Björk

simpel und ziemlich normal?

01.05.1995, 13:49, Text: Autor unbekannt

Das Rezept der 29jährigen ist eigentlich ganz einfach. Wenn sie Songs schreibt oder auf der Bühne steht, wird sie eins mit ihrer Komposition, verschmilzt quasi mit ihren Liedern. \"Es kommt nur darauf an, deinem Instinkt zu folgen. Die größte Rolle der Musik ist doch, daß du dich darin vergessen kannst. Wenn ich singe, bin ich nicht mehr ich selbst, sondern werde der Song. Genauso ist es beim Sex. Wenn es wirklich gut ist, wirst du das Ereignis selbst und verlierst dein Ego.\"
Wir sprechen über die Klischees, die vermeintlich einfallsreiche Medienkollegen mit BJÖRKs Person verbinden: BJÖRK, die Prinzessin aus dem Eis; BJÖRK, die niedliche Kindfrau; BJÖRK, das große Rätsel.

\"Ich fühle mich sehr geschmeichelt, wenn Leute mich für geheimnisvoll halten. Ich selbst empfinde mich als simpel, offensichtlich und ziemlich normal. Aber ich mag die mysteriösen Dinge im Leben sehr, wie rätselhafte Bücher oder Filme.\" Also bedarf das Bild, das die Medien von ihr zeichnen, einer Korrektur? BJÖRK, die Durchschnittsfrau, die zufällig ein paar grandiose Lieder schreibt? \"Ach nein, ich finde es gut, wenn jeder über mich denkt, was er will. Es ist wie mit dem Fluß da draußen. Von hier oben sieht er ganz anders aus, als wenn wir ihn von einem der Schiffe aus betrachten würden. Es kommt auf die Perspektive an. Die Leute, die ein Foto von mir sehen, sehen mich nicht wirklich, sondern die Frau, die die Songs macht. Es ist in Ordnung, wenn jemand denkt, ich sei ein komischer Eskimo. Vielleicht sollte man ihm sagen, daß es in Island keine Eskimos gibt und daß ich nicht merkwürdig bin, sondern mit beiden Beinen auf dem Boden stehe, aber das würde seine Meinung sowieso nicht ändern. Die Leute sollen ruhig denken, ich wäre ein Hippie oder eine Feministin. Ich finde jede individuelle Meinung über mich interessant. Wäre doch langweilig, wenn jeder das gleiche von mir denken würde.\"
\"Post\" heißt das neue Album deshalb, weil BJÖRK die Songs alle in London geschrieben hat und nun im übertragenen Sinne nach Island schickt. Ein Brief, der bekundet, daß es ihr auch in der Fremde gutgeht. Auch diesmal arbeitete BJÖRK mit Nellee Hooper zusammen, der schon \"Debut\" produzierte. Die beiden setzen ihre eigenen Standards, schaffen extrem zeitgemäße Danceklänge, die äußerst eigenständig und unverwechselbar sind. \"Wenn ich Songs schreiben würde, die es schon gibt, könnte ich auch als Hausfrau in Island alt werden. Es ist mir schon wichtig, neue Ideen in die Musik einzubringen. Sicher ist Techno eine der innovativsten Musikarten zur Zeit, aber innovativ zu sein ist erstmal Einstellungssache, ganz gleich, welches Instrument du benutzt oder welche Art von Musik du machst. Du kannst auch mit einem Bleistift innovativ sein, wenn du zum Beispiel ein tolles Buch schreibst.\" Das Album, so BJÖRK, könne man sich in etwa so vorstellen, als laufe man mit geschlossenen Augen durch die Stadt. Dann hört man unzählige Klänge aus verschiedenen Zeiten, Vögel, den Wind, aber auch Autos, Telefone und Faxgeräte. \"Army Of Me\", die erste Single (auch auf dem \"Tank Girl\"-Soundtrack), überrascht mit aggressiven Industrial-Elementen, klingt beinahe NINE INCH NAILS-mäßig. Das andere Extrem der Platte bildet \"Blow A Fuse (It's Oh So Quiet)\", ein Jazz-Song, der im Original von 40er Jahre-Hollywood-Star BETTY HATTON gesungen wurde. Um dem Sound der Original-Aufnahme möglichst treu zu bleiben, wurde für BJÖRKs Version auch ein 20köpfiges Orchester engagiert.
