Therapy?

06.07.1995, 13:29, Text: Autor unbekannt



Eine dreiköpfige Rockband, die sich einen Dreck darum schert, wo man sie einordnet Wo nimmt der Mann seine Wut her? So angriffslustig und anklagend THERAPY?-Songs und -Auftritte auch sein können, so lässig und ausgeglichen sitzt mir Andy Cairns im Gespräch gegenüber. Sichtlich zufrieden mit sich, der Welt und der neuen CD, getauft auf den Namen "Infernal Love". Doch eben diese zum Album zu entwickeln, wird sich für manch einen wahrscheinlich schwieriger als erwartet gestalten. Die noch auf "Troublegum" beherrschende Zwei-Teilung - poppige, unwiderstehliche Hooks auf der einen und brachiale, stark Metal-orientierte Riffs auf der anderen Seite - hat sich immer mehr zugunsten eines in seiner Vielfältigkeit doch sehr komplexen und vor allem eigenständigen Sounds entwickelt.

Auch wenn so eigentümliche Arrangements wie das des HÜSKER DÜ-Covers "Diane" (nur Streicher + A-cappella-Gesang) eher die Ausnahme bilden, so sind die Iren mit "Infernal Love" zwar etwas sonniger, aber bestimmt nicht greifbarer geworden. Auch textlich weicht die anfängliche, direkte Aggressivität mehr und mehr purem Sarkasmus. Die Singleauskopplung "Stories" z. B. ist ein recht zynischer Kommentar zu einer wohl durch den Grunge-boom unwissentlich ausgelösten und in sogenannten Alternative-Kreisen immer häufiger zu beobachtenden Un-Art: "Es gibt soviele Bands, die vorgeben, im Unglück nahezu zu baden. Je bekannter man wird, desto unglücklicher hat man sich zu geben. Wenn du wirklich leidest, solltest du deine Gefühle natürlich herauslassen. NIRVANA z. B. hatten ganz bestimmt ihre sehr persönlichen, harten Probleme mit ihrem Ruhm. Aber so schnell, wie ihre Musik an Bedeutung gewann, begannen die Bands rundherum über dieselben Probleme zu singen. Ich liebe NIRVANA, sie waren ehrlich, vielleicht zu ehrlich."
An Andy Cairns dagegen scheinen der Erfolg von "Troublegum", zwei Jahre ständiges Touren, der Erwartungsdruck zum neuen Album sowie der überhaupt nicht mehr abflauende Medienrummel wenn auch nicht spurlos, so zumindest gefahrlos vorübergegangen zu sein. "Dieses Leben ist mittlerweile meine Realität, und als solche muß ich es akzeptieren. Das Klischee vom heimwehkranken Rockstar z. B. trifft auf mich schon lange nicht mehr zu. Wirklich fremd ist es mir mittlerweile, nach Hause zu kommen. Es hat sich immer soviel verändert. Weihnachten war ich dort, und was hab' ich gemacht? Kurz meine Wäsche gewechselt und dann meine Eltern besucht. Ich halte es einfach nicht lange an einem Ort aus. Schon gar nicht zu Hause. In der Regel ziehe ich dann durch die Clubs, um mir ein paar Bands anzusehen."
Womit Cairns definitiv bei seinem Lieblingsthema angelangt ist. Sobald es um Nachwuchsbands und die momentane irische Undergroundszene geht, bricht der Mann in haltlose Begeisterung aus, und fortan jagt ein Superlativ den anderen. "Es gibt nichts, was ich lieber mache, als mir Konzerte anzuschauen. Mir macht es unglaublich Spaß, mich in einem kleinen Club von einer ungesignten Band überraschen zu lassen. Ich brauche diese Spannung, wenn sie auf die Bühne kommt. In Irland gibt es erstmals seit vielen Jahren wieder eine wirklich aufregende Musikszene. Als ich das letzte Mal in Dublin war, habe ich mir eine Gruppe namens FEMALE HERCULES angeschaut. Unter den etwa 500 Leuten waren auch einige Musiker. Hinterher saßen alle gemeinsam an einem Tisch, tauschten Ideen aus, planten Gigs oder entwarfen Fanzines. So was hab' ich in Irland verdammt lange nicht mehr gesehen. Es gibt dort im Moment so viele junge Acts, z. B. die IDIOTS, die sehr langsamen, hypnotischen Rock spielen, schwer zu beschreiben, ein wenig wie JOY DIVISION zu 'Unknown Pleasures'-Zeiten, sehr dunkel und mysteriös. Oder JOYRIDER aus dem Norden, die ein bißchen wie die UNDERTONES klingen und sehr poppigen, melodischen Punkrock machen."
Einflüsse, die auch bei THERAPY? - zumindest seit "Troublegum" - vermehrt zu finden sind. "Das ist richtig, wobei meine Einflüsse bezüglich des Songwritings doch noch stärker bei HÜSKER DÜ oder NIRVANA liegen. 'Infernal Love' ist mittlerweile das vierte Album in Folge. Ich denke, die Leute werden nicht mehr hingehen und sagen: 'Das ist Pop-Punk' oder 'Das ist Grunge', sie werden sagen: 'Das klingt wie THERAPY?'. Dem einen oder anderen wird es mit Sicherheit Schwierigkeiten bereiten, daß man uns in keine Schublade mehr stecken kann. 'Infernal Love' ist eine sehr persönliche Platte geworden, was mit Sicherheit damit zu tun hat, daß ich mein bisheriges Leben inzwischen aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten kann. 'Troublegum' war bestimmt originärer und hungriger und deshalb auch kantiger."
Hört man die verschiedenen THERAPY?-Werke im direkten Vergleich, so erscheint vordergründig eine kontinuierliche Entwicklung von anfangs sehr sperrigen zu immer eingängigeren Sounds. Sicherlich ist der zu Beginn noch sehr resolut residierenden Härte von Release zu Release ein immer größeres Quantum Melodie zugeführt worden, beschäftigt man sich mit "Infernal Love" allerdings intensiver, wird man schnell feststellen, daß die anfangs so leicht verdaulich erscheinenden Popelemente nicht selten mehr Widerstandsgeist zeigen als die groben Lärmbrocken, die einem auf "Nurse" noch um die Ohren flogen. "Den ersten beiden Mini-Alben hört man deutlich an, wie stark wir von BIG BLACK, SONIC YOUTH oder eben HÜSKER DÜ geprägt waren. Es war relativ einfach, sie in eine Schublade zu packen. 'Nurse' war da schon etwas klinischer, experimenteller, 'Troublegum' dagegen mehr Heavy Metal, aber auch wesentlich stärker Pop-beeinflußt. Ich denke, mit 'Infernal Love' können wir es uns leisten, stolz auf das zu sein, was wir sind: Eine dreiköpfige Rockband, die sich einen Dreck darum schert, wo man sie einordnet."



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aus Intro #26 (Juli / August 1995)
 
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