Fettes Brot
wir sind schon irgendwo eine bravo-kompatible band!
05.05.1995, 10:37, Text: Autor unbekannt
INTRO: \"Männer\" rotiert auf VIVA, ihr entert die Pop-Charts. Inwieweit fühlt ihr euch als Pop-Act?
FETTES BROT: Von Seiten VIVAs z. B. ist wenig Promotion gelaufen. Gut, ich war bei Freestyle und lese meine Auftritts-Daten vor. Aber mehr passiert da nicht. Ich behaupte auch, daß DIE KLASSE VON '95 ein Underground-Konzert ist. Ich will jetzt gar nicht mal \"Jam\" sagen, weil es ist schon was anderes als eine Jam. Aber es ist definitiv kein Majording, das in allen Städten mit großer Promo angekündigt worden ist. Ich denk' da vielleicht auch in anderen Dimensionen. Andere Bands werden wesentlich mehr beworben.
INTRO: Laß uns über eure aktuelle LP (\"Auf Einem Auge Blöd\", INTERCORD) sprechen.
FETTES BROT: Das ist definitiv keine Pop-Platte! Ich glaube, die Leute auf unseren Konzerten merken auch, daß das kein Pop ist. Es ist sicherlich keine Musik, die so Hardcore kommt. Und die Platte mag auch dem einen oder anderen Pop-Hörer gefallen. Das find ich aber nur positiv!
INTRO: Würdest du sagen, der Longplayer ist \"populär, ohne Pop zu sein\"?
FETTES BROT: Find' ich in Ordnung. Wir sind schon irgendwo eine Bravo-kompatible Band. Es ist auch nichts aufgesetzt von dem, was wir machen. Und wenn wir damit in die Bravo kommen, dann ist es okay! Wenn ich auch nur einen Pop-Hörer mit unserer Musik begeistern kann, dann ist das ein Gewinn. Deswegen ist es uns auch hier auf der Tour wichtig zu zeigen, wer wir sind. Und wer auf unsere Jams kommt, wird sehen, daß FETTES BROT definitiv 'ne HipHop-Band ist. Da muß ich mich nicht hinstellen und sagen: \"Hey! HipHop ist Rappen-Graffiti-Breakdance-Djing\". Die Leute wissen das sowieso. Wenn wir das irgendwo in den Medien sagen können, machen wir das, z. B in einem Interview mit der Bravo.
INTRO: Ist dann deiner Meinung nach FETTES BROT die Teenager-Musik der Zukunft?
FETTES BROT: Sicher sprechen wir damit auch Teenager an. Aber die heutigen Teenager sind vielleicht die HipHopper von morgen. Vielleicht.
INTRO: Inwieweit sind \"Container Records\" und SuperMario für euren musikalischen Geschmack und Erfolg verantwortlich?
FETTES BROT: \"Container Records\" ist ein Label aus Hamburg, das vorwiegend Techno produziert und mit dem wir an sich nichts zu tun haben. In Hamburg ist es allerdings - wie wahrscheinlich in anderen Städten auch - so, daß sich die Leute, Labels und Studios untereinander kennen, und das ist so was wie 'ne Family. Zu \"Yo Mama Records\" gehört \"Container Records\" irgendwie dazu. Und dort ist dieses Studio entstanden, wo ursprünglich viele Techno-Bands aufgenommen haben. Der SuperMario ist unser Ton-Ingenieur, der seinem Namen wirklich alle Ehre macht. Ich möchte mit keinem anderen zusammenarbeiten, das ist ein Gott, das ist ein Musik-Gott.
INTRO: Die Frage zielt darauf ab, ob er die ganzen Tracks für euch vorproduziert.
FETTES BROT: Nein. Wir gehen mit mehr oder minder vorbereiteten Instrumentals ins Studio, Mario gibt dann ab und zu mal Anstöße und Ideen, wir fragen ihn nach seiner Meinung, oder er sagt \"Hey Moment! Wartet. Ich habe 'ne geile Idee, ich habe noch 'ne geile Snare, hört euch mal an, wie die klingt!\" Dafür ist er verantwortlich - und als Ton-Ingenieur natürlich für den Mix.
INTRO: Welche Schritte und neuen Wege habt ihr mit FETTES BROT begangen?
