Spermbirds

family values

29.05.1995, 18:55, Text: Autor unbekannt

Im Jahr Zwei der neuen Zeitrechnung mit Sänger Ken hat sich einiges getan. Nach dem vieldiskutierten Comebackalbum \"Shit For Sale\", das mit einem leicht veränderten Sound und ungewohnten Vocalattacken aufwartete, beackerte man erstmal Europa mit ausgedehnten Tourneen. Zufrieden mit der Publikumsresonanz (300 bis 400 Leute) der Headlinertour machte man sich dann daran, neue Songs zu schreiben. Das Resultat \"Family Values\" zeigt vor allem, daß der vor der letzten Platte noch recht unerfahrene neue Sangesknabe einiges gelernt hat und nicht mehr so trendgerecht PANTERA-like singt, sondern sehr viel melodiösere Töne anschlägt. Auch der Rest der Truppe gibt sich deutlich substantieller, die geradlinige Melodie steht wieder mehr im Vordergrund.

\"Es ist eindeutig eine Bauchplatte geworden. Sie ist ungeschliffener, direkter als der Vorgänger, einfach drauflos gespielt\", erklärt Gitarrist Roger Ingenthron.
Sicherlich eine Entscheidung, die damit zu tun hat, daß alte Fans die neue Marschroute nicht ganz mitgehen wollten. \"Viele denken bei den SPERMBIRDS in erster Linie an Lee Hollis, der ja jetzt 2BAD frontet\", gibt Roger zu. \"Wir haben wohl 50% unseres alten Publikums verloren, vor allem das aus der HC-Ecke. Die Leute, die schon vorher auf Metal standen - wir haben ja immer beide Lager angesprochen-, sind uns aber nicht nur erhalten geblieben, wir haben sogar sehr viele Fans aus dieser Richtung neu gewinnen können. Wer uns in die Tough Guy-Ecke zu drücken versucht, der hat uns sowieso nie verstanden. Wie wohl paßt dieses überflüssige Gehabe mit den Fotos der letzten zwei Platten zusammen?\" Allerdings. \"Shit For Sale\" wartete mit fröhlichen, auf öffentlichen Klos geschossenen Bildern auf ...
Auch covertechnisch hat man wieder ordentlich zugeschlagen, und zwar nach einer Idee von Ken. \"Der hat auch gleich die Ausführung übernommen und die Hochschwangere mit dem Spermavogel auf dem nackten Bauch fotografiert. Wir haben zwar durchaus ernste Texte mit wichtigen Inhalten, wollen durch solche Cover und Fotos, die bei uns ja schon Tradition haben, aber vermitteln, doch nicht alles nur bierernst zu sehen. Wir sind keine negative Band.\"
In diesem Zusammenhang fallen zwei Stücke des Albums sofort aus dem Rahmen. Zuerst \"Popsong\", die erste Single- und Videoauskopplung, die sich mit dem derzeitigen Punkrock-Hype und der Gedankenlosigkeit vieler Texte auseinandersetzt. \"What can I say to make you think that I'm special? Cause that's what I want to be. (...) This song makes you feel good, cause if it don't, then I won't get paid.\" Dann \"Kaiserslautern Über Alles\", das mit Zitaten von u.a. DEAD KENNEDYS, BIOHAZARD, HEADCRASH, DOGEATDOG, CLAWFINGER und DOWNSET gespickt ist. Roger: \"Es ist Kens Hobby, andere Sänger zu imitieren, und für die neue Platte fand er das ziemlich witzig. Wir anderen haben nebenher noch Projekte wie eben HEADCRASH oder WALTER ELF, haben gewissermaßen den Crossover vor der Haustür, er jedoch ist nicht ganz ausgelastet, die SPERMBIRDS sind seine einzige Beschäftigung, und daher hat er manchmal recht eigenartige Ideen. Die Langeweile, die er in dem Dorf Kaiserslautern verspürt, schlägt sich in den Würggeräuschen im Chorus nieder.\" Garantiert abwechslungsreich wird die nächste Zeit werden: Zuerst will man die Platte in einigen Medienstädten live vorstellen, dann einige Open Airs wie beispielsweise das Bizarre mitnehmen und schließlich im Herbst erneut ganz Europa beackern. Ob als Hauptact oder als Support steht noch nicht fest, doch es gilt die Devise: \"Lieber vor 300 Freunden als vor 2000 Konsumenten.\"



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aus Intro #25 (Juni 1995)
 
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