Kyuss
die wüste lebt
06.07.1995, 16:56, Text: Autor unbekannt
\"Wir haben vor und während der Aufnahmen sowohl 'Wretch' als auch 'Blues For The Red Sun' immer wieder rauf und runter gehört, das macht sich auf '... And The Circus Leaves The Town' ganz bestimmt bemerkbar. Ziel war es tatsächlich, uns über den Blick nach hinten weiter nach vorne zu bringen.\" Rund um Joshua Tree rieseln die Sanduhren anders. Wer hier lebt, für den sind drei Palmen ein Wald, auch wenn sie fünf Kilometer voneinander entfernt stehen. KUYSS sind mitten in diesem Wald großgeworden (mal abgesehen von Scott Reeder, den sie quasi am Waldrand aufgelesen haben). Das prägt. Die Rhythmusgruppe der Band arbeitet mit der Eleganz von vertrockneten Kakteen im Wind und grooved trotzdem wie ein Stamm Navajos auf Mescalin.
\"When The Circus Leaves The Town\", das mittlerweile vierte Album der Kalifornier, wurde wiederum von MASTERS OF REALITY-Mastermind Chris Goss produziert, der in seinem Leben schon so viel Grass geraucht haben soll, daß es bei ihm zu Hause bereits aussieht wie im Tal des Todes. Denn wo Chris Goss sich niederläßt, wächst kein Grass mehr. Den Mannen von KYUSS ein Bruder im Geiste also. \"Chris gehört inzwischen fast zur Band. Natürlich hat er sein eigenes Projekt, aber als unser Produzent ist er im Prinzip unser fünftes Bandmitglied. Er weiß immer genau, was wir wollen, wir brauchen es ihm noch nicht mal zu sagen.\"
So entstehen die KYUSS-Platten tatsächlich als ein direktes Produkt ihrer trockenen Umwelt. \"Sogar für die Cover-Gestaltung braucht man nichts weiter zu tun, als die Kamera aus der Tür oder dem Fenster zu halten. Es ist der schönste Platz der Erde. Du mußt nur eimal eine Nacht in der Wüste erlebt haben und du willst nie wieder weg. So einen Himmel wie hier wirst du nirgenwo sonst finden. Man muß sich nur verdammt warm anziehen. Klingt verrückt, aber ist wahr. Tagsüber sind es über vierzig Grad, und nachts frierst du dir den Arsch ab.\" Wenn Josh Homme von Cathedral City, Palm Desert, seiner Heimatstadt unweit des Nationalparks \"Joshua Tree\" erzählt, fragt man sich unwillkürlich, warum der Mann überhaupt gelegentlich seine Einöde verläßt, um dann und wann wie eine Fata Morgana in unserem feuchten, schnellebigen Europa mit seiner eindimensional definierten Realität aufzutauchen. Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, daß das Prinzip KYUSS auch hier funktioniert. \"Ehrlich gesagt wußte ich gar nicht, wie populär wir hier sind. Daß 'Sky Valley' in Deutschland in den Top 100 war, habe ich von dir eben zum ersten Mal gehört. Tatsächlich macht uns das Touren einfach Spaß, soviel Spaß, daß wir meistens nur für eine Handvoll Gigs unterwegs sind, weil wir - hätten wir uns einmal daran gewöhnt - gar nicht mehr aufhören könnten.\" Warum hat man Angst, mit etwas nicht mehr aufhören zu können, das einem Spaß macht? Auch das ist nichts weiter als eine verdrehte Umschreibung für \"Ich kann ohne Sand in der Pasta nicht Leben.\" Ein weiteres Beispiel aus der Reihe \"Surrealismus unter Geiern\".
Allerdings haben KYUSS fest versprochen, diesmal etwas ausgedehnter durch unsere Lande zu reisen, als es bisher der Fall war. Große Worte fielen in der Beziehung zwar auch schon nach der letzten Platte, aber nun scheint die Plattenfirma die Möglichkeiten gesteigerter Verkäufe auf dem europäischen Markt durch verstärkte Livepräsenz gesehen zu haben und der Band entsprechend Druck zu machen. Es sieht also ganz danach aus, als würden die Unglücklichen, die bisher nicht in den Genuß der Band gekommen sind, demnächst etwas mehr Glück haben. Josh, mein Gesprächspartner, verspricht eine Show, die an Intensität der letzten noch einen draufsetzen soll.