Aufgenommen wurde \"Post\" in den Compass Point Studios auf den Bahamas. Klingt nach Urlaub, war es aber eigentlich nicht. \"Ich hasse es, faul zu sein. Faul sein kann ich nur, wenn ich das Gefühl habe, ich habe mir das verdient. Dann lege ich mich mit einem Gläschen Cognac oder einem schönen Eis in die heiße Badewanne.\" Doch auf den fast drei Millionen verkauften Exemplaren von \"Debut\" wollte sich BJÖRK nicht ausruhen. Immerhin war es eine Herausforderung und kein Kinderspiel, mit einem gleichermaßen überzeugenden Follow-Up aufzuwarten. \"Kann sein, daß ich ein Workaholic bin. Zur Zeit arbeite ich jedenfalls 18 Stunden pro Tag. 1993 hatte ich insgesamt bloß zwei Tage frei.\" Einen ungewöhnlichen Luxus leistete sich BJÖRK auf den Bahamas immerhin. Ihren Gesang nahm sie draußen auf, anstatt im Studio. So wie früher, als sie auf dem Weg zur Schule immer gesungen hat. Je schneller sie rannte, desto lauter erklang damals ihre Stimme. \"Ich habe fünfzehn Jahre lang draußen gesungen. Beim letzten Album haben wir zuviel an Knöpfen gedreht, um meine Stimme lauter oder leiser klingen zu lassen. Das wollte ich diesmal nicht. Wir haben uns ein unheimlich langes Kabel für mein Mikro besorgt, und am Ende des Aufnahmetages, wenn es schon dunkel war, bin ich damit raus gelaufen. Ich bin zum Ozean gegangen oder habe mich in den Büschen versteckt. Niemand konnte mich sehen im Dunkeln.\"
Ihren kindlichen Charme und ihre Unbekümmertheit, die nicht als Naivität mißverstanden werden sollte, hat sich BJÖRK auch als Plattenmillionärin bewahrt. Der Rummel um ihre Person behagt ihr nicht sonderlich, die Rückzugsmöglichkeiten ins normale Leben werden ihr immer wichtiger. Gleichzeitig hat sie aber auch gelernt, mit ihrer Popularität zu leben. Denn Popstar ist sie bereits seit ihrem elften Lebensjahr. Damals nahm sie eine Platte auf, die in Island sehr erfolgreich wurde. \"Die Songs stammten aber nicht von mir, sondern von irgendwelchen 35jährigen. Ich sollte über Liebe singen. Sachen, von denen ich damals noch keine Ahnung hatte. Außerdem habe ich es gehaßt, daß mich jedes Kind in der Schule unbedingt kennenlernen wollte. Ich wollte nicht länger im Vordergrund stehen, deshalb habe ich danach in ungefähr zwanzig Bands mitgespielt.\" Die mit Abstand bekannteste davon waren die SUGARCUBES, bei denen BJÖRK bis zum Beginn ihrer Solokarriere sang. Natürlich war sie auch dort das Aushängeschild, mit ihrer Rolle als öffentliche Person hat sie sich jedoch weitgehend abgefunden. \"Als Kind war ich sehr introvertiert. Ich liebte es, allein zu sein, und später habe ich oft allein gecampt. Ich konnte mich immer gut mit mir selbst beschäftigen, das hat sich bis heute nicht geändert. Ich mag meine eigene Gegenwart, ich liebe es, allein Musik zu hören oder selbst welche zu machen. Die wirkliche Herausforderung in meinem Leben ist die Kommunikation. Aber wenn du siebzehn Jahre lang Musik machst, lernst du, dich extrovertiert zu geben, wenn es darauf ankommt.\"
Isländer machen sich aus Berühmtheiten Gott sei Dank nichts. Auch deshalb ist BJÖRK gern daheim, denn in Island braucht sie sich um den ganzen Popstar-Kram nicht zu kümmern. \"In Island kennt sowieso jeder jeden. Niemand ist dort berühmt. Vielleicht sind sie ein bißchen stolz auf mich, aber das lassen sie sich nicht anmerken. Meine Freunde und Bekannten fragen mich nicht nach meiner Karriere. Die erkundigen sich lieber, wie es Oma geht.\" Weihnachten war BJÖRK zuletzt dort, um Freunde zu besuchen. \"Als ich Island vor zwei Jahren verließ, ist mir das sehr schwer gefallen. Aber es war notwendig, der Karriere willen nach London zu ziehen. Als ich zuletzt dort war, haben wir wieder das getan, was wir schon als Jugendliche gemacht haben. Jeder hat einen Liter Wodka getrunken, und dann haben wir in den heißen Quellen gebadet.\" Falls irgendjemand von Euch noch nicht weiß, wo er den Sommerurlaub verbringt ...



Artikel kommentieren
aus Intro #25 (Juni 1995)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 
Anzeige
 
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]