Peter Murphy

der herr der dinge

29.04.1995, 10:46, Text: Autor unbekannt

Unumstritten bleibt jedoch auch, daß MURPHY gerade mit seinen beiden letzten Solo-Alben, \"Deep\" und \"Holy Smoke\", zwei grandiose Statements gelungen sind, die abzüglich der großen Gesten voll anämischer Arroganz so etwas wie Songwriter-Pop \"in gut\" hervorgebracht haben. Sein neues Werk \"Cascade\" bildet da keine Ausnahme; der Mann hat sich auf dem hohen Level seines kunstgewerblichen College-Mainstreams eingependelt, verläßt sich dabei aber nicht nur auf die bewährten Zutaten seiner Erfolgsrezeptur, sondern hat unter Zuhilfenahme des Produzenten Pascal Gabriel (INSPIRAL CARPETS, EMF) einigen Tracks federleichte Dance-Rhythmen verpaßt, die so manches Stück vor gewichtiger Bedeutungsschwere erretten.

Vieles erscheint jetzt tanzbarer, ohne jedoch wirklich \"Dance\" zu sein. \"Techno und House würden mich inspirieren, wenn ich zu Raves ginge, aber das funktioniert nicht 'out of context'\", gesteht MURPHY, der seit 1992 mit seiner Frau in Istanbul lebt, und fügt mit moderater Stimme, deren Lautstärke kaum die Hintergrund-Musik im Wintergarten des noblen Kölner Renaissance-Hotels zu übertönen vermag, hinzu, \"die traditionelle Musik der türkischen Sufis und PORTISHEAD waren das einzige, was mich in letzter Zeit wirklich beeindruckt hat.\" Seiner Rolle als Pop-Star, insbesondere in den USA, wo er mittelgroße Arenen füllt, steht er gelassen gegenüber, ohne sein Vorgehen nach strategischen Maßstäben auszurichten. \"Das Gothic-Image, das mir seit der BAUHAUS-Zeit anhaftet, kann ich sowieso nicht ändern, obwohl ich damit gar nichts mehr zu tun habe. Was ist denn Gothic überhaupt? Es geht um Leute, die sich schwarze Klamotten anziehen und schminken, ansonsten hat das doch keinen ernsthaften Inhalt.\" Seine Alben, so auch \"Cascade\", bezeichnet er als \"sehr gemischt\". \"Es gibt Ambient-Songs und klassische Pop-Nummern. Einiges ist Rock, anderes erinnert wieder an BAUHAUS. Meine Solo-Platten sind wesentlich vielseitiger als all das, was ich vorher gemacht habe\", bemüht er sich zu versichern. Genau dies mag ihm aber durchaus als Vorwurf gereichen. Von der melancholischen Eröffnungsnummer \"Mirror To My Womans Mind\" im Stile seines '90er-Hits \"Cuts You Up\" über Ambient-Pop in \"Huuvola\", dem BAUHAUS-Rip off \"Disapperaring\" bis hin zur blitzsauberen Pop-Nummer \"Scarlet Things In You\", die nicht nur MURPHY an ein Stück von R.E.M.s \"Out Of Time\"-Album erinnert, bedient er ein dankbares Publikum wie in einem Gemischtwarenladen. Er macht dies allerdings nicht nur so geschickt, sondern auch kompetent; wuchert dabei mit seinem Kapital, seiner beachtlichen Stimme und nicht minder beachtlichen Songs, die er zusammen mit seinem langjährigen musikalischen Partner Paul Statham verfertigt hat, daß man PETER MURPHY zweifelsohne eine beeindruckende Kompetenz als Entertainer zugestehen muß. Er beherrscht die Regeln seines Genres wie nur wenige, ist jederzeit Herr der Dinge und weiß sich perfekt zu inszenieren. \"Das, was ich mache, kann ich wirklich ganz gut. Darüber bin ich immer wieder aufs neue überrascht\", gibt er mit einem selbstzufriedenen Lächeln, aber durchaus nicht unsympathisch, von sich. MURPHY scheint mit sich und der Welt im reinen zu sein, mit \"Cascade\" legt er Zeugnis über diese Befindlichkeit ab. \"Denn Erfolg bedeutet letztlich, daß ich mit meiner Musik zufrieden bin und nicht so sehr, ob sich ein Album jetzt so und so oft verkauft.\"
Sein romantisches Künstlerideal scheint nur einen Knacks zu bekommen, wenn man MURPHY auf das offensichtliche Humor-Defizit und die in seiner Musik zur Schau getragene Ernsthaftigkeit anspricht. \"Musik hat immer einen komödiantischen Aspekt. Ich würde meine Musik aber nicht als humorvoll, sondern eher als 'upplifting' bezeichnen\", setzt er sich spürbar beleidigt zur Wehr. Schließlich würden seine Alben auch nicht als gemeinschaftliches Sinn-Erlebnis aufgenommen. \"Die Leute, die meine Musik hören, gehen nicht in Clubs\", ist er sich sicher. Also, stay home, read a book und entdecke den Künstler in Dir! \"Cascade\" will Dir dabei helfen.



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aus Intro #24 (Mai 1995)
 
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