Vielleicht ist es gerade die Tatsache, daß niemand hier KYUSS wirklich verstehen kann, die die Band so beliebt macht. Möglicherweise haben diese bluesverschmierten Riffs, die so grazil wie ein paar verrostete Zapfsäulen über der Rhythmusgruppe schwimmen, hierzulande einen ähnlich exotischen Status wie pakistanische Percussion-Gruppen. Wie ist es sonst zu erklären, daß sich sechzehnjährige BIOHAZARD- und SEPULTURA-Kopfsocken-Uniformisten unisono auf eine Band einigen können, die im Prinzip Rockmusik macht, wenn auch eine recht verschrobene Variante. Bestimmmt nicht, weil ihr Bassist einen roten Rauschebart trägt und der Meinung ist, Schuhe würden die persönliche Freiheit beschneiden. Die Lösung liegt woanders. Dieselben sechzehnjährigen Kids stehen auch auf CYPRESS HILL. Wo liegen da die Gemeinsamkeiten? Im Grass ..., das um Chris Goss' Haus nicht mehr wächst. Anders als die New Yorker Hispanos sehen KYUSS sich zwar nicht als Werbebeauftragte für die Legalisierung des Marihuanakonsums. Sie konsumieren einfach. Tatsächlich ist es aber nicht eine einfache Affinität zum Kiffen, sondern ein Lebensgefühl, so verbindlich, daß es sich auch in der Musik niederschlägt, daß die beiden Acts begrenzt vergleichbar macht: Ebenso wie CYPRESS HILL spielen auch KYUSS im Grunde Dope-Beats. Ich meine wirkliche Dope-Beats, wie sie äquivalent nur im HipHop zu finden sind, und keine drogige Effekthascherei, wie sie zum Beispiel von MONSTERMAGNET betrieben wird. Die Wüstensöhne haben zwar ihre psychedelischen Seiten, aber in erster Linie regiert bei ihnen der Groove. Das ist Musik, die auch bei über vierzig Grad im Schatten noch für Spaß im Bett sorgt. Sex hat die Eigenschaft wie gutes Grass oder ein Leben in Palm Desert, Zeit und Raum zu relativieren. \"Daß die Platte nicht nur ass kicked, sondern richtig grooved, das heißt, in die Hüfte geht, war uns ein verdammt wichtiges Anliegen. Unsere Musik hat in erster Linie sexy zu sein, das zählt mehr als alles andere. Bei der letzten Platte sind wir fast ohne Songs ins Studio gegangen, da haben wir diesen Aspekt ein wenig aus den Augen verloren ... Während der Aufnahmen verliert man schnell ein wenig den bezug zur Realität.\"
Diesmal hat man intensiver und länger an den Songs gefeilt. Die Stücke sind dementsprechend differenzierter, aber auch um einiges unzugänglicher ausgefallen als auf \"Sky Valley\". Viele werden auf \"... And The Circus Leaves The Town\" die flächendeckenden Bass-Attacken vermissen, die mittlerweile schon beinahe ein Markenzeichen der Kalifornier waren. Trotzdem klingt Track für Track auch Sound-technisch immer noch ganz klar nach KYUSS. Nach mehrmaligem Hören erschließt sich das Album wie von selbst und plötzlich tauchen auch die tiefen Frequenzen wieder auf. Stärker auf den Rhythmus als auf die Fläche bezogen, so pointiert gesetzt, daß sie fast noch wuchtiger kommen als bisher. Eine Platte, die von Mal zu Mal wächst. Stücke wie das elfminütige \"Spaceship Landing\" oder \"Phototronic\" sind von einer epischen Wucht, die Dir für die Dauer des Stückes die Hirnzellen lähmt. Aber wofür braucht man die auch, wenn ohnehin das Becken die Oberherrschaft über den Körper übernommen hat?
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