Mudhoney
the land of mud and honey
19.04.1995, 11:55, Text: Autor unbekannt
MUDHONEY gelten als die Vorväter der inzwischen fast wieder aus der Mode gekommenen Grunge-Generation. Das Info der Company feiert die Band dementsprechend auch als \"War-ist-und-wird-immer-sein\"-Grungeband. Wie denn ihr persönliches Verhältnis zu solcherlei Schubladendenken sei, will ich wissen, schließlich lassen sich die meisten Musiker ungern derart eindeutig einordnen. Achselzucken, no problem. Man mache halt die Musik, die man gern machen wolle und fertig. Auf die, nun ja, sehr starke Anlehnung des Materials auf der aktuellen CD \"My Brother The Cow\" an alte Heroen wie VELVET UNDERGROUND oder THE STOOGES angesprochen, gibt Schreihals Mark zu Protokoll: \"Weißt du, jeder Stil hat irgendwo seine Vorläufer.
Und so kommt es, daß der Titel \"1995\" als ein fast originalgetreues Abbild des STOOGES-Klassikers \"1969\" daherkommt, fast, sieht man von einem anderen Zitat ab: Gegen Ende des Tracks gibt es den obligatorischen Chaos-Break, in dem, oh Wunder, nicht ganz unvermittelt ein krächzendes Saxophon auftaucht. Wer hat da \"Fun House\" gerufen?! \"Wir waren uns seeehr bewußt, daß es sich dabei mehr oder weniger um ein Plagiat handelt\", sagt Matt, \"aber es war kein Kalkül. Es kam einfach so. Ich spielte das Lick vor mich hin, allerdings mit 100 Miles per hour. Als wir es dann langsamer spielten, stellte sich halt raus, daß es ziemlich genau das '1969'-Riff war. Das Sax-Intermezzo haben wir dann bewußt gemacht. Nicht, um die beiden wichtigsten STOOGES-Alben nach dem Motto 'best of both' zusammenzufassen, sondern als Gag.\" Und was ist mit dem \"Summertime\"-Zitat, von wegen \"My daddy's rich and my mum is good-looking\"? \"Das hab ich des comedy-Effektes zuliebe gesungen\", meint Mark und greift gelangweilt zum O-Saft, \"unser letztes Album war voll von so was (?! - Anm. d. Verf.) Kam nicht so gut ...\"
Okay, nächster Versuch. Ob sie \"Spoonful\" von CREAM kennen? Wo sich doch ihr eigenes \"What Moves A Heart\" in der Refrainpassage reichlich ähnlich ... Mark zieht die Augenbrauen hoch und läßt die Augäpfel mißbilligend rollen: \"Seit 'Tears In Heaven' mag ich CLAPTON nicht mehr besonders. CREAM habe ich mir auch nicht so gern gegeben.\" Und die Übereinstimmung der beiden Stücke? Lapidarer Kommentar: \"Ist bewußt, ist nicht gewollt, ist nur die eine Stelle, ist egal.\"
\"1995\" ist nicht \"1969\", bemerke ich und freue mich diebisch erstens über diesen unerhörten Scharfsinn und zweitens über die gelungene Anspielung und bereite den SPEX-Generalangriff vor, \"wäre es nicht an der Zeit, sich von den von SONIC YOUTH oder meinetwegen auch den alten Bluesern vorgegebenen ästhetischen Standards zu emanzipieren? Die alte Fuzz-Gitarre einmotten und sich auf die Suche nach neuen Sounds begeben?\" - \"Wir sind halt pretty much traditionalists\", lautet die Ansage, \"wir genießen unsere Musik. Und wir denken uns nichts dabei, wenn sie die Musik widerspiegelt, die wir daheim gern hören.\" Kaum, daß mit dieser rockistischen (sic) Leier die Katze aus dem Sack gelassen wurde, wälzt sich draußen auf dem Boulevard dieser riesige Köter. Die besten Koinzidenzen erfindet also nicht der Schreiber vom INTRO, sondern das Leben selbst. Das Gespräch muß für einen Augenblick ausgesetzt werden, das ist aber auch ein großer Hund! \"Hey Mark, there's a bear outside!\" Ich nutze die Gelegenheit und schiebe mir die Streifen roter Paprika in den Mund, die den Teller mit den Kartoffelchips so anmutig dekorieren. Merkwürdig - wozu braucht man eine Paprika-Deko, wenn nicht einmal die Chips mit dem obligatorischen Paprikagewürz (ungarisch, scharf) versehen sind? Und warum sind heutzutage so wenige Bands bereit, diesen kleinen, aber entscheidenden Widersprüchen in dem komplexen Konstrukt, das sich Gesellschaft oder schlimmer: Miteinander nennt, in ihrer Musik adäquaten Ausdruck zu verleihen? Oder auch nur in der Lage? Warum rufe ich nicht Diedrich Diedrichsen von der Rockismus-Polente an?
Vielleicht, weil Rock'n'Roll, Sleaze, Punkrock, Garage oder halt Grunge, wie immer das Kind auch heißen soll, sich kulturbeflissener Wertbeimessung per se entzieht. MUDHONEY geht es nicht um Originalität im Ausdruck. Sondern um Krach, Chaos und Rumtoben. Um smoke'n'booze zwischen Gig und Soundcheck. Um having a good time. Die alte Rock'n'Roll-Mythologie von anno dunnemal lebt offenkundig, wenn auch hübsch piano: \"Ich bin 33\", erzählt Mark nun bereits zum zweiten Mal, \"verheiratet dazu. Da predige ich doch keinen Rock'n'Roll-Livestyle mehr!\" - \"Viele glauben, Rock'n'Roll hätte Drogen erfunden\", allgemeinplätzt der Baßmann und rollt sich ab; \"klar - auf Tour geht's partytechnisch immer noch ab. Aber was soll's - andere Leute gehen in Pubs, wir gehen auf Tour. That's all!\"
What next? Müdes Abwinken. \"Wir stellen doch keinen Fünfjahresplan auf! Wir machen uns da keinen Kopf: Was passiert, passiert eben. Zukünftig verkleiden wir uns als Stars, posieren für Fotos, lassen den Produzenten machen, spielen nicht mehr live - und verdienen tons of money!\" Grunge-MONKEYS.
Also drauf gekackt. Begeben wir uns in das Land, wo MUD und HONEY fließen, und tun wir so, als hätten wir \"1969\". Ein Schluck aus der großen Flasche mit der Rock'n'Roll-Medizin. Und es turnt doch. Scal.
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