Chandeen

auf der suche nach dem klang des nordens

10.05.1995, 16:04, Text: Autor unbekannt

Dabei bedeutet Ambient in bezug auf \"Jutland\" nicht, daß es sich hier nur um undurchsichtiges Gewaber handelt. Im Gegenteil: außer drei atmosphärischen Instrumentalstücken dominieren zwar ruhige, aber doch stark durchstrukturierte Popsongs wie \"Ginger\" oder die Maxi \"Strawberry Passion\", die sogar schon im Hauptprogramm von Radio FFN liefen. Was aber auffällt, ist der geschlossene Eindruck des Albums, eine durchgehende Grundstimmung von organischer Wärme. Dies sei ein eindeutiges Resultat des Aufnahmeprozesses, erklärt Harald Löwy: \"Auf unserem Debüt 'Shaded By The Leaves' befindet sich noch Material aus fast drei Jahren, was manchem etwas konfus vorkommen kann.

Diesmal wollten wir uns über längere Zeit völlig isolieren und so ein richtiges Konzeptalbum machen. Alle Kompositionen auf 'Jutland' haben wir innerhalb von fünf Wochen in einem einsamen Haus in Dänemark gemacht, das wir in ein kleines Studio verwandelt haben.\"
Diese Arbeitsweise, die Abgeschiedenheit und Einsamkeit, ist allen Songs deutlich anzuhören. Etwas der übrigen Welt entrückt beschreiben die Lieder Zustände und Stimmungen, die sich in der Gesamtheit des Albums zu einem einheitlichen Stimmungsbild zusammensetzen. Besonders die langen Instrumentalpassagen (z. B. beim Titelsong) vermitteln träumerische Visionen, die nicht selten wie Musik zu einem Film wirken. Und solch ein Film müßte die Umgebung zeigen, in der die Aufnahmen entstanden - die dänischen Fjordlandschaften, deren Einfluß sich Oliver Henkel und Harald Löwy bei der Komposition der Musik stellten. \"Unser Haus lag direkt am Meer. Der nächste größere Ort war ca. 80 km entfernt, es gab nur einen kleinen Supermarkt, keine Touristen ... Wir haben uns völlig der Umgebung ausgeliefert, nur an unserer Musik gearbeitet und Spaziergänge gemacht. Eine solche Konzentration wäre in Frankfurt nicht möglich gewesen.\"
Die flächenhafte Organisation der Songs entspricht sehr dieser Arbeitsweise, aus einem Gefühl heraus die Musik entstehen zu lassen. Häufig wurden auch Umweltgeräusche direkt aufgezeichnet und in die Kompositionen eingebaut - den DAT-Recorder als akustische Botanisiertrommel auf Spaziergängen immer dabei. Und dies entspricht eigentlich auch dem ursprünglichen Ambient-Konzept: sich völlig auf den Umraum einlassen und ihn in seine Arbeit miteinfließen lassen.
Parallel zu den Aufnahmen in Dänemark arbeiteten in Frankfurt die beiden Sängerinnen Antje Schulz und Catrin Mallon an den Melodien und Texten. Die getrennte Aufnahme von Musik und Gesang war nicht anders möglich, stellt aber auch eine subjektive Filterung der Songaussage durch die Interpretation der Sängerinnen dar. \"Wir hatten völlig freie Hand bei der Gestaltung der Texte\", meint Antje, \"wir haben uns die Tapes angehört und dann entschieden, was wir daraus machen wollen. Die Musik alleine gab uns eine ziemlich klare Vorstellung des fertigen Songs, manchmal haben uns Harald und Oliver auch kurze Notizen über die Grundstimmung der Titel mitgeschickt.\"
Zuletzt noch eine gute Nachricht: Die Gruppe hat sich nicht aufgelöst, in alter Besetzung, d.h. Harald Löwy und Antje Schulz, wird es weitergehen. Bereits während der Endbearbeitung des Materials im Studio war den beiden männlichen Musikern von CHANDEEN klar, daß dies ihr letztes gemeinsames Projekt sein würde. Statt Oliver Henkel und Catrin Mallon wird in Zukunft Michael Schwalm mehr in den Vordergrund treten, der bereits für das großartige Artwork von \"Jutland\" und den Text zu \"Ginger\" zuständig war.
Spannend wird die Umsetzung der Platte in ein Live-Konzept, welches im Laufe des Junis auf mehreren Konzerten vorgestellt werden soll. Dabei sollen noch mehr akustische Instrumente zum Einsatz kommen, wenn sich die Vorstellungen von Harald realisieren lassen.



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aus Intro #25 (Juni 1995)
 
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