Fischmob

17.04.1995, 22:27, Text: Autor unbekannt

Sven: FISCHMOB sind Daniel, Kotze, Stachi und ich ... Die Motivation, Musik zu machen, ist wie bei allen Künstlern in erster Linie die Lust, etwas Kreatives zu schaffen, um es in zweiter Linie dann Leuten vorführen zu können. Dazu sind Platten ein nettes Medium, obwohl ich es nicht als Abstieg empfinden würde, wieder Tapes zu machen ... Was wir mit unseren Texten aussagen wollen? Texte stellen immer eine momentane Widerspiegelung von Emotionen und Zusammenhängen dar, die mensch sich im Rahmen seines metaphysischen Über- und Unterbaus ausgedacht hat. Ich glaube nicht, daß unsere Texte etwas verändern ... Dementsprechend bewegen sie sich zwischen absolutem Schwachsinn und hochwichtiger Message.

Wie wir uns unsere Zukunft vorstellen? Die Zukunft ist rosig, und alles wird gut!

INTRO: Ist die Unterscheidung zwischen Schwachsinn/Partytrack und Stück mit hochwertiger Message nicht etwas blödsinnig?

Sven: Klar, wenn man einen Partytrack macht, beeinflussen einen die Ideen, die man ohnehin hat. Eine gewisse geistige Grundhaltung schwebt immer mit. Es ist natürlich nicht so, daß man sich hinsetzt und sagt, okay, jezt machen wir einen Partytrack und schalten alles ab. Die sogenannten politischen Themen sind immer da, aber nicht gleich deutlich und dominant. Genau wie bei der Musik: Egal, welche Musik ich verarbeite, es schwingt immer mit, daß ich schon 10 Jahre HipHop höre. Im allgemeinen fasziniert mich Musik, die einfach gut gemacht ist, ohne daß da ein eingefahrenes Konzept dahintersteckt und die Leute sagen, das muß jetzt HipHop oder Punk sein.

INTRO: Diese Vielschichtigkeit ist auf eurer LP zu hören. Ich denke, daß ihr da Anerkennung von vielen verschiedenen Leuten erfahren werdet!

Sven: Unser Bekanntenkreis und Musikgeschmack ist breitgefächert. Ich habe schon von Leuten gehört, daß sie die LP insgesamt nicht so toll finden, auf einige Stücke hingegen total abfahren. Das ist doch prima.

Intro: Eure Beharrlichkeit, trotz einiger Angebote, nicht zur Industrie zu gehen?

Sven: ... ist total bescheuert; sonst könnten wir das Interview mit einem tragbaren Datrecorder und einem sündhaft teuren Aufnahmemikrophon machen. Das schöne an unserem Label \"Plattenmeister\" ist, daß sie uns akzeptieren, ernst nehmen und uns Kompetenzen überlassen. Bei der Industrie wären wir nur eine Gruppe von vielen, als kleine Band wirst du dort kaum Einflußmöglichkeiten haben. Du lieferst deine Arbeit ab, danach kommt der Werbefeldzug, dein Image wird bestimmt, daß dich dann in Zukunft festlegt. Kontrolle über deine Produkte ist sehr wichtig, und ich kann mir nicht vorstellen, daß die beim Major möglich ist. Bei der Anpressung der LP z. B. haben sie das Ende von \"Blindflug\" versaut. Beim Major würden die wohl sagen: Egal, die Veröffentlichung muß raus, die CD ist eh wichtiger. Das passiert uns nicht, weil wir über unsere Sachen die Kontrolle haben. Praktisch unter jeden Punkt des Vertrages haben wir zweimal \"im beiderseitigen Einverständnis\" gesetzt. Damit sind wir ebenso glücklich wie unser Label.

INTRO: Ihr gestaltet von der Musik bis zur Präsentation sehr viel selbst!

Sven: Ja, es kommt uns zugute, daß wir uns mittlerweile in fast allen Gebieten ein wenig auskennen und unsere Sachen möglichst perfekt gestalten wollen. Daniel, Andrea und Clausen arbeiten in einer Werbeagentur und haben so die Möglichkeit, vernünftiges Artwork zu machen. Im Studio kommen wir mit genauen Vorstellungen an, wie die Musik klingen wird. Viele Stücke haben wir selbst abgemischt. Normalerweise programmieren die Leute ja bestenfalls vor, einige kommen nur mit ihren Samples an, die vom Produzenten im Studio arrangiert werden. Unsere Vorgehensweise unterscheidet sich schon, Stücke wie \"Hasch Und Rock\", \"Bonanzarad\", \"Jazz Und Alkohol\" sind komplett zu Hause programmiert und produziert.

INTRO: Wie lange braucht ihr für ein Stück?

Sven: Das ist unterschiedlich, \"Hasch Und Rock\" sowie \"Bonanzarad\" sind ziemlich schnell gegangen, die waren in zwei Wochen fertig. \"Tut Mir Leid\" hingegen ist eher ein Opus, weil es von der Programmier- und Mischarbeit her sehr aufwendig und fein ist. Die Basisversion dauerte cirka drei Monate, danach kommt die Klein-arbeit, Daniel fielen z. B. die NENA-Samples ein. Eigentlich ist solch ein Stück nie fertig, nur daß wir irgendwann Stop sagen müssen.

INTRO: ... und \"Blindflug\"?

Sven: ... ist großartig. Wir haben das seit April '94 als Konzertintro benutzt und uns immer mehr darin verliebt. Dann haben wir angefangen, Live-Percussion darauf zu spielen, und so hat es sich nach und nach entwickelt. Die Studioarbeit dafür war auch sehr aufwendig und betrug insgesamt vier Tage. Das Stück selbst ist über ein Jahr alt und spiegelt unser breites Spektrum wider. Daniel und ich hören afrikanische Rhythmusmusik sehr gerne. Ich find es total schön, sich einfach zurückzulehnen und so was zu genießen. Ich hätte auch kein Problem, in dieser Art eine ganze Platte zu machen, weil ich ja nicht HipHop mache. HipHop ist irgendwie immer da, schwebt so über mir, inspiriert mich und tut mir gute Dinge. Ich fühle mich deshalb aber nicht verpflichtet, nur HipHop zu machen. Die nächste Platte könnte vollkommen anders sein.

INTRO: (fragendes Gesicht)

Sven: Na gut, es wird wohl immer HipHop-mäßig sein, ich kann ja kein Instrument. Daniel könnte alles machen, dem gibst du ein Instrument in die Hand, und der kann das spielen, der könnte auch Folklore machen.



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aus Intro #24 (Mai 1995)
 
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