Gene
1995 - brit-pop kehrt zurück
22.04.1995, 15:50, Text: Autor unbekannt
Die Liste der Bands, die seit der Trennung der SMITHS als neue Pophoffnung aus dem Vereinigten Königreich abgefeiert wurden, um umgehend wieder in der Versenkung zu verschwinden, ist endlos. Namen wie LUSH, MOOSE, SUEDE, CURVE, RIDE oder BLUR sind nur ein kleiner Auschnitt dessen, was in den 90er Jahren an musikalischen Eintagsfliegen aus dem Empire den europäischen Tonträgermarkt überschwemmte. Von der kompletten Rave-Posse aus Manchester ganz zu schweigen. Einst zu Nachfolgern der BEATLES ausgerufen, gärte unter dem Staub der Plattenregale an den '94er-Alben der CHARLATANS und INSPIRAL CARPETS schließlich sogar der Schimmel - zumindest außerhalb Englands.
Erst Ende des vergangenen Jahres begann die Erfolgskurve nach etlichen Jahren wieder nach oben zu zeigen. Mit OASIS erzielte eine auch imagemäßig englische Band europaweit Achtungserfolge. Die STONE ROSES, schon nach ihrem ersten Album von der Presse zu Genies emporgehoben, hatten nun nach fünf Jahren gerade ihr siegreiches \"Second Coming\" (LP-Titel). Dritter im Bunde der sich andeutenden Renaissance britischer Popmusik könnte nun das Londoner Quartett GENE werden. Frontmann Martin Rossiter wirkt wie die aggressive MORRISSEY-Variante, 90er Jahre-kompatibel. Ein softer lad, der verdammt gut singt. Parallelen zu den SMITHS liegen auf der Hand, sind für GENE jedoch keine Beleidigung. \"Die waren schließlich die letzten, die in diesem Land Songs schreiben konnten\", konstatiert Gitarrist Steve Mason. \"Wenn wir ihre Nachfolger sind - von mir aus!\" Dabei machen gerade Masons bluesy Riffs im Stile RON WOODs einen wesentlichen Kontrast zum großflächigen Gitarrenspiel von JOHNNY MARR aus. Gemeinsam mit Bassist Kevin Miles und Sänger Martin Rossiter verbrachte er nach der Gründung von GENE im Sommer 1993 mehr als ein Jahr ausschließlich damit, Songs zu schreiben. \"Keine Gigs, keine Aufnahmen, nur tagtägliche Arbeit an neuen Stücken. Wir setzen auf langfristigen Erfolg durch konzentrierte Verbesserung unseres Potentials.\"
Auf dem Indie-Label \"Costermonger\" erschien im Herbst 1994 die erste Single, deren Erstauflage von 2000 Kopien sich als \"Single of the month\" (NME) innerhalb von 48 Stunden verkaufte. Auch die drei darauffolgenden 7\" wurden zu Verkaufs- und Kritikererfolgen, weil sie durch exquisites Songwriting in der fortschreitenden Tradition englischer Gitarrenmusik bestachen. \"Die Retter des britischen Pop\", jubelte der melody maker.
Auch GENEs Debüt-Album \"Olympian\" erstreckt sich stilistisch einwandfrei auf britische Eleganz im klassischen Drei-Minuten-Songschema. Der Band hat es gutgetan, sich über einen langen Zeitraum ausschließlich auf die interne Zusammenarbeit zu konzentrieren. \"Olympian\" besitzt genügend Substanz, auch außerhalb der eingeschworenen Brit-Pop-Klientel ein Publikum zu finden. Ob sich das Feuer des Erstlings auch für weitere Veröffentlichungen schüren läßt, bleibt abzuwarten. Fürs erste besitzt England wieder eine Handvoll junger Protagonisten, die in der Lage sind, den international angekratzten Ruf von britischem Gitarrenpop als kurzlebigen und gesichtslosen Medienhype zu revidieren.
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