Shihad

the loneliness of a short distance interview

12.04.1995, 22:51, Text: Autor unbekannt

Aus dieser sicheren Entfernung betrachtet, sitzt mir Jon Toogood, Sänger und Gitarrist, gegenüber, nicht wissend, daß ich mit SHIHAD eigentlich ein After-Show-Interview, bei dem sowieso nicht viel herauskommen würde, machen soll. Willst du über die Platte reden? \"Oh, shit, machst du ein Interview?\" Nein, laß ruhig, das bringt jetzt wohl eh' nicht viel, oder? \"Glaube ich auch nicht. Ich weiß auch gar nicht, wo die anderen alle sind.\" Karl (Bass) sitzt neben mir und meint, Tom (Drums) würde gleich nochmal wiederkommen, aber er wolle auch noch zugucken. Zu gucken gab es an diesem Abend in der Kölner Live Music Hall \"ihre Wenigkeit\" FAITH NO MORE.

Die Opener-Rolle SHIHADs auf deren Europa-Tour war über bereits bestehende Kontakte zu Billy Gould zustande gekommen. Jon erklärt lapidar: \"Irgendwann kam ein Anruf, oder war's ein Fax?\" Da habt ihr sicherlich lange überlegt?

\"Ja, klar, das hieß ja, der Urlaub würde flachfallen\", posaunt der eintretende Tom dazwischen. Wie vorher von Karl aufgefordert, sage ich Tom, er würde mit seinen kurzen Haaren aussehen wie der Sänger von PRONG. \"Ach, dabei bin ich der Sänger von THERAPY?, Mann! Wo ist das Essen geblieben?\" - \"Nein, Tom, laß das!\" ruft Karl, als der schwergewichtige Trommler FNMs Backstage-Raum entert. \"Das macht er jeden Abend. Er frißt ihnen alles weg, während sie auf der Bühne sind. Wir regen uns immer darüber auf. (ruft) Tom, hör jetzt auf damit! (zu mir) Na ja, nach einer gewissen Zeit gehen wir immer hinterher ...\" Natürlich hat der arme Kerl Hunger. Nach dem, was die selbstbewußten vier dem Publikum noch vor einer halben Stunde um die Ohren gehauen haben, ist das Moment der totalen Erschöpfung mehr als verständlich. Im Gegensatz zum Hauptact müssen SHIHAD allabendlich um das Publikum kämpfen. Die halbe Stunde des Sets bietet neben anfänglichen Lautstärkebegrenzungen nicht viele Möglichkeiten, sich ins Unterbewußtsein der versammelten FNM-Gemeinde zu brennen. Dennoch, und vollkommen unbeirrt, spielten sie Material beider Alben mit unglaublicher Wucht und Überzeugungskraft. Jon meint zur bisherigen Tour: \"Es ist eigentlich immer hart am Anfang. Doch gegen Ende des Sets haben wir die Leute. Heute war es zudem auf der Bühne so laut, daß wir gut sein mußten!\"

Ja, so laut muß es gewesen sein, daß sogar Phil (Gitarre) ein wenig aus sich herauskam und wesentlich gelöster wirkte als noch im letzten Jahr, als SHIHAD in der sehr merkwürdigen Kombination mit ABWÄRTS durch Deutschland geschickt worden waren. \"Es war damals ein wenig doof, die ganzen Punks überzeugen zu müssen, aber sei's drum\", sagt Jon in einem kurzen Rückblick, als ich ihn am Rande nach dem letzten Jahr frage. Vor allem mit dem ersten Album \"Churn\" scheint Jon nun komplett abgeschlossen zu haben. Als ich ihm sage, ich fände das aktuelle \"Killjoy\" (Noise 254-2) um Längen besser, sprudelt es aus ihm hervor: \"Oh ja, das glaube ich auch. Dieses Mal klingt es einfach mehr nach uns. Auch Karl konnte sich mehr einbringen als noch auf 'Churn'. Damals war er noch nicht so lange dabei. Jetzt sind wir echt eine Band. Wir konnten viel mehr Einfluß auf die Produktion nehmen.\" Es klingt nicht mehr so produziert, das finde ich klasse, es hat was Organisches. \"Toll, daß man das hört. Das erleichtert mich.\"

Und das war keine Süßholzraspelei meinerseits. \"Churn\" war im letzten Jahr der Vorschlaghammer, der auf uns niederfiel, nachdem wir gerade tiefbeeindruckt KILLING JOKEs \"Pandeimonium\" verdaut hatten. Niemand konnte sagen, SHIHAD hätten anders klingen müssen als auf diesem 'in your face', mit Samples vollgedröhnten Alternative-Metal-Album. Natürlich wird heute mit dem noch frischer klingenden \"Killjoy\" Jaz Colemans (Produzenten-) Einfluß auf \"Churn\" deutlich, aber wer heute behauptet, er hätte die erste Platte der Band schon damals nicht als authentisch empfunden, hat sie noch vor einem halben Jahr in den höchsten Tönen gelobt - Groupies eben. \"Wir haben so richtig unserer Experimentierfreude freien Lauf lassen können. 'Debs Night Out' ist nur aus Samples zusammengesetzt, klingt aber noch richtig schön melancholisch. Mit Jaz hätte es nach Apokalypse geklungen.\"

Aus dem Saal hören wir \"The Real Thing\". \"Mann, der Drummer ist so gut. Tom und er hängen den ganzen Tag 'rum und reden über Schlagzeuge und so. Mikes Stimme ist im Laufe der Tour immer besser geworden. Bei den ersten Shows waren noch ein paar Wackler im Gesang, aber jetzt ...\" Jon versinkt immer mehr in seinem Sessel. \"Puh, dieses Amsterdam-Zeug macht dich die Gravitation fünfzigfach fühlen.\" Welches Zeug? Muß wohl an seiner Zigarette liegen. Karl bietet mir seine an. Nein danke, ich rauche nicht. \"Du mußt noch fahren, nicht?\" Äh, ja, was hat das damit zu tun? Phil meint in der Tür: \"Ich gehe jetzt runter. Kommt wer mit?\" Tom schlurft mit vollem Mund hinterher: \"Yo, me. Ml sehen, ob sie okay sind!\"
Ach, wartet, ich komme mit. Wir sehen uns ja sowieso im Mai, wenn ihr mit HEAD LIKE A HOLE auf Tour kommt. Dann werde ich auch einen Abend mit euch zusammen spielen. Wir können ja auf der Party vorbeischauen ... oder auch nicht. Im alten Rom hätte man mich ein Dilemma auf Beinen genannt.



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aus Intro #24 (Mai 1995)
 
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