Gutterball
entfernungen spielen keine rolle
08.04.1995, 11:14, Text: Autor unbekannt
Den Kern des Ganzen bildeten vier ausgesprochen versierte Musiker: Steve Wynn, Bryan Harvey, Johnny Hott und Stephen McCarthy. Die Kreuz-und-Quer-Verbindungen zwischen ihren Bands erscheinen nur auf den ersten Blick verwirrend. Zur Erklärung genügt ein kurzer Ausflug in die jüngere amerikanische Rock-Geschichte.
Vor über einem Jahrzehnt gehörte Steve Wynn mit seinem DREAM SYNDICATE zu der losen Gitarrenrock-Szene in Los Angeles, in der sich auch Bands wie die LONG RYDERS, TRUE WEST und GREEN ON RED bewegten. Rock-Historiker bezeichnen diese Strömung gern als \"Paisley Underground\". Bei den LONG RYDERS spielte Wynns Freund Stephen McCarthy, der von der Ostküste nach Los Angeles gezogen war.
Die drei Südstaatler hielten es nicht lange in Los Angeles aus. Sie kehrten zurück nach Richmond, wo die Uhren langsamer gehen und das Klima der Kreativität sehr förderlich ist: \"Ich schreibe gern im Sommer, wenn es so schwülwarm ist, daß sich alles Leben bis zur Kriechgeschwindigkeit verlangsamt\", erzählt Bryan Harvey. \"Die meisten meiner Freunde - und ich - können sich Klimaanlagen nicht leisten. Man kann höchstens kaltes Wasser in die Wanne lassen und sich mit einem Gin Tonic hineinsetzen. So schreibe ich am liebsten.\"
Zum Abschied hatte Harvey Steve Wynn angeboten, er könne ja vorbeischauen, wenn er irgendwann einmal in der Gegend sei. Damit hatte er, ohne es zu ahnen, den Grundstein für GUTTERBALL gelegt. \"Irgendwann hatte ich in Nashville zu tun und dachte, da ist Richmond ja ganz in der Nähe\", erzählt Steve Wynn. \"Also rief ich Bryan an und sagte ihm, ich wäre auf dem Weg.\" Harvey reagierte zu Recht überrascht; zwischen Nashville und Richmond liegen immerhin 1000 Kilometer. \"Es war mitten im Winter, kalt, und wir hatten nichts zu tun, also schrieben wir Songs\", beschreibt Wynn die GUTTERBALL-Anfänge.
Aus dem Vorbeischauen wurde eine zweitägige Session, zu der nach und nach Johnny Hott, Steve McCarthy und Bob Rupe, der in Richmond lebende Bassist der SILOS, dazustießen. Die Inspiration der Stunde nutzend, gingen die Musiker gleich ins nächste Studio und nahmen zehn Songs auf. Zusammen mit zwei später eingespielten Stücken ergaben sie das Material für das erste GUTTERBALL-Album. Der winterliche Zeitvertreib hatte eine Kultband hervorgebracht: \"Es war überhaupt nichts beabsichtigt\", winkt Wynn ab. \"Die Dinge sind uns etwas entglitten.\"
Der Name der Band drückt bereits aus, mit welcher Einstellung ihre Mitglieder ans Werk und durchs Leben gehen: Ein \"gutterball\" ist ein Wurf mit der Bowlingkugel, der keinen einzigen Kegel umhaut. Die selbstironische \"Daneben, aber Spaß macht's trotzdem\"-Haltung findet sich in jedem ihrer Songs wieder. Musikalisch in ihrer Entspanntheit eine Band, wie sie nur im amerikanischen Süden wirklich gedeihen kann, beschäftigen sich GUTTERBALL in ihren Texten mit Themen, die andere Bands mit Punk und Metal unterlegen würden. Bei ihnen klingt alles so nett und heiter, daß man bei oberflächlichem Hören den bösen Witz nicht mitkriegt, der in den Zeilen steckt.
Das Arbeitsprinzip hat sich auch beim zweiten Album nicht geändert: GUTTERBALL suchten sich ein Studio und fingen einfach an. Alkohol war im Spiel, und wieder dauerte es nur wenige Tage, bis die Songs aufgenommen waren. Das hatte nicht so viel mit der Genialität der Beteiligten zu tun, sondern eher mit finanziellen Zwängen: \"Musiker wie wir können kein Geld verdienen\", erklärt Bryan Harvey, \"also müssen wir unsere Platten billig einspielen.\" Für Bob Rupe kam Armistead Wellford in die Band, doch sonst ist fast alles beim alten geblieben. Steve Wynn lebt allerdings inzwischen in New York. \"Ich bin froh, aus Kalifornien weg zu sein\", sagt er. \"Ich lebe gern in New York, es ist so spannend und großstädtisch. Und mit GUTTERBALL ist es jetzt auch einfacher.\" Die anderen Bandmitglieder leben nämlich sozusagen um die Ecke. Nach Richmond sind es von New York ja nur noch knappe 600 Kilometer.
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