Mercury Rev

drei farben. bunt.

10.04.1995, 20:20, Text: Autor unbekannt

Seit MERCURY REV 1993 mit \"Boces\" versuchten, die unendliche Verwirrung des Kosmos zu kandieren, gab es außer der 1994 auf \"Big Cat\" veröffentlichten Single \"Everlasting Arm\" von den New Yorker Pop-Quantenphysikern nur noch Auflösungsgerüchte zu hören, nachdem Sänger und Gründungsmitglied David Baker das Kollektiv verließ, um SHADY zu gründen. Nichts hat sich aufgelöst. Ganz im Gegenteil. MERCURY REV scheinen mit \"See You On The Other Side\" zur Vollständigkeit geschrumpft. Wo früher alles wucherte, sich gerne in psychedelischen Belanglosigkeiten verlor, der Song immer mehr Experiment als Dokument war, wird heute stärker gefiltert, bewußter losgelassen und den Stücken so ein Hauch von Kontrolle verpaßt.

Durchaus kleidsam, aber, Gott sei Dank, selten wirklich ordentlich oder gar praktisch, will meinen, von überflüssigem Bombast befreit. Bombast ist nun mal per se überflüssig, und MERCURY REV sind Bombast pur, wie man das heutzutage nur sein kann, ohne sich MONSTER MAGNET-alike in hippiesk retro-zierten ELOYismen zu verheddern. Totaler Verzicht hieße also, sich selbst ad absurdum zu führen.
Die Band scheint die Strände, Wiesen und Universen dieser Welt abzusuchen, um aus Sonnencreme, Ameisenstraßen und Sternenstaub ständig neue Hochfrisuren zu zaubern. Fundsache für Fundsache, Haarklammer für Haarklammer. Dann und wann auch mal was weglassend, um Freiräume zu schaffen. \"See You On The Other Side\" ist eine Barbiepuppe mit einem Kleiderschrank bescheuert schöner 35mm-Filmsoundtracks. Fingerfarben fürs Ohr. \"Wir denken in Farben. All unsere Songs und die darin enthaltenen Sounds denken wir uns in Farben. Wenn ein Song zum Beispiel zu viel Silber enthält, ist es für uns schlüssig, sich darüber zu unterhalten, ob man etwas mehr Rot oder weniger Blau verwendet. Blau steht dann einfach für eine bestimmte Art Sound, und uns allen ist klar, in welche Richtung der gehen soll.\"
Farben = Klänge werden also nicht mehr einfach übereinander geschichtet, um ein vorher nicht absehbares Ergebnis zu ereichen, sondern so kombiniert, daß man einem anvisierten Bild möglichst nahekommt. \"Man nimmt ein wenig mehr von dieser oder jener Farbe, variiert den Ton, um schließlich eine Balance zu erreichen. Es ist schon experimentell, weil man nie wirklich weiß, inwieweit es zu guter Letzt gelingt sich anzunähern. Es ist, als würde man zwei Drähte aneinander halten, von denen man zwar weiß, daß es funkt, aber nicht, was es auslöst.\" Experimente werden nicht mehr gemacht, weil sie experimentell klingen, sondern weil sie zu ungewöhnlichen Lösungen und Ergebnissen führen. Weniger HAWKWIND, mehr BRIAN WILSON das Ganze. So sehr sich die Strukturen auch gefestigt haben, so leicht sind sie wieder aufzubrechen. Zeigen wird sich das vor allem live. In Interaktion mit dem Publikum können sich die Stücke schon mal bis zur Unkenntlichkeit verändern, eine erstaunliche Eigendynamik entwickeln, was die Band durchaus zu einem adäquaten Partner für PAVEMENT macht, für die sie auf der \"Wowee Zoee\"-Tour das Vorprogrammm bestreiten werden. Hier haben MERCURY REV keinerlei Berührungsängste mit einem unter Umständen völlig auf den Hauptact eingeschossenen Publikum. Supportjobs, selbst für Künstler wie BOB DYLAN, haben sie gelehrt, daß sie in der Lage sind, die Zuschauer mit in das Bühnengeschehen einzubinden, Teil des musikalischen Kollektivs MERCURY REV werden und am musikalischen Prozeß partizipieren zu lassen. Da, wo PAVEMENT gängige Rockismen und Popstrukturen aufbrechen und versuchen, sich aus der durch Traditionen und durch Äonen-langen unreflektierten Gebrauch verkleisterten Katalog-Populärkultur - Abteilung standardisierte Jugendrevolte - zu lösen, sammeln MERCURY REV versprengte Randerscheinungen und als überholt abgelegte Kernaussagen wieder ein, arrangieren sie neu und versuchen so, im selben, scheinbar überstrapazierten Zusammenhang eine neue Bedeutungsebene zu ereichen. Und gerade dadurch handelt es sich bei den fünfen zu guter Letzt weniger um abstrakt arbeitende Musikhistoriker denn vor allem um eine funktionierende Pop-Band mit einem verzaubernden Sinn für Humor und einer gesunden Portion Ironie. Bauchmusik für den Kopf, oder umgekehrt. Welche Seite hier die jeweils andere inspiriert, ist nicht auszumachen, muß auch nicht. Hypothetisch, das.



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aus Intro #24 (Mai 1995)
 
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