ihr Debüt auf, das ein halbes Jahr später auf \"Paperhouse\" unter dem Titel \"A Catholic Education\" veröffentlicht wurde und sich, vom Kontinent noch unbeachtet, monatelang in den Indiecharts hielt.

Von \"US-Punk vermischt mit Post-Postcard-Sound\" und \"atemberaubendem Potential\" war damals im NME zu lesen, lediglich die Produktion wurde bemängelt. Gerard: \"Wir waren damals alle noch sehr jung und technisch nicht besonders gut.\" Die Soundqualität ist aber nicht nur auf die Zeitknappheit zurückzuführen. \"Norman sagte während der Aufnahmen ständig: 'Oh nein, mach' meinen Gesang ganz leise ...'Jeder hat Paranoia, seine eigene Stimme zu hören, weil er Angst hat, daß sich das blöd anhören könnte.\" - Das andere Charakteristikum der Schotten: Sie besitzen die Eigenschaft, von Dingen wie Gefühlen, Liebe und eigener Standortsuche, kurzum über Themen zu singen, die gemeinhin als uncool gelten. Mit ihrer vierten regulären LP, \"Grand Prix\", haben sie mittlerweile das nötige Selbstvertrauen, dazu auch zu stehen, was sich folgerichtig sowohl produktionstechnisch als auch musikalisch niedergeschlagen hat. \"Auf 'Bandwagonesque' gab es noch etliche Lärm- und Feedbackpassagen, 'Thirteen' hatte noch einige zurückgenommene Gesangsparts, so daß wir dachten: 'Laßt uns eine Platte machen, auf der alles klarer, direkter und simpler klingt, ohne Lärm, ohne Attitüde. Warum muß immer alles kompliziert klingen, wenn es auch einfach geht?' So haben wir versucht, die Songs in den Vordergrund zu stellen, den Gesang, und vielleicht die Texte, die ja auch abgedruckt sind, was früher undenkbar gewesen wäre.\" Was sich ziemlich unspektakulär anhört, ist es auch - beim ersten Hören vielleicht noch. Doch es wird auch klar, daß diese Entwicklung sich abgezeichnet hat und nicht künstlich herbeigeführt wurde: Die Parts greifen auf so selbstverständliche Weise ineinander, daß man mit Fug und Recht von \"klassischem\" Songwriting sprechen kann.
Den Credibility-Bonus haben sie ohnehin spätestens seit den Querelen um die Veröffentlichung von \"The King\", auf der sich unter anderem Trash-Coverversionen wie \"Interstellar Overdrive\" (PINK FLOYD) oder \"Like A Virgin\" (genau dieses) befinden. Gerard: \"Wir nahmen 'The King' auf, als wir mit unserem Produzenten Don Fleming in Liverpool waren, um 'Bandwagonesque' einzuspielen. Eines Abends sagte er: 'Laßt uns trinken und heute Nacht eine ganze LP einspielen.' Also gut. Wir betranken uns, machten ein bißchen Krach, und Don nahm auf 8-Spur auf. Ursprünglich sollte das einfach nur ein Spaß sein und nicht veröffentlicht werden. Dann entschieden wir uns, die Platte zum Preis einer Single zu verkaufen. Nachdem 'Creation' sie veröffentlicht hatte, stellte man sie als LP zum regulären Preis in die Regale. Wir wollten aber nicht, daß die Leute verarscht werden, und versuchten, so viele Exemplare wie möglich zurückzuziehen.\" Was seinerzeit für gehörigen Wirbel sorgte, ist heute nur noch Anekdote. Und Gerard fügt hinzu: \"Es war einfach keine ernstgemeinte Platte, und wir haben sie seitdem auch kein einziges Mal angehört ...\"
Heute ist der Lärm tabu, daran wird man sich gewöhnen müssen. Die \"Catholic Education\"-Stücke scheinen auch live gestorben zu sein, doch so lange die Konzerte so viel Spaß machen wie bisher und zuletzt im Kölner Luxor, kann man das verkraften. Denn für Überraschungen sind die \"Fannies\" nach wie vor stets zu haben: Im Zugabenblock wurde nach dem obligatorischen CHILTON-Cover \"Free Again\" sowie der fast originalgetreuen Wiedergabe von \"Rain\" (fehlten nur noch LENNONs rückwärtslaufende Gitarren- und Gesangsspuren, aber das kriegen die auch noch hin ...) in einem Akt der Symbollastigkeit sondergleichen ein Bassist aus der Menge ausgerufen, der sich dann schließlich auch auf der Bühne einfand, um unter ohrenbetäubendem Applaus und sachkundiger Anleitung Normans den Part zu einem YO LA TENGO-Cover beizusteuern. So einfach geht das. Also kommt mir nicht mit OASIS und Konsorten.



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aus Intro #26 (Juli / August 1995)
 
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