Fugazi
autonomie ist der weg - nicht das ziel
27.05.1995, 22:12, Text: Autor unbekannt
Die gute Tante TAZ schrieb 1992 einmal: \"Jenseits aller musikalischen Bewertungen garantieren sie den Fans ein Höchstmaß an Ehrlichkeit, an verdientem Vertrauen, an Hoffen auf eine andere, bessere Welt\" und \"Sie werden irgendwann die letzten sein, die keinen Industrievertrag angenommen haben. Das macht sie so wichtig\" (Thomas Winkler, TAZ, 30.06.92). Wir schreiben das Jahr 1995, und FUGAZI sind auch ohne Major-Deal mit ihrem neuen Album \"Red Medicine\" von Null auf 18 in den offiziellen britischen Charts eingestiegen. Ian MacKayes Aussage zum großen Underground-Ausverkauf nach dem Boom des befreundeten \"SubPop\"-Labels: \"Ich persönlich traue den Major-Plattenfirmen nicht, aber ich habe in den letzten zehn Jahren auch hart gearbeitet, so daß ich nicht darauf angewiesen bin, ihnen zu trauen\" (Out Of Step, 01/92).
Die Mechanismen des Marktes werden strikt ignoriert, als auf FUGAZI nicht zutreffend abgelehnt und, wenn repressiven Charakters, nicht nur unterlaufen, sondern mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. FUGAZI war immer vor allem daran gelegen, so viel Kontrolle wie möglich über das eigene Produkt zu haben. Außer der bereits erwähnten Verneinung jeglicher Promotion-Aktivitäten der definitive Grund zur Verweigerung einer Video-Produktion für den MTV-Einsatz. Sich von einem Meinungsmanipulator in einer solchen Monopolstellung ohne die Möglichkeit einer sinnvollen persönlichen Einflußnahme benutzen zu lassen, ist für MacKaye völlig indiskutabel: \"MTV ist ein Schädling!\" (Burn, 03/90).
Aus dem Bestreben, ihr Recht auf absolute Autonomie ohne Abstriche zu vertreten, leitet sich genauso selbstverständlich der Anspruch ab, diese auch ihrem Publikum zuzugestehen. Wenn FUGAZI sagen, der Zuhörer muß für sich selbst klarmachen, wie er ihre Musik aufnimmt oder mit ihr umgeht, entziehen sie sich nicht der Verantwortung ihren Fans gegenüber, sondern messen diese mit den Maßstäben, die sie an sich selbst anlegen. \"Die Leute kommen aus den unterschiedlichsten Gründen, und jeder kann das mitnehmen, was er will. Es ging uns nie um eine größtmögliche Übereinstimmung mit unserem Publikum. Viele kommen einfach nur um zu tanzen, viele kommen, weil sie mit dem übereinstimmen, was sie glauben, in der Band zu sehen.\" FUGAZI geben keine Anleitungen, sondern machen Musik. Die Band erwartet vom Fan nicht, sich als Gegenleistung für die musikalische Gabe mit ihren Ideen und Anliegen gemein zu machen. Wenn die Fans ihre Vorstellungen teilen und unterstützen, so ist das sicherlich gut, sinnvoll allerdings nur, wenn sie aus eigenem Antrieb dahin kommen.
FUGAZI haben mittlerweile vier Alben und zwei Mini-LPs veröffentlicht - alle bei \"Dischord\". Wie, mal abgesehen von einer 3-Song-EP für den \"SubPop\"-Single-Club, überhaupt alle FUGAZI-Releases. Ian MacKaye hat \"Dischord\" 1980 mitbegründet, um eine 7\" seiner damaligen Band TEEN IDLES veröffentlichen zu können, und ist seitdem Miteigentümer des Labels, dessen Zielsetzung bis heute ausschließlich die Dokumentation einer bestimmten Washingtoner Szene beinhaltet.
