Paradise Lost

volltreffer versenkt!

11.05.1995, 21:17, Text: Autor unbekannt

Nach dem Riesenerfolg des letzten Albums - zumindest auf dem europäischen Festland - dürfte das Quintett aus Yorkshire für die neue Produktion unter einem enormen Druck gestanden haben, schließlich schüttelt man einen so großen Wurf wie \"Icon\" nicht einfach aus dem Ärmel. Dachte ich wenigstens, doch Aaron überzeugt mich vom Gegenteil: \"Wir haben alle Stücke innerhalb eines halben Jahres geschrieben und zwischendurch immer Demos gemacht. So hatten wir praktisch alles fertig, als wir ins Studio gingen. Im nachhinein haben wir nur ein paar Keyboardpassagen in 'I Saw Your Face' verändert, alles andere ist so geblieben, wie es vorgesehen war. Um nicht unnötig Zeit während des Studioaufenthalts zu vergeuden, haben wir vorher jedes Detail ausgearbeitet.

Okay, wir haben uns natürlich selbst ein wenig unter Druck gesetzt. Immer das jeweils letzte Album ist der Standard, und mit dem nächsten willst du diesen Standard übertreffen. Wir hatten eine sehr komfortable Ausgangsposition, denn wir wußten, daß wir gute Songs geschrieben hatten, die wir eigentlich nur noch aufnehmen mußten. Druck von außerhalb haben wir allerdings nicht verspürt.\"
Die Aufnahmen zu \"Draconian Times\" fanden in ländlicher Abgeschiedenheit in den Ridge Farm Studios statt, gar nicht unweit der Stätte, wo \"Icon\" aufgenommen wurde. Sie würden die idyllische Atmosphäre auf dem Land bevorzugen, erklärt mir Aaron, da man dort durch nichts von einem Vorhaben abgelenkt werde. \"Der einzige Nachteil ist, daß du sehr lange Wege zurücklegen mußt, wenn du etwas brauchst, aber ansonsten kannst du tun, was du willst. Keiner erfährt irgendetwas, außer vielleicht die Natur, aber die kann ja nichts ausplaudern.\"
\"Draconian Times\", was soviel bedeutet wie \"harte Zeiten\", ist in jeder Hinsicht ein wesentlich offeneres Album als sein Vorgänger, sowohl produktionstechnisch wie auch musikalisch haben P.L. noch einmal zugelegt. Die einzelnen Songs wirken durch unterschiedliche Tempi abwechslungsreicher, die Hooklines sind griffiger bzw. kommerzieller und somit auch einem Massenpublikum zugänglicher geworden. \"We don't call it commercial, usually we say it's more accessible! Wir haben die Stücke nicht geschrieben, weil wir nun unbedingt darauf aus sind, daß sie im Radio gespielt werden, sondern in erster Linie, weil sie genau unseren Hörgewohnheiten entsprechen. Vielleicht wären es auch dann unsere Lieblingsstücke, wenn jemand anders sie geschrieben hätte. Es geht vordergründig erst einmal darum, unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn jemand anderem die Stücke gefallen, schön! Außerdem kommen die neuen Songs unserem Liveprogramm sehr entgegen. Wenn du immer nur diesen absolut harten Stoff spielst, kann das auf Dauer ganz schön langweilig werden. Nun kann man altes und neues Material miteinander mischen, und der ganze Set wirkt gleich viel frischer, vielfältiger\", erläutert mir Aaron seine Meinung zu den eingängigen Arrangements. Dem kann man gerne Glauben schenken, denn PARADISE LOST gelten als sehr ehrliche, umgängliche Charaktere.
\"Es macht uns natürlich stolz, daß unsere Platten auch anderen Menschen gefallen, aber deswegen den Erfolg vor alles andere zu stellen, halte ich für falsch. Wenn man zuviel darüber nachdenkt, verliert man den Bezug zur Realität. Zu Hause gehen wir in die gleichen Supermärkte und Pubs wie jeder andere auch. Wir sind doch nicht heilig, nur weil wir ein paar tausend Platten verkauft haben. Klar, in der letzten Zeit waren häufig Artikel über uns in der englischen Presse, so daß wir auch in unserer Heimat des öfteren erkannt werden. Ich stehe zwar nicht so gerne im öffentlichem Interesse, aber hier und da mal ein Autogramm zu geben, ist okay. Im Grunde unterhalte ich mich aber lieber mit den Leuten, wenn sie nett sind, anstatt Trophäen zu verteilen\", gibt Aaron zu Protokoll.
Im Gegensatz zum großen Erfolg in hiesigen Breiten war es im Inselreich bisher eher ruhig um P.L.. Das zeigt sich allein daran, daß die Briten in Deutschland sechsmal so viele Platten verkauften wie in ihrer Heimat, was jedoch ihrer Verbundenheit zum Geburtsland keinen Abbruch zufügt. Zusätzlich dokumentiert wird diese Verbundenheit durch eine Coverversion des SISTERS OF MERCY-Songs \"Walk Away\", die auf der ersten Singleauskopplung \"The Last Time\" zu finden ist und mit der sich die Band als Liebhaber alter Gothic-Klassiker outet. \"Die SISTERS OF MERCY wurden seinerzeit nur 16 Meilen von uns entfernt gegründet. Nick und Greg sind große Fans ihrer frühen Sachen, und ich mag sie eigentlich auch. Wir hatten schon lange vor, etwas von ihnen zu covern, konnten uns aber auf kein Stück einigen. Der kleinste gemeinsame Nenner war dann 'Walk Away' vom 'First And Last And Always'-Album. Unser Ziel war es, das Stück nicht zu verändern, sondern ihm nur einen zeitgemäßeren Sound zu verpassen.\"
Eine Veränderung gab es unterdessen im Line-up der Band. Der langjährige Schlagzeuger Matt Archer mußte seinen Platz an einen gewissen Lee Moris abtreten. \"Als wir anfingen, zusammen zu spielen, waren unsere Fähigkeiten an den Instrumenten sehr begrenzt. Im Laufe der Zeit, besonders aber in den letzten zwei Jahren, haben wir uns enorm verbessert. Er selbst hatte es gemerkt und war deshalb auch der Meinung, daß es das Beste sei, getrennte Wege zu gehen\", begründet Aaron den Wechsel. \"Jetzt arbeitet Lee für Vanessas 'Headbanger's Ball'. Wir haben sehr häufig Kontakt, schließlich ist er einer meiner besten Freunde.\" Dem neuen Album ist die personelle Veränderung durchaus anzumerken. Mit Lee Moris scheint die Band einen guten Fang gemacht zu haben, denn er wertet das neue Material durch seine frischen Ideen um einiges auf.
Bezüglich der Texte fühlt sich Aaron nicht ganz so zuständig, da sämtliche lyrischen Ergüsse aus der Feder von Sänger Nick Holmes stammen. \"Nicks Texte basieren auf sehr persönlichen Dingen, die seine Beobachtungen reflektieren. Viele Texte sind vordergründig von negativer Natur, weil wir aus Verhältnissen stammen, in denen man sehr stark die harten Seiten des Lebens zu spüren bekommt. Deshalb sind wir aber nicht negativ eingestellt. You can say we're optimistic pessimists!\"



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aus Intro #25 (Juni 1995)
 
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