Mecca Normal

das Leben als Metapher

24.04.1995, 13:10, Text: Autor unbekannt

Sich mit der intensiven, komplexen Musik von MECCA NORMAL zu beschäftigen kann - obwohl lohnend - anstrengend, ja schmerzhaft sein. Mich interessiert im Gespräch mit Jean Smith und David Lester, ob dies bewußt so angelegt ist.

Jean: Nein. Aber wir sind keine Entertainer. Ich hoffe, wir machen nicht irgendetwas, was für sich im Raum steht, sondern in Beziehung zu allem, was so passiert. Es ist eine Art Dialog. Wir möchten testen, ob es möglich ist, Sachen außerhalb des Systems zu machen - Musik, Songstrukturen, Texte.

INTRO: Letztere haben viel mit der Wahl der Sichtweise zu tun; Mann/Frau kommt deshalb zu verblüffenden Erkenntnissen.

Jean: Absolut.

Das ist aber die Art, wie ich denke; meine Einstellung, die es mir ermöglicht, mittels einer anderen Betrachtungsweise hinter die Fassade zu schauen. Den Leuten wird doch eingeredet, daß es nur eine Art der Sichtweise gibt. Und dagegen versuche ich, wann immer möglich, anzukämpfen.

INTRO: Ist das der Grund, warum der Begriff \"Logik\" eine so große Rolle in den Texten spielt?

Jean: Genau. Für mich ist die Logik ein beinahe antiquiertes Konzept; in der Art, wie die Leute blind darauf vertrauen. Das scheint mir eine typisch männliche Philosophie zu sein - sehr tyrannisch. Sie erlaubt nicht, Dinge aus anderen Perspektiven zu betrachten. Es scheint mir eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft zu sein, daß es nicht die Freiheit gibt zum Experimentieren oder um Dinge zu verändern. Dem versuche ich entgegenzuwirken, indem ich die Religion der Logik demontiere.

INTRO: Da fragt man sich, warum ihr dann soviel mit Metaphern arbeitet, anstatt konkreter zur Sache zu gehen.

Jean: Das habe ich mir angewöhnt, als ich jünger war und nicht sicher sein konnte, daß irgendjemand meine \"großen Ideen\" versteht. Die direkte Art ist ja auch ziemlich eindimensional. Ich glaube, daß die Leute, die meiner Arbeit zuhören, etwas für sich mitnehmen. Es braucht gar nicht mal genau das zu sein, was ich mir vorgestellt habe. Es gibt halt nicht nur einen Ansatzpunkt, eine Botschaft pro Song. Ich möchte durch den Gebrauch der Sprache wachrütteln. Das ist immerhin der kleinste gemeinsame Nenner unserer Gesellschaft.

David: Und es ist wichtig, daß der Zuhörer auch etwas mitbringt: Der Zuhörer soll interpretieren. Das ist eine gewissermaßen demokratischere Art sich zu präsentieren als einfach Proklamationen herauszubringen.

INTRO: Und wie setzt ihr das alles in Musik um? Die Wörter schmiegen sich ja nicht gerade von selbst in die Musik.

David: Das hat sich in Jahren der Zusammenarbeit entwickelt. Wir fühlen uns wohl dabei, miteinander zu jammen. Wir planen das nicht sehr genau. Das hängt damit zusammen, wie du dein ganzes Leben gestaltest - ob du dir genug zutraust, dein Leben so zu leben, wie es kommt.

INTRO: Worum geht es euch, wenn ihr live spielt?

David: Wir machen eine ziemlich wilde Show, möchten zeigen, daß Mann und Frau zusammenarbeiten können, ohne miteinander romantisch liiert zu sein, und daß dennoch etwas Kraftvolles dabei herauskommt. Das ist wieder eine Metapher und zwar für zwischenmenschliche Beziehungen.
Jean: Wir sind eigentlich recht humorvoll und mögen es, Spaß zu haben. Das solltest du erwähnen.

Unbedingt.



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aus Intro #24 (Mai 1995)
 
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