\"Alles, was ich in den vergangenen zehn Jahren getan habe, verband sich mit dem Label und den dort erscheinenden Bands. Es wurde als Ausdrucksmöglichkeit für die Gemeinschaft gegründet und dokumentiert alles, was musikalisch bei uns abgegangen ist. Daran hat sich nichts geändert, und sollte diese Gemeinschaft sterben, geht auch das Label ein. Wir bringen Platten von unseren Freunden in D.C. heraus. Musikalische Kriterien sind dabei zweitrangig. Wir haben kein Interesse an uns persönlich kaum oder gar nicht bekannten Bands. Wir sind kein Rock'n'Roll-Label. Wir sind keine Schallplatten-Gebärmaschine. Wir ziehen unser lokales Ding auf kleiner Ebene durch, nicht weil wir an vielen anderen Bands nicht interessiert sind, sondern weil wir keinen Bock haben, mit Bands am Telefon Ferngespräche über geschäftliche Dinge zu führen. Darum schließen wir mit unseren Gruppen auch keine Verträge ab. Ich träume immer noch davon, daß die Bands und Musiker in ihren Städten das gleiche machen wie wir. Dies war eine der Anfangsideen, nämlich eine Independentlabel-Koalition zu gründen.\"
Spricht man von DC-Hardcore (oder von Emo-Core), spricht man von \"Dischord\"-Acts, was im Prinzip kaum Sinn macht, da ein einheitlicher DC-Sound nicht existiert und man die Bands eigentlich nur über ihr soziales und politisches Engagement sowie die Label-Zugehörigkeit gemeinsam definieren kann. \"Ich denke, einen 'Dischord'-Sound gibt es nicht. Das ist nur eine Erfindung der Medien und anderer Leute, weil die auf der Cover-Rückseite immer dieselben Adressen sehen und daraus Schlüsse ziehen. Ich glaube, die Bands klingen jede für sich ganz eigen. Man sollte sie nicht in einen Topf werfen. Unabhängig von den Schubladen stehen die Bands für sich.\"
Nachdem Ian MacKaye in den frühen 80ern mit seiner damaligen, den legendären Ruf des Labels begründenden Band MINOR THREAT unfreiwillig zur Ikone einer nach seinem gleichnamigen Song \"Straight Edge\" benannten Bewegung wurde - aus deren Credo \"ein gesunder Geist in einem gesunden Körper\" deren späterer Vorturner, Ex-\"Dischord\"-Artist Henry Rollins (die Single seiner ersten Formation STATE OF ALERT war \"Dischords\" zweiter Release), \"ein genialer Geist in einem Workout-gestählten Körper\" machte -, die Band sich 1983 aber dem ständig wachsenden Erfolgsdruck durch Auflösung entzog, spielte er eine Zeit lang bei EMBRACE und gründete schließlich FUGAZI, deren erste, selbstbetitelte Mini-LP allerdings erst 1988 erschien. Der darauf enthaltene Song \"Waiting Room\" ist wohl bis heute ihr größter Hit und findet sich noch immer im Programm jeder gutsortierten Indie-Disco. Nach der Veröffentlichung einer weiteren Mini-LP, \"Margin Walker\" (1989), war ihr '90er Produkt \"Repeater\", kurz nach einer 7\"-Single mit dem sinnigen Titel \"Three Songs\" veröffentlicht, ihre erste Full-length-LP. \"Repeater\" vollbrachte ebenso wie die Vorgänger-Platten die Glanzleistung, simpelste, durchsichtige Punk/Rock-Partikel aus überkommenen Zusammenhängen gelöst zu einer neuen, dynamischen, aber offenen Struktur zu verdichten, in der Härte nicht mehr schlechte Haltung, sondern Ausdruck der in instrumentaler Interaktion entstandenen Beziehung dieser vom Abziehbild befreiten Bausteine zueinander ist. FUGAZI-Stücke sind im Gegensatz zu dem, was man im herkömmlichen Sinne unter Hardcore versteht, tanzbar, denn sie sind funky. FUGAZI kicken den Beat, und die Vocals haben einen unvergleichlichen Flow. Ein Spannungsbogen, wie er bei \"Waiting Room\" mittels einer knarzig swingenden Rhythmusgruppe, die langsam aber sicher von einer Stakkato-Gitarre überrollt wird, bis nach viel zu kurzer Zeit alles stoppt, innehält und genau den richtigen Moment zu spät explodiert, aufgebaut wird, kenne ich so spartanisch hart und perfekt inszeniert eigentlich nur von HipHop- oder gar House-Platten. Möglicherweise liegt es ja auch daran, daß sowohl MacKaye als auch Guy Picciotto viel HipHop hören, vielleicht aber auch daran, daß man sich in Washington D.C. den Einflüssen der immer sehr präsenten GoGo-Szene kaum entziehen kann. Immer wieder versuchten \"Dischord\"-Aktivisten, gemeinsame Projekte mit GoGo-Künstlern zu starten, in 99,9% der Fälle waren die Versuche allerdings zum Scheitern verurteilt. So haben zum Beispiel schon MINOR THREAT mit TROUBLE FUNK zusammengespielt, aber auch hier ging die Idee, die schwarzen und weißen Kids gemeinsam in die Show zu holen, nicht auf.