FETTES BROT: Wichtig finde ich, daß HipHop ehrlich ist, daß du zu dem HipHop, den du machst, 100%ig stehst und daß das wirklich von dir kommt. Und daß die Leute, wenn sie dich kennenlernen, sagen: \"Hey, das ist genau der Schiffmeister.\" Man sollte nur darüber rappen, wozu man wirklich was sagen möchte. Wir haben auch Sachen gemacht, die thematisch sehr HipHop-untypisch sind, z. B. \"Männer\". Ich glaube, daß es bisher noch keine solch kritische Auseinandersetzung mit dem Thema \"Mann und Frau und Gleichberechtigung\" gegeben hat. Es ist aber einfach ehrlich, weil es ein Thema ist, womit wir uns beschäftigen und wozu wir was sagen wollen.
INTRO: Wie siehst du den Hauptunterschied zwischen FETTES BROT und DER TOBI & DAS BO?
FETTES BROT: Unser Humor ist vielleicht etwas zynischer und ihrer etwas subtiler, versteckter. Wobei ich glaube, daß TOBI & DAS BO viel mehr mit den Worten spielen. In anderen Ländern ist es völlig normal, daß diese Vielfältigkeit existiert. In Amerika denkt niemand mehr darüber nach, da gibt es PUBLIC ENEMY und einen BIZ MARKIE. Dieser Pluralismus innerhalb der HipHop-Szene hat durchaus seine Berechtigung, auch in Deutschland, daß es Gruppen gibt wie ADVANCED CHEMISTRY oder BOULEVARD BOU, die sehr viel Wert auf ihre politische Aussage legen.
INTRO: Und was meinst du, auf welchem Level sich die deutsche Rap-Szene im Vergleich zur amerikanischen bewegt?
FETTES BROT: Im Vergleich zu Amerika denk ich mal, daß wir, die wir einen Major-Vertrag haben und sicher auch bei Heike Makatsch und Stefan Raab in der Sendung sind, sicher noch was zu bewahren haben, was in Amerika vielleicht schon verloren gegangen ist.
INTRO: Meinst du nicht, daß ihr einfach nur ein Teil des Unterhaltungs-Klamauks im Musikgeschäft seid? Die Pausen-Clowns?
FETTES BROT: Ich denke, diese Sichtweise wird sich geben. Vor zwei bis drei Jahren war es wichtig zu sagen, daß HipHop mehr ist als die FANTA 4. Gerade in den Medien. Ich denke, das ist bei vielen angekommen. Ich treffe auch immer mehr Journalisten, die das geschnallt haben, u. a. auch durch ADVANCED CHEMISTRY. Ich denke, genauso wird es auch jetzt sein. Dadurch, daß Gruppen wie FETTES BROT oder DER TOBI & DAS BO Major-Verträge haben und ziemlich im Medien-Interesse stehen. Zum Thema \"Fun-Rap\" und Startum: Natürlich ist das im Moment so eine Phase, ich hoffe ganz einfach, daß andere HipHop-Gruppen denselben Weg wie wir gehen.
INTRO: Du würdest also sagen, daß ihr Türen aufstoßt für andere unbekanntere deutsche Rap-Crews?
FETTES BROT: Sozusagen. Wir haben anderthalb Jahre lang gekämpft für den Vertrag, den wir jetzt haben. Ich hab' jedes Wort darin verstanden. Wir haben mit dem Management, mit dem Label \"YO MAMA\", mit Andre Luth, dafür gekämpft - genau wie DER TOBI & DAS BO -, daß wir den Vertrag bekommen, den wir haben wollen, daß wir wirklich BESTIMMEN, wo wir hingehen, wer was über uns schreibt, wie wir unsere Musik machen, wie unsere Promotion aussieht. Was natürlich 'ne Schweinearbeit ist, aber andererseits haben nur WIR es letztendlich zu entscheiden. In anderen Ländern läuft es genauso - mit DEF JAM oder anderen. Die haben genauso Labelverträge wie der Roey Marquis mit \"Sony\" und \"Ruff'n'Raw\". Wir kommen als HipHop-Szene einfach nicht drumrum, mit Major-Labels zu dealen.
INTRO: Meinst du wirklich, daß die breite Masse für deutschen Rap abseits vom Fun-Rap-Format Interesse zeigen würde?
FETTES BROT: Sollte sie! Warum hat CORA E noch nicht mal zehn Platten rausgebracht? Warum? Schade drum. Wenn die Leute sich wirklich drauf einlassen und nicht grundsätzlich denken, daß Major Satan ist, dann kann man auch den Vertrag erreichen, den man haben will.
INTRO: Die Folge des FANTA 4-Erfolges war das hemmungslose Verbraten solcher Klone wie REIMBANDITEN oder G2, die im Stromwasser von den Stuttgartern schipperten. Was denkst du, wird die Musikindustrie-mäßige Konsequenz aus eurem Erfolg sein?
FETTES BROT: Eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Wie gesagt hoffe ich eben, daß wir anderen Gruppen damit helfen.
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