Whale

können zu kurze stimmbänder sünde sein?

23.07.1995, 17:28, Text: Autor unbekannt

\"Meine Stimme ist dünn, sehr dünn. Ich habe sehr lange in Bands gesungen, habe auch Gesangsuntericht genommen, aber selbst wenn ich mir wirklich wünschen würde, eine bessere, stärkere Stimme zu haben, es ginge nicht: Ich habe zu kurze Stimmbänder. Früher habe ich mich oft geschämt für meine Stimme. Heute, wo ich versuche, das, was ich habe, so zu benutzen, wie es mir am besten liegt, sagen die Leute, sie würden meine Stimme lieben. Ich klänge so sexy.\" Aber können zu kurze Simmbänder Sünde sein? Sie können zumindest so klingen. WHALE sind IKE & TINA TURNER, sind BLONDIE, sind TRANSVISION VAMP, sind DAISY CHAINSAW ..., sind Songwriter plus Frontliebchen, die zwar Botschafterin, Gallionsfigur ist, die Band nach außen hin mit zarter Hand dominiert, in den musikalischen Entwicklungsprozeß der Gruppe allerdings kaum einbezogen wird, obwohl die Band ohne sie nicht bestehen könnte.

Eine dünne, zerbrechliche Stimme scheint hier fast Bedingung zu sein, besteht üblicherweise ein Großteil der Magie, die solche Acts ausmacht, doch augenscheinlich aus der Verletzbarkeit der Sängerin und ihrem allem zugrundeliegenden stillen Ruf nach männlichem Schutz, live demonstriert durch eine Backingband, bestehend aus schablonenhaften Charakteren, die diesen quasi obligat gewähren.
Ich erinnere mich zu gern an das DAISY CHAINSAW-Konzert im Düsseldorfer Haus der Jugend, wo die um Aufmerksamkeit heischenden Blicke der Herren in den ersten Reihen blitzschnell in blankes Entsetzen umschlugen, als Katie Jane Garside sich das Engelshaaperückchen vom Kopf riß, eine mit schmuddeligen Pflastern verunzierte Glatze präsentierte und die Schlagbohrmaschine aus der Handtasche holte, um eine Kleinkind-große Puppe zu malträtieren, während die Band wie in Trance vor sich hin lärmte. Mit einem Mal schien den Leuten zu dämmern, daß diese Jungs noch nicht einmal in der Lage wären, das Publikum vor der eigenen Sängerin zu verteidigen. Nicht so Gordon und Henrik von WHALE, die sind groß und smart und kommen aus der Werbung, sogar aus der Fernsehwerbung, sind sich selbst ihr bestes Produkt. Als solches läßt sich Henrik natürlich ein Firmenemblem auf den Arm stechen, konsequenterweise japanischer Herkunft. Funkionalität und Effektivität sind schließlich hehre Ziele.
\"Henrik und Gordon haben in einem Stockholmer Studio die Musik zu einem Werbespot aufgenommen und hatten noch etwas Studiozeit übrig. Also haben sie sich gedacht, warum nehmen wir nicht einfach einen Song auf. Ich moderierte zu dieser Zeit gerade eine Radioshow. Henrik, mit dem ich zusammen war, rief mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte zu singen. Herauskam 'Hobo Humpin' Slobo Babe'. Wir verschickten das Tape an verschiedene Plattenfirmen, allerdings ohne mit einem Wort zu erwähnen, daß es von uns kommt. Nur mit einer Telefonnummer versehen, aus der nicht ersichtlich war, wer dahintersteckt. Die 'eastwest' wollte uns haben, und wir riefen: 'Surprise, wir sind's.' Mark Pellington, der auch das 'Jeremy'-Video von PEARL JAM auf dem Gewissen hat, drehte ein Video für uns, und 'Hobo Humpin' Slobo Babe' begann auf MTV zu rotieren. Die Plattenfirma wollte so schnell wie möglich ein Album der Band, vergaß aber aus irgendwelchen Gründen, die Option auszusprechen. Da wir definitiv keine Lust hatten, ein Schnellschußalbum abzuliefern, und unsere Jobs uns sowohl wichtig waren als auch eine Menge Zeit beanspruchen, nahmen wir uns alle Zeit der Welt für die neuen Songs und schickten die Aufnahmen schließlich unter denselben Bedingungen wie vorher an die Labels. Und wieder wußte niemand, daß das Material von uns kam. Diesmal bekamen wir den Zuschlag von der 'Virgin'. Am Ende stand wieder der Überraschungseffekt.\"
WHALE sind nicht die ROXETTE des Underground, sie sind ROXETTE, wie diese sein müßten, würden sie sich heute neu erfinden. ROXETTE im Jahre X nach NIRVANA und SONIC YOUTH. Das Zeitgeistigste aller Kunstkonstrukte und damit ungemein cool. Eine Band, die man lieben muß, die einem keine Chance läßt, sie zu negieren. Lieber laß ich mich Chauvi schimpfen als uncool und prüde. \"Das, was wir nach außen hin darstellen und was scheinbar wie ein Image wirkt, sind tatsächlich wir. Wenn auch ziemlich auf den Punkt gebracht. Wir sind alle drei sehr starke Charaktere, so stark, daß wir uns immer fürchterlich aufspielen, um überhaupt nebeneinander bestehen zu können.\" Das VILLAGE PEOPLE-Prinzip als übersteigerte Bandrealität mit den einzelnen Akteuren in der Maske ihres Über-Ichs. Wer WHALE nur durch \"Hobo Humpin' Slobo Babe\" kennt, nimmt mir das vielleicht nicht auf Anhieb ab, aber die Platte hat wahre Größe. Sie hat alles, was eine Platte braucht, die nicht an gestern oder morgen denken läßt und deshalb auch nur heute gehört werden wird: Sex, Krach, niedliche Melodien, große Themen, ein Hauch von Polemik und zeitgeistige Gaststars wie TRICKY. \"Wir waren gerade für die Aufnahmen in Spanien, und er war zufällig mit NENEH CHERRY im selben Studio. Wir haben etwas getrunken und ein paar Songs zusammen gemacht. Wir sind auf derselben Wellenlänge: Er ist ein Macher, kein Denker. Alles, was wir wirklich versuchen, ist Songs zu machen, deshalb lohnt es sich auch nicht wirklich, sich mit ihnen inhaltlich auseinanderzusetzen. Natürlich drehen sie sich um irgendetwas. Aber um was ist doch im Endeffekt egal. Ich weiß, das ist der Albtraum eines jeden Journalisten, aber es ist wahr, da ist keine wirkliche Aussage.\"
Über was soll ein Mädchen wie Cia schon anderes singen als über die Themen, die man von ihr erwartet: sich aushalten lassen (\"Pay For Me\"), reiche Mädchen, die Penner ficken (\"Hobo ...\") und etwas wirklich zu versuchen (\"Trying\"). Von Mädchen wird immer erwartet, daß sie etwas versuchen. Aber WHALE versuchen nicht, WHALE machen. Sie setzen die Wörter aneinander und überlegen sich allerhöchstens hinterher, was sie damit gemeint haben könnten. Sie nennen das PPR, \"Post Production Reality\". Deshalb sind WHALE auch nicht Disco oder Volksmusik, trotz derselben Grundthematik - nämlich keiner bzw. keiner, die ernstzunehmen wäre -, sondern Pop ..., so wie ihn Kurt Schwitters verstanden hätte.



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aus Intro #26 (Juli / August 1995)
 
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