Will man die FUGAZI-Veröffentlichungen komplett angeben, darf man allerdings auch ihren Beitrag zum (wie \"Margin Walker\") 1989 erschienenen \"State Of The Union\"-Sampler nicht vergessen, einer Platte, die von Positive Force D.C. - einer von Ian MacKaye als \"Punk Political Group\" bezeichneten Organisation, die einen Großteil der Benefizveranstaltungen organisiert, bei denen FUGAZI zu Hause in Washington nahezu ausschließlich auftreten - zusammengestellt und von \"Dischord\" veröffentlicht wurde.
1992 erscheint mit \"Steady Diet Of Nothing\" FUGAZIs zweites Album. Im großen und ganzen etwas ruhiger und filigraner als der Vorgänger, lebt auch diese Platte wieder von den ewig langen Breaks. Die Songs sind ein wenig vertrackter, die Rhythmik noch ausgefeilter, und potentielle Hits treten zugunsten des Ganzen etwas in den Hintergrund. Trotzdem wurden Titel wie \"Exit Only\" oder \"KYEO\" echte FUGAZI-Klassiker. \"In On The Killtaker\" schließlich, das 1993 das Licht der Welt erblickte, geht noch einen Schritt weiter, lauter, abgedrehter, und die Rhythmusgruppe tritt noch mal einen Schritt weiter in den Vordergrund. Die Breaks beginnen bewußt die Tracks zu zerstückeln. \"Smallpox Champion\" zum Beispiel kann man kaum noch als durchgehenden Song bezeichnen. Da wo FUGAZI anfangs funky waren, wirkt der Beat jetzt geradezu zerstörerisch. Songs wie \"Sweet And Low\" oder \"Cassavetes\" haben einen gnadenlos tödlichen Groove. \"Last Chance For A Slow Dance\" schließlich ist Lärm pur und reißt Dir den Kopf von den Schultern. Wer allerdings nach Sounds Marke \"Waiting Room\" oder \"Suggestion\" gesucht hat, wird wohl kaum fündig geworden sein. Bei \"Red Medicine\" dürfte das allerdings gelingen. Das neueste Werk vereint die brachiale Grundstimmung von \"In On The Killtaker\" mit den Hitqualitäten von \"Repeater\". Roter Faden auch hier wieder: Nur wer die Kontrolle über sich selbst vollständig ausübt, kann auch die hundertprozentige Verantwortung über sein Handeln übernehmen.
Discography
TEEN IDLES
- Minor Disturbance (7\") 1980
MINOR THREAT
- 8 Song EP (7\") 1981
- In My Eyes (7\") 1981
- Out Of Step (MLP) 1983
- Same (8 Song EP + In My Eyes) (LP) 1983
- Salad Days (7\") 1983/85
- Live At The 9:30 Club (VC)
- Complete Discography (contains all MT-Releases) (CD) 1989
EMBRACE
- Same (LP)
FUGAZI
- Same (MLP) 1988
- Margin Walker (MLP) 1989
- 13 Songs (Same + Margin Walker) (CD) 1989
- 3 Songs (7\") 1989
- Repeater (LP) 1990
- Repeater + 3 Songs (CD) 1990
- Steady Diet Of Nothing (CD/LP) 1991
- In On The Killtaker (CD/LP) 1993
- Red Medicine (CD/LP) 1995
FUGAZI sind
- Brendan Canty (Drums)
- Joe Lally (Bass)
- Ian MacKaye (Guitar, Vocals)
- Guy Picciotto (Guitar, Vocals)
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