Buffalo Tom

aufgeweckte dornröschen

20.07.1995, 11:54, Text: Autor unbekannt

Immerhin waren BUFFALO TOM kürzlich in der amerikanischen Fernsehserie \"My So Called Life\", die das klassische Slacker-Publikum bedient. Viele hatten vorher wahrscheinlich noch nie von ihnen gehört, obwohl es sie bereits seit sieben Jahren gibt. Inzwischen ist ihre Popularität aber gestiegen, verkaufen sich die bisherigen vier Alben in den USA seit dem Auftritt doch wie geschnitten Brot. Der Zeitpunkt war - nicht ganz zufällig - gut gewählt, erscheint doch in diesem Monat ihr neuestes Werk \"Sleepy Eyed\". Ein geschickter Marketing-Trick, könnte man glauben, doch solche Überlegungen liegen der Band fern. Sie sind mit ihrem Status zufrieden.
\"Wir sind dem Mainstream schon ein bißchen nähergekommen\", gibt Sänger Bill Janovitz zu, doch bewegt sich ja seit einigen Jahren auch der Mainstream mehr in Richtung Gitarrenrock.

Immerhin: \"Von unserer letzten Platte 'Big Red Letter Day' haben wir dreimal so viele Exemplare verkauft wie von 'Let Me Come Over', die ein Jahr vorher herauskam\", freut er sich. \"Für uns ist das eine riesige Steigerung, aber genau die Art Fortschritt, die wir persönlich gut finden. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es befriedigend ist, plötzlich statt hundert- oder zweihunderttausend mehrere Millionen Alben zu verkaufen, und das nur aufgrund eines einzigen Videos auf MTV.\" Auch die BUFFALO TOM-Videos laufen ab und zu auf MTV, für diese Aufgeschlossenheit ist die Band durchaus dankbar. Bill macht allerdings eine Einschränkung, was das neugewonnene Publikum angeht: \"Wir haben neue Hörer, die sich eigentlich nicht für den Underground interessieren. Das ist okay, aber vielleicht sind wir eine Spur snobistisch: Wir möchten unseren Hörern etwas bedeuten. Unsere Musik soll wichtig für sie sein und nicht nur eine von den vielleicht drei CDs, die sie pro Jahr kaufen und nebenbei im Auto oder beim Wäschewaschen hören.\"
Überall in Amerika gibt es mittlerweile Radiosender, die nur das spielen, was unpassenderweise immer noch \"Alternative Rock\" heißt, und damit sagenhaft erfolgreich sind. Davon profitieren einige altgediente Bands, in erster Linie aber Neulinge, für die SONIC YOUTH, MUDHONEY oder eben auch BUFFALO TOM die Vorarbeit geleistet haben. Ist das nicht ärgerlich? \"Es ist schon frustrierend, wenn ich sehe, daß eine von unbekannten, erfolglosen Bands beeinflußte neue Band plötzlich Millionen Platten verkauft. Vielleicht sollten wir uns aber einfach freuen, daß endlich unsere Zeit gekommen ist oder die Leute endlich gute Musik hören wollen. Aber das stimmt ja nicht, sie hören meistens nur den schwachen Abklatsch guter Musik!\" Fühlt man sich nach sieben Jahren Arbeit und mittlerweile fünf Alben nicht irgendwann älter? \"Ja, aber seltsamerweise nicht im Sinne einer allmählichen Entwicklung. Irgendwie ist uns dieses Jahr aufgegangen, daß wir auf einmal Veteranen sind\", grinst Bill. \"Jahrelang galten wir als 'das nächste große Ding', und plötzlich sind wir nur noch müde alte Männer ...\" Auf \"Sleepy Eyed\" merkt man davon nichts. Die 14 Songs wirken sehr konzentriert und durchdacht, was sicher auch darauf zurückzuführen ist, daß in einer ehemaligen Kirche aufgenommen wurde, nämlich in den Dreamland Studios von Woodstock. \"Der Kontrollraum ist da, wo vorher der Altar war. Der Produzent (in diesem Fall John Agnello - DINOSAUR JR., SCREAMING TREES, RED KROSS) kann sich also wie der Priester fühlen. Die Bänke sind nicht mehr da, aber sonst ist die Atmosphäre noch genau wie in einer Kirche. Es war toll, im Studio zu stehen und durch die farbigen Glasfenster die Sonne scheinen oder den Schnee fallen zu sehen\", schwärmt Bill. \"Oder abends - die Kirche lag im Wald, völlig abgeschieden ...\" Dort fanden BUFFALO TOM die nötige Ruhe, und der Kirchenraum ermöglichte einen organischen, lebendigen Sound. Bis auf einige Gesangs- und Pianoparts wurde ein Großteil des Materials live eingespielt. Diese Arbeitsweise paßt zum Selbstverständnis der Band; hier wird alles gemeinsam entschieden, Songskizzen werden zu dritt in fertige Songs verwandelt, und jeder hat den gleichen Anteil am Gesamtergebnis.
Viele der Stücke scheinen Sommer und Farben zu assoziieren. Sie heißen \"Tangerine\", \"Summer Song\", \"Sparklers\" oder \"Sundress\", doch die Atmosphäre paßt eher zu einem regnerischen Nachmittag. \"Das stimmt, es sind meist melancholische Songs\", bestätigt Bill. \"Ich schreibe zum Beispiel einen Text über den Sommer, aber ich meine damit das Ende des Sommers, wenn die Melancholie einsetzt.\" Daß er im Nebenfach Vergleichende Literaturwissenschaft studiert hat, beeinflußt zwar seine Texte, doch wehrt sich Bill gegen die Annahme, er sei ein Lyriker. \"Rock'n'Roll-Texter sollten nicht glauben, sie seien Dichter, das rückt einen in die Nähe von Leuten wie JIM MORRISON, der glaubte, er sei Baudelaire. LEONARD COHEN allerdings ist ein wahrer Dichter und Musiker!\"



Artikel kommentieren
aus Intro #26 (Juli / August 1995)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]