Carter U.S.M.

sicherheitsdenken führt zu Absatzverlusten

16.04.1995, 22:25, Text: Autor unbekannt

Ich sollte also darauf achten, daß meine zukünftige Lebensabschnittsbegleiterin die entscheidenden Schritte auf flachen Schuhen, eventuell gar auf Mokassins zurücklegt. Was ja nun ganz und gar nicht aufregend ist. Andererseits könnte ich sie, solchermaßen fußbekleidet, nach erfolgter Bindung fürs Leben stilecht in das heimische Tipi entführen und ihr die neue CARTER USM vorspielen. Was allerdings auch nicht wesentlich aufregender ist. Muß aber auch nicht. Denn wo 'Unstoppable Sex Machine' draufsteht, ist ebendas auch drin. Was meine Angetraute allerdings genausowenig wie mich ihre Wildlederpantoffeln in eine solche verwandeln wird. Bei Hits wie 'Sealed With A Glasgow Kiss' sind Frauen noch automatisch Absätze gewachsen.

Da war ein CARTER-Song noch ein Popsong, essentiell im McCARTNEY/SEX PISTOLschen, explizit im SCHNEIDERschen (Pop kommt von Poppen) Sinne.
Heute ist ein CARTER-Song nur noch ein CARTER-Song. Was ja nicht das Schlechteste ist, im Prinzip aber an der Raupe auf der Kirmes schon nicht mehr funktioniert: Denn wer möchte schon die Vorfreude auf das, was danach kommt, bei einem CARTER-Song, der wie ein anderer CARTER-Song klingt, genießen, wenn er mit seiner Teenage-Queen zu eben diesem anderen CARTER-Song oder gar zu einem WEEN-Track den selben Lolli teilen könnte. Wie soll ein Prinzip, das auf der Raupe - will meinen dem ultimativen (Brit-)Popsong-Testparkur - versagt, im Ehebett funktionieren? Fragen, deren Relevanz sich nur demjenigen erschließt, dessen Aufenthaltsgenehmigung für das Land seiner Träume davon abhängt.
Fragen, für die ich mir dementsprechend Antworten erhoffte. CARTER und die unstoppbare Sexmaschiene auch. Bekommen haben wir sie alle nicht. CARTER haben in der dringenden Hoffnung auf Weiterentwicklung versucht, Dinge anders zu machen als früher. Sie haben sich einen echten Schlagzeuger besorgt und den gleich zum mehr oder weniger vollwertigen Bandmitglied geschlagen. - Ergebnis: CARTER 1995 klingen wie CARTER vor 1995 mit Schlagzeuger. Sie sind statt 10 Tage 6 Wochen ins Studio gegangen. Sie haben auf 48 statt auf 8 Spuren produziert. - Ergebnis: Die Platte klingt Gott sei Dank nicht überproduziert. Irgendwie scheint die Band damit zufrieden zu sein. Meine Fragen sind allerdings nur insofern beantwortet, als daß ich jetzt weiß, daß ich keine Antworten bekommen werde.
Vielleicht hätten die Herren ihre Songs einfach mal auf dem Rummel probelaufen lassen sollen. Ich jedenfalls werde die Dame meines Herzens wohl vorsichtshalber im Rollstuhl vor den Traualtar karren.



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aus Intro #24 (Mai 1995)
 
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