Earthling

to keep the mind moving

08.07.1995, 17:09, Text: Autor unbekannt

Dennoch rüstete ich mich mit Theorien und präzisen Fragen aus, um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Später wußte ich, es hätte genügt, sich an N.
WHITEFIELDS' \"doing what comes naturally\" zu erinnern. Genau so begegneten mir Mau und Tim Saul: natürlich, charmant und aufmerksam. Und genau das ist die Besonderheit ihrer Musik. Ironischerweise gebührt der Anfang dem Versuch der Begrifflichkeit:

INTRO: Wie findet ihr die Bezeichnung Trip Hop, mit der ihr ja in Verbindung gebracht werdet?

T. Saul: Eine Etikette, die das Wort HipHop meidet und eine Art von Musik definiert, die mit Instrumenten und Gesang aufgebaut wird, was bei Rap nicht der Fall ist.

Diese Beschreibung trifft auf uns nicht zu, obwohl wir auch nichts dagegen haben.

INTRO: Wie sollte eure Musik beschrieben werden?

Mau: British HipHop.

INTRO: Welches sind die besonderen Elemente, die euren Vibe kennzeichnen? Mau: Beats and Rhymes.

T. Saul: Wir versuchen offen für alles zu sein. Musikalisch ist es vergleichbar mit dem ursprünglichen Geist von HipHop, als jegliche Art von Musik verwendet wurde, z. B. KRAFTWERK und GARY NUMAN gesampelt wurden.

Mau: Ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit. Du bist mit vielen befreundet, die aus verschiedenen Ecken der Welt kommen. Du besuchst sie zu Hause und hörst ihre Musik, einfach alles. Diese Eindrücke bleiben.

INTRO: \"Radar\" ist für mich wie ein Pendel, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart schwingt. Töne, die an Computer, moderne Technologie erinnern, Texte von geklonten Babies ..., andererseits diese Orchestersounds, Fender Rhodes, 60s Orgel und Bilder von Pyramiden ... Habt ihr das so konzipiert?

T. Saul: Nicht bewußt. Eine wirklich schöne Theorie. Mit Abstand kannst du so etwas herausfinden. Wir aber arbeiten nicht so rational, die Musik passiert einfach, instinktiv. Jeder Track ist für sich ein Stück des Ganzen. Wir möchten, daß die Leute zuhören, sich vielleicht wundern oder sich sagen, dieses Sample klingt richtig schmutzig, warum haben die das nur gemacht.
Mau: Ja, das Ziel; to keep the mind moving.
INTRO: Du benutzt in deinen Texten sehr viele Methaphern ...?

Mau: Ich sehe die Texte eigentlich nicht als Methaphern ...
T. Saul: Du wirst zum \"Methaphor Man\". In vielen Interviews in Europa taucht dieses Wort auf. Zeit sich zu wehren.
Mau: Es ist, als ob du einen leeren Raum hast und ihn nach und nach füllst, ohne darüber bewußt nachzudenken.

INTRO: Was ist zuerst da, Musik oder Text?

Mau: Bevor wir ins Studio gehen, arbeiten wir größtenteils getrennt.
T. Saul: Oft hat auch einer von uns eine Idee, die wir dann langsam gemeinsam entwickeln. Das Album ist zur Hälfte \"geplant\" und zur Hälfte spontan im Studio entstanden.

INTRO: Das Cover ...

T. Saul: Ja, was denkst du dazu?
INTRO: Es erinnert mich an Metropolis. Viele Menschen/Kinder, die wie Ameisen zwischen gigantischen Gebäuden kauern.
T. Saul: Hast du gesehen, was sie alles machen? Einige fischen; einer reitet auf einem Schwan; ein Kind, das ein anderes gebiert; und ist dir aufgefallen: das Kind auf dem Korb pinkelt auf die anderen herab. Ich überlege immer: Welches würde ich wohl gerne sein? Ich glaube, ich wäre gerne eines der Kinder, die auf dem Balkon liegen und die anderen beobachten. Als wir das Bild zum ersten Mal gesehen haben, wußten wir: Das wird unser Cover.

INTRO: Kennt ihr den Künstler?

T. Saul: Nein, das ist eine Collage von einem holländischen Künstler aus dem Jahre 1910. Wir haben das Bild in einem Nackt-Fotobuch gefunden. Es sieht aus wie eine große Party in einem Vorhof einer Villa.
Mau: Aber Metropolis ist cool. Jetzt, wo du das gesagt hast, kann ich es mir auch vorstellen.

INTRO: Vielen Dank ...

Und in dieser Art und Weise plauderten wir noch lange, nur leider muß drucktechnisch irgendwann mal Schluß sein. Die Erdlinge waren wirklich wunderbar.



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aus Intro #26 (Juli / August 1995)
